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In Biogas-Anlagen wird Gülle zu Strom verarbeitet. Effizienter, aber auch teurer ist die Energieproduktion aus Mais oder Gras.

Ökostromreform

Milliarden-Kompromiss für die Bioenergie

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München - Für die Biogas-Branche ist es eine gute Nachricht: Auf Druck Bayerns fällt die künftige Förderung im neuen Ökostromgesetz üppiger aus als zunächst vom Bund geplant. Bezahlen werden das die Verbraucher.

In der CSU erzählt man die Anekdote mit Genugtuung. Am Mittwochabend hatte Ministerpräsident Horst Seehofer die Verhandlungsrunde der Länderchefs zur Ökostromreform noch wortlos vorzeitig verlassen. Er hatte sich bei der Förderung der für Bayern so wichtigen Biomasse nicht durchsetzen können. Das sei genau richtig gewesen, meinen Parteifreunde. Schon am nächsten Tag seien die Gesprächspartner „außerordentlich freundlich“ gewesen. Seehofer bekam, was er wollte – zumindest in diesem Punkt.

Strom aus Biogas soll auch weiter ausgebaut und finanziell gefördert werden. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) spricht von einer „verlässlichen wirtschaftlichen Perspektive über 2020 hinaus“. In dem Jahr läuft für erste Anlagen die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorgesehene 20-jährige Förderperiode aus. In der Branche warnt man vor einem massenhaften Rückbau der Kraftwerke, weil diese sich dann nicht mehr lohnten.

Der Kompromiss von Bund und Ländern sieht nun vor, dass die Biomasse in den nächsten sechs Jahren um 1050 Megawatt ausgebaut werden soll – 2017 bis 2019 sollen 150 Megawatt jährlich hinzukommen, 2020 bis 2022 jährlich 200 Megawatt. Bayern wollte mehr, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) plante aber deutlich weniger Zubau. Ein für Bayern zentraler Punkt: An den künftig obligatorischen Ausschreibungen sollen sich auch bereits bestehende Anlagen beteiligen dürfen. Kommen sie zum Zug, werden sie auch über 20 Jahre hinaus gefördert. In der Branche sieht man das Ergebnis positiv. Im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen sei der Kompromiss „ein Schritt nach vorne“, sagt Edmund Langer, Vorstand beim Bundesverband Bioenergie.

Bayern neben Niedersachsen führendes Biogas-Land in Deutschland

Bayern ist neben Niedersachsen das führende Biogas-Land in Deutschland. Knapp 2040 Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 790 Megawatt stehen im Freistaat. 2014 speisten sie rund 7,5 Terawattstunden Strom ein – mehr als alle Haushalte einer Metropole wie Berlin jährlich zusammen verbrauchen. Der Markt stagniert allerdings. Die beiden vergangenen EEG-Novellen hatten der Branche zugesetzt. 2012 hatte die Politik die Einspeisemengen gedeckelt, 2014 wurden dann die Vergütungssätze drastisch reduziert. Seitdem kamen kaum noch Anlagen hinzu.

Für die aktuellen Reformpläne kursierten düstere Prognosen. In einigen Jahren fallen reihenweise Anlagen aus der Förderung heraus. Ohne Anschlussregelung müsse man von einer Stilllegung der meisten Kraftwerke ausgehen, heißt es in einem Papier des Deutschen Biomasseforschungszentrums in Leipzig und des Helmholtz Zentrums.

Aber auch mit der von Gabriel ursprünglich geplanten Anschlussregelung würde es demnach rasant abwärts gehen, weil deutlich mehr Anlagen wegfallen würden als neu hinzukommen. Bis 2035 würde die installierte Biogas-Leistung in Deutschland von derzeit 6600 Megawatt demnach auf die Hälfte zusammenschmelzen. In der Folge werde sich der Bestand dann bei „etwas über 1000 Megawatt einpegeln“, heißt es. Das wäre nur noch ein knappes Sechstel im Vergleich zum Status quo.

Mit dem nun beschlossenen Kompromiss dürfte die Entwicklung weniger dramatisch ausfallen. Wie sich der Markt entwickelt, hängt auch von den Höchstfördersätzen ab, die erst noch festgelegt werden. Ohne staatliche Förderung dürften Biogasanlagen bei niedrigen Strompreisen an der Börse allerdings auch langfristig auf staatliche Zuschüsse angewiesen sein. Gegenüber Wind und Sonne hat Biogas zwar den Vorteil, dass man es speichern und flexibel zur Stromproduktion einsetzen kann. Allerdings ist die Produktion teurer. Ob Mais, Gras, Gülle oder Essensreste – die Anlagen brauchen Substrat. Und das kostet Geld.

Laut Bundesregierung führt der jetzige Biomasse-Kompromiss erstmal zu Mehrkosten von 250 Millionen Euro pro Jahr. Später steigt die Summe auf 550 Millionen Euro – zu zahlen von allen Stromverbrauchern. Das ist die Kehrseite des bayerischen Verhandlungserfolgs.

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