Milde Töne vom Top-Berater: In Deutschland ist viel geschehen

- München - Er kennt wohl mehr Firmengeheimnisse als sonst jemand in Deutschland. Roland Berger beriet nahezu alles, was in der deutschen Wirtschaft Rang und Namen hat. Obwohl er sich aus der Führung seiner Firma zurückgezogen hat, bezieht er weiter Stellung - als Ratgeber der Politik und Streiter für Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft.

<P>Die Branche denkt konservativ bis liberal. Auch Berger ist übertriebener Sympathien für Rot-Grün unverdächtig. Doch fällt sein Urteil über die Regierung Schröder erstaunlich milde aus. Es sei viel geschehen, sagt er. Die völlige Veränderung des außen- und verteidigungspolitischen Paradigmen verbucht er auf der Habenseite, das veränderte Staatsbürgerschaftsrecht, das Einwanderungsgesetz und die Steuerreform. Doch als wichtigsten Schnitt betrachtet er die Rentenreform: "Dabei ist gleichzeitig ein System- und ein Paradigmenwechsel gelungen", sagt er und nennt die kapitalgedeckte Rente und den Verzicht auf Arbeitgeberbeiträge.<BR><BR>Berger honoriert wohl auch, dass sein Rat bei Gerhard Schröder in vielen Punkten auf offene Ohren gestoßen ist. Und kleidet das in Zahlen: "In 16 Jahren Kohl ist mein Spitzensteuersatz von 56 auf 53 Prozent gefallen, in sechs Jahren Schröder von 53 auf 42."<BR><BR>Ein Freund von Rot-Grün? Mit anderen Forderungen dürfte Berger kaum Gehör bei der Regierung finden. Er will die deutsche Sozialquote von 33 Prozent des Bruttosozialprodukts dramatisch senken. 26 Prozent schweben ihm vor. "So könnten wir die Arbeitskosten entlasten und mehr Geld freimachen für Investitionen in die Zukunft, zum Beispiel Bildung und Innovation."<BR><BR>An diesem Punkt überrascht er mit einem Plädoyer für die Chancen von Frauen im Beruf. "Frauen vor die Entscheidung Kinder oder Arbeit zu stellen ist kein Zukunftsmodell für unsere Gesellschaft", sagt er. Doch spricht hier kein Sozialreformer, sondern der Ökonom: "Solange wir die Hälfte der deutschen Intelligenzreserve brachliegen lassen, wird das Land nicht die Leistung erbringen, die es erbringen könnte." Frankreich sieht er hier als Vorbild: Für gescheite Kinderbetreuung sorgen, schlägt er vor, die Absetzbarkeit von Haushaltshilfen und ein familienfreundliches Steuersplitting. Das habe dafür gesorgt, dass Französinnen im gebärfähigen Alter 1,9 Kinder bekommen (in Deutschland liegt diese Quote bei 1,3) und gleichzeitig die Beschäftigungsquote der Frauen höher liegt. <BR><BR>Mehr und bessere Kinderbetreuung verbessert in Bergers Augen auch die Chancen für den Nachwuchs: "Kinder im Vorschulalter tun sich leicht, zwei Sprachen nebeneinander fehlerfrei zu erlernen", sagt er. Auch lesen und rechnen würde er am liebsten in die Vorschule verlagern.<BR><BR>Befreit vom Tagesgeschäft, denkt Berger gern weiter in die Zukunft. Auch in die Zukunft der Unternehmensverfassung. Die in der Öffentlichkeit heiß diskutierte Offenlegung von Vorstandsgehältern hat für Berger "die geringste Priorität". Sie würde am Ende vor allem dazu führen, dass Vorstandsgehälter steigen, merkt er an - ganz einfach deshalb, weil sich Manager bei den eigenen Gehaltsforderungen dann an den Bezügen ihrer besser verdienenden Kollegen orientieren. Ganz andere Probleme seien zu lösen: "Gesamtverantwortung im Vorstand ist eine antiquierte Einrichtung, zumal die meisten Unternehmen divisional aufgestellt sind", kritisiert Berger. "De facto ist so der für Chemie zuständige Vorstand von Bayer mitverantwortlich für die Folgen, die dem Konzern durch die Rücknahme des Medikaments Lipobay vom Markt entstanden sind."<BR><BR>Solche Regelungen hält Berger für ebenso überholt wie die überbetriebliche Mitbestimmung der Gewerkschaften in Aufsichtsräten. Die Orientierung am "langfristigen Shareholder Value", durch den auch die Mitarbeiterinteressen abgedeckt werden. "Dieses Modell der überbetrieblichen Mitbestimmung der Gewerkschaften in Aufsichtsräten" prognostiziert Berger, "wird in Europa nicht überleben".</P>

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