Milchpreis-Explosion stößt auf scharfe Kritik

Berlin - Die Bundesregierung hält den rasanten Preisanstieg bei Milchprodukten für völlig überzogen. "Es ist gut, wenn die Bauern mehr bekommen, es wäre aber schlecht, sollte der Handel die Situation jetzt ausnutzen", sagte Agrarminister Horst Seehofer (CSU) am Montag.

Die höheren Erzeugerpreise und die weltweite Verknappung von Milch und Milchprodukten rechtfertigten keine solche Belastung der Verbraucher. Ein Päckchen Butter könnte nach Berechnung der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) mehr als 35 Cent teurer werden, eine kleine Packung Quark um mehr als zehn Cent. Der Bauernverband verteidigte den Preisanstieg und rechnet mit weiteren Erhöhungen.

Das Bundeskartellamt will die Preise unter die Lupe nehmen. Es erscheine auf den ersten Blick seltsam, dass sie flächendeckend angehoben werden sollten, sagte eine Behördensprecherin dem Sender NDR Info. Die Bundestagsopposition warnte vor "Abzocke". "Die Milchbauern kriegen nur ein paar Cent mehr pro Liter, den Rest kassiert der Handel", sagte die stellvertretende Grünen- Fraktionschefin Bärbel Höhn. Der FDP-Agrarpolitiker Hans-Michael Goldmann verlangte eine maßvolle Preispolitik. Die Linksfraktion- Abgeordnete Kirsten Tackmann warnte davor, dass Milchprodukte für Familien mit geringem Einkommen zu teuer werden könnten.

Die Bauern halten Butter und Quark weiter für bezahlbar. Ein kleines Päckchen Butter habe vor knapp 25 Jahren umgerechnet 1,32 Euro gekostet, der Preis für Milch liege auf dem Niveau von Anfang der 1990er Jahre. "Im langfristigen Trend werden sich die Milchpreise nach oben bewegen", sagte Generalsekretär Helmut Born der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die höheren Preise müssten aber den Bauern zu Gute kommen. Die Milchbauern kritisierten, bei ihnen sei bisher nichts von den ausgehandelten Preiserhöhungen zwischen Molkereien und Discountern angekommen. Der niedersächsische Agrarminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) sagte der Tageszeitung "Die Welt" (Dienstag), Preissteigerungen auch von 50 Prozent seien "völlig in Ordnung" und notwendig.

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels warnte trotz erster Preiserhöhungen führender Handelsketten bei Butter vor Panikmache. "Wir wissen nicht, ob alle Marktteilnehmer dem Ganzen folgen", sagte Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. Es werde weiter Preisaktionen mit Butter geben. Die Milchindustrie bezeichnete die Preiserhöhungen im ZDF als "für den Verbraucher erträglich" und rechnet im weiteren Jahresverlauf mit weiteren Erhöhungen.

Der Grund für den Preisruck ist nach Ansicht des Bauernverbands die gestiegene Nachfrage aus China, Indien, aber auch aus Russland und den neuen EU-Staaten aus Mittel- und Osteuropa. Langfristig werde der Anbau nachwachsender Rohstoffe stärker zum Preisanstieg beitragen, unter anderem weil Futtermittel teurer werde. Auch Dürreperioden in Australien haben aus Expertensicht zur Knappheit des Angebots geführt. Die ZMP geht davon aus, dass die derzeitige Marktlage etwa ein Jahr anhält. Die EU-Kommission will im Herbst einen Bericht zur Lage auf dem Milchmarkt vorlegen.

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