Milliarden-Schäden für deutsche Firmen

München/ Shanghai - Bei ihrer China-Reise hat Angela Merkel das Thema Produktpiraterie ganz oben auf die Liste der Gesprächsthemen gesetzt. Damit reagiert die Kanzlerin auf Klagen der deutschen Wirtschaft über Milliarden-Schäden. Die Firmen haben es dort noch immer schwer, sich gegen den teils staatlich gedeckten Ideenklau zu wehren.

Anton Kathrein bringt nach 30 Jahren unternehmerischen Engagements in China so leicht nichts mehr aus dem Takt. Vor einiger Zeit aber, auf einer Messe, musste selbst der Inhaber der Rosenheimer Kathrein AG um seine Fassung ringen: Ein chinesischer Manager besuchte den Stand des weltweit führenden Antennenherstellers. In der Hand hielt er eine Weinflasche, die er den oberbayerischen Ausstellern überreichte. "Er wollte uns zu unseren tollen Produkten gratuliert, die er mit seiner Firma nachgebaut hat", erzählt Kathrein.

Der Bayer ist längst nicht der einzige Unternehmer aus Deutschland, der in China mit tollkühn auftretenden Produktpiraten zu kämpfen hat. Seitdem das Reich der Mitte in den 90er-Jahren seine Grenzen für ausländische Investoren schrittweise öffnete und immer mehr Firmen ins Land strömten, mehren sich die Beschwerden über mit Füßen getretene Marken- und Patentrechte. "Hier wird mittlerweile schneller kopiert als man schauen kann", sagt Gerd Kerkhoff, der mit seiner Beratung Kerkhoff Consulting ein Büro in Shanghai unterhält.

Nicht dass China das einzige Land wäre, in dem Kopierbanden ihr Unwesen treiben. Auch in Italien, Osteuropa und anderen asiatischen Staaten wird seit Jahren abgekupfert. Doch nirgendwo erreicht der Plagiatismus eine solche Dimension wie in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Von den 250 Millionen gefälschten Waren, die Zöllner in den EU-Staaten im Jahr 2006 aus dem Verkehr zogen, stammten fast 90 Prozent aus der Volksrepublik.

Nachgemacht wird quer durch alle Branchen und Warengruppen. Längst geht es dabei nicht mehr nur um T-Shirts von Adidas oder Louis-Vitton-Täschchen. Die Täter gehen heute so fingerfertig zu Werk, dass sie selbst Abfüllanlagen der Firma Krones, Reisebusse von MAN oder eben Kathrein-Antennen eins-zu-eins nachbauen können - zumindest rein äußerlich.

Die betroffenen deutschen Unternehmer registrieren das Treiben mit Schrecken. Nicht nur dass ihnen ein teils immenser Umsatzverlust entsteht, den der Industrie- und Handelskammertag in Berlin auf insgesamt mehrere Milliarden Euro im Jahr schätzt. Auch die Reputation muss mitunter leiden. Denn meist sind die falschen Teile von schlechter Qualität, werden aber unter dem Markennamen des Originals samt täuschend echter Verpackung vertrieben. Für Schlagzeilen sorgte unlängst ein chinesisches Unternehmen, das lange Zeit unter dem Namen der japanischen Computerfirma NEC Geschäfte machte. Der Schwindel flog erst auf, als die Zahl der Beschwerden über defekte Teile überhandnahm.

"Wenn dann plötzlich ein Auto dasteht, das aussieht wie ein Smart, aber keiner ist, dann ist das nicht gut."

Kanzlerin Angela Merkel zu Produkt-Fälschungen

Die Möglichkeiten der ausländischen Unternehmen, gegen den Know-How-Klau in China vorzugehen, sind vor allem für kleinere Gesellschaften begrenzt. Zwar ist das Land 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten und hat sich damit verpflichtet, den Schutz geistigen Eigentums zu gewährleisten. Doch in der Praxis haben geschädigte Unternehmen gerade abseits der großen Metropolen Shanghai und Peking noch immer Schwierigkeiten ihr Recht durchzusetzen.

"Dort fehlt die juristische Infrastruktur", sagt Bernd-Uwe Stucken, der für die Kanzlei Salans seit Jahren in China tätig ist. Nach seinen Worten sind die Richter zudem häufig nicht unabhängig. Und selbst wenn es gelingt, einen Anspruch wegen Patentverletzungen durchzusetzen, sei nicht sicher, ob jemals Schadenersatz gezahlt wird. Ein Grund dafür ist, so spekuliert mancher Manager, dass der chinesische Staat Technologieklau deckt. Nicht selten erhalten sie dafür sogar Fördergelder, wie der Mitarbeiter einer bayerischen Maschinenbaufirma hinter der Hand sagt.

Aber es könnte bald besser werden. Nicht nur, weil ausländische Politiker wie derzeit Kanzlerin Angela Merkel zunehmend Druck auf die Zentralregierung in Peking ausüben, um den Produktpiraten das Handwerk zu legen. Auch viele chinesische Unternehmen wie der Computerhersteller Lenovo oder der Elektronikkonzern Huwei leiden mittlerweile unter den Fälschungen aus dem eigenen Land, und versuchen gegen die Täter vorzugehen. "Das ist ein gutes Zeichen", sagt Anton Kathrein.

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