Milch-Boykott zeigt Wirkung: Erste Molkerei zahlt höhere Preise

München/Würzburg - In ihrem seit neun Tage anhaltenden Liefer-Boykott für einen höheren Milchpreis haben die Bauern in Bayern einen ersten Erfolg erzielt. Die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau eG zahlen rückwirkend zum 1. Juni 43 Cent pro Liter konventionell erzeugter Milch, wie ein Unternehmenssprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur dpa bestätigte.

Dies entspricht genau der Forderung des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Für den Liter Bio-Milch erhalten die Landwirte sogar 52 beziehungsweise 51 Cent. Im Mai hatte die Molkerei ihre Preise auf zwischen 38 und 48 Cent gesenkt.

Der BDM begrüßte die Preisanhebung. Mit dieser Aktion gehe die Molkerei in erhebliche Vorleistung, da beim Handel die hierfür notwendigen Preiserhöhungen erst durchgesetzt werden müssten, hieß es in einer Mitteilung. Der BDM empfahl den Lieferanten der Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau die Einstellung des Liefer-Boykotts. Alle anderen Bauern sollten ihre Milch aber weiterhin auf dem Hof lassen.

Flächendeckend war derweil auch am Mittwoch kein Ende des Milch-Lieferstopps in Sicht. "Rund 65 Prozent der Landwirte in ganz Bayern beteiligen sich weiterhin an dem Lieferstopp", sagte der BDM-Landesvorsitzende Balthasar Brandhofer, am Mittwoch in Waakirchen (Landkreis Miesbach). "Wir brauchen bald eine Lösung", sagte Brandhofer und appellierte damit an die Milchindustrie, den Forderungen der Landwirte nach mindestens 43 Cent pro Liter Milch nachzugeben. Zuletzt lag der Milch-Preis in Deutschland je nach Region zwischen 27 und 35 Cent je Liter.

Unterdessen befolgten nach einer Übersicht der Polizei nahezu alle Landwirte den Aufruf des BDM vom Vortag, die Blockaden vor Molkereien einzustellen. Brandhofer kündigte an, dass sich auch Bauern aus Bayern an der für diesen Donnerstag geplanten Kundgebung der Milchviehhalter am Brandenburger Tor in Berlin beteiligen werden. Während der Verband der privaten Milchwirtschaft beklagte, dass Landwirte, die sich dem Milch-Boykott verweigern, unter Druck gesetzt würden, sprach der BDM-Landesvorsitzende von Einzelfällen. "Die Nerven liegen blank", erläuterte Brandhofer.

Uneinheitlich stellt sich die Lage für die Verbraucher dar. In einzelnen Supermärkten werden Milchprodukte bereits rar, in anderen Geschäften sind die Regale nach wie vor voll. Der Landesverband des Bayerischen Einzelhandels (LBE) ging am Mittwoch davon aus, dass die Aufhebung der Molkerei-Blockaden für Entspannung sorgt und etwaige Lücken in den Kühlregalen rasch geschlossen werden könnten. Bauern, die sich an dem Boykott beteiligen, schnitten sich letztlich vor allem ins eigene Fleisch, sagte Bernd Ohlmann vom LBE. "Wenn keine Milch aus Deutschland verfügbar ist, kaufen die Verbraucher irische Butter oder französischen Joghurt."

Unterdessen hatte der Verband der privaten Milchwirtschaft am Mittwoch noch keinen Überblick über die Produktionssituation in den Molkereien. Auch wie lange der Boykott noch andauern werde, lasse sich nicht prognostizieren, sagte Verbandsgeschäftsführerin Susanne Nüssel. Man werde das Gespräch mit dem Handel suchen, auch um zu signalisieren, dass die Milchwirtschaft bestrebt sei, ihre Lieferverträge einzuhalten. Mit Blick auf die Preisforderungen der Bauern erklärte Nüssel aber: "Solange wir in der Situation sind, dass wir nicht genügend Milch haben, werden die Gespräche über die Preise mit dem Handel erschwert." Maßgeblich sei außerdem weniger die Entwicklung in Deutschland als vielmehr der Weltmarkt.

Einzelne Unternehmen meldeten derweil wieder normalen Betrieb. Ein Sprecher der Milchwerke Fränkische Rhön in Bad Kissingen sagte: "Die Molkerei läuft wieder. Wir können aktuell produzieren und ausliefern." Dagegen setzten die Milchbauern ihre Proteste in Ochsenfurt fort. Vor dem Milchwerk hatten sich nach Angaben der Polizei aus Würzburg etwa 200 Landwirte zu einer Kundgebung versammelt. Die Veranstaltung des Bauernverbandes, bei der die Landwirte mit rund 40 Traktoren vor dem Werk standen, war nach etwa einer Stunde ohne Zwischenfälle zu Ende.

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