Miese E-Mail-Masche mit Aktien-Tipps

Geldanlage: - Die Verlockung ist groß, oft größer als die Vernunft. Immer mehr Menschen fallen auf Betrüger herein, die E-Mails mit angeblich todsicheren Aktien-Tipps versenden.

Der anonyme Tippgeber ist sicher: "Diese Aktie wird explodieren." Um jeden Zweifel auszuräumen, wird gleich noch ein gewinnträchtiges Kursziel mitgeliefert. Seit Wochen werden die elektronischen Briefkästen von Millionen Bundesbürgern mit immer neuen vermeintlich heißen Aktientipps geflutet. Verbraucher bekommen die dubiosen Kaufaufforderungen zum Teil täglich im Fünf-Minuten-Takt zugemailt. Gegen die Spammer ist offenbar kein Kraut gewachsen - außer ihre Mails konsequent wegzuklicken.

Die Absicht der Absender ist eindeutig: Ihre angeblichen Insidertipps sollen ahnungslose Privatanleger dazu bringen, schnell zuzugreifen. Wer sich in der Hoffnung auf Aktiengewinne übermütig darauf einlasse, werde allerdings den Kürzeren ziehen, warnt Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Die Mails sollen kurzfristig die Kurse anheizen. Richtig Kasse machten aber nur die unbekannten Geschäftemacher, gutgläubige Anleger zahlten drauf.

Bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wird das Phänomen mit Sorge beobachtet. Die Behörde warnt eindringlich davor, die ungebetenen Tipps als Basis für den Aktienkauf zu nutzen. Mehrere Dutzend Wertpapiere seien bereits auf diese Weise anonym beworben worden, berichtet Bafin-Sprecherin Anja Neukötter. Wie viele Kleinanleger die Empfehlungen tatsächlich zum Anlass nahmen und auf den Börsenzug aufsprangen, ist nicht bekannt. Klar ist nur: Bei vielen der empfohlenen Wertpapiere stieg der Kurs von einem Tag auf den anderen unvermittelt steil an, ohne realistischen Hintergrund. "Einige Werte gingen um 30 Prozent hoch", hat Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), beobachtet.

Die Masche, die hinter dem künstlichen Kursfeuerwerk steckt, ist stets gleich: Die Spammer picken sich fast ausschließlich Pennystocks heraus - das sind Aktien, die weniger als ein Euro kosten und in der Regel im Freiverkehr kaum gehandelt werden. Sie decken sich mit dem Wert dann selbst ein, bevor sie ihre Kaufempfehlung millionenfach durchs Internet jagen. Lassen sich nur etwa zehn oder 15 Leute mit jeweils 500 oder 1000 Euro Einsatz darauf ein, schießt der Kurs kräftig in die Höhe. "Bereits wenige Käufe wirken als Hebel", erklärt Kurz. Geht ihre Rechnung auf, ziehen sich Spammer blitzschnell aus der Aktie zurück und streichen den Gewinn ein. Unbedarfte Anleger, die sich gerade noch freuten, müssen dann mitansehen, wie der Wert ihres "heißen Tipps" in sich zusammenbricht.

"Die Betrüger appellieren an die Gier der Menschen", warnt Straub. Als Lockmittel dienen lediglich fantasievoll formulierte Kursziele. Handfeste Gründe, warum die Aktie plötzlich nach oben gehen sollte, werden in den Mails nicht einmal erwähnt.

"Wir raten dringend dazu, Aktien-Spam sofort in den Papierkorb zu klicken", betont Straub. Inzwischen mischten auch so genannte Daytrader beim Kurshochtreiben mit, ist DSW-Sprecher Kurz überzeugt. Das sind Privatleute, die sich auf den blitzschnellen Aktienhandel spezialisiert haben und innerhalb weniger Stunden kaufen und wieder verkaufen. Als Vorbild dient ganz offensichtlich Amerika. Dort versuchen Banden schon seit längerem, durch Massen-Mails den schnellen Gewinn mit Pennystocks zu machen.

Dass das Konzept aufgeht, haben jetzt zwei deutsche Wissenschaftler der Universitäten Dresden und Mannheim nachgewiesen. In ihrer Studie haben die Informatiker Rainer Böhme und Thorsten Holz Zusammenhänge zwischen Aktienkurs, Handelsvolumen und anonymer Kaufempfehlungen per Mail aufgedeckt. Die betroffenen Firmen wissen oft gar nicht, was mit ihren Wertpapieren angestellt wird.

Die Spammer blieben bislang unentdeckt. "Es ist schwierig, an die Absender heranzukommen", räumt Bafin-Sprecherin Neukötter ein. Ihre Behörde versucht derzeit, auffällige Handelsmuster aufzuspüren. Wer bei der Manipulation von Kursen erwischt wird, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft. Mit Rücksicht auf normale Aktieninhaber haben Börsen und Bafin bislang darauf verzichtet, die Kurse betroffener Wertpapiere vom Handel auszusetzen, wie in den USA des öfteren schon praktiziert.

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