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Der frühere Opel-Lehrling und Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) über die Krise des Autobauers.

Norbert Blüm zu Opel: "Mir blutet das Herz"

Rüsselsheim - Norbert Blüm, 1935 in Rüsselsheim geboren, kam 1949 als Lehrling zu Opel - als einer von 1000 Bewerbern für damals 20 Stellen. Als Arbeitsminister (1982-1998) war Blüm der einzige, der während der  gesamten Kanzlerschaft von Helmut Kohl dem Bundeskabinett angehörte.

Über seine Lehrjahre sagt der Politpensionär heute: „Ich hätte die CDU nie überlebt, hätte ich nicht bei Opel in der Werkzeugmacherlehre Ausdauer geübt.“ 

Herr Blüm, wie geht es einem bekennenden Opelianer, wenn er zuschauen muss, wie seine frühere Firma an die Wand fährt?

Norbert Blüm: Hoffentlich kommt es nicht soweit. Ich kann nur sagen: Mir blutet das Herz. Die Opelianer bauen gute Autos – 2009 sogar das „Auto des Jahres“. Das Unternehmen ist nur deshalb in  Probleme geraten, weil der amerikanische Mutterkonzern ständig in die Suppe spuckt. General Motors ist das Musterbeispiel eines Wasserkopfes: In Detroit gibt es mehr Vorarbeiter als Arbeiter. Und alle dachten immer nur in der Kategorie Kostensenkung. Das Beispiel Opel zeigt, dass das sehr teuer werden kann. Denken Sie nur an den Ex-Manager López, der ganze Zuliefer-Ketten ruiniert hat, weil er nichts anderes im Kopf hatte als Preissenkung. Das ging auf Kosten der Qualität und hat dem Ruf von Opel sehr geschadet.

Sie werfen dem Mutterkonzern GM vor, er habe Opel als „Goldgrube“ betrachtet. Die Vorstandschefs aus den USA hätten sich aufgeführt wie Cowboys, die über eine Ranch reiten…

Blüm: Manche Manager glauben, sie könnten die ganze Welt umrunden, ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf kulturelle Unterscheide. Die Globalisierungsideologie ist gescheitert – das kann man am Beispiel Opel gut erkennen:  In 20 Jahren durchliefen 15 Vorstandsvorsitzende das Werk in Rüsselsheim. Alle kamen aus den USA. Die Menschen, die in Deutschland arbeiteten, spielen eigentlich keine Rolle mehr. Früher haben sich die Opel-Arbeiter mit ihrem Werk identifiziert. Da war man stolz, Opelianer zu sein. Und wehe, es hat einer was gegen den Chef oder die Firma gesagt. Heute werden die Arbeiter behandelt wie Ersatzteile. Warum sollte da einer das Management verteidigen? Die Spitze denkt nur materiell. Aber Loyalität ist keine materielle Sache, das hat etwas mit wechselseitiger Anerkennung zu tun

Sind nicht auch die Produkte schuld an der Krise?

Blüm: Opel hätte mühelos modernere Autos bauen können, mit neuartigen Antriebstechnologien. Doch offenbar hat die Konzernspitze in den USA das nicht gewünscht. Es scheiterte also nicht am Ingenieurwissen, es scheiterte am Bimbes – am kurzfristigen Renditedenken von Managern, die von der Hand in den Mund leben. 

General Motors will angeblich das Werk in Bochum schließen, ein weiteres Werk in Eisenach soll verkauft werden. Wie wird die Belegschaft darauf reagieren?

Blüm: Das gibt Rabatz! Eisenach ist das modernste Automobilwerk der Welt, auch Bochum arbeitet hervorragend. Das Problem sind doch nicht die Mitarbeiter oder die Autos, die in Deutschland gebaut werden. Das Problem ist die beschissene Konzernstrategie.

Soll sich der deutsche Staat an Opel beteiligen, um den Autobauer vor der Pleite zu retten?

Blüm: Ja. Es geht jetzt ums Überleben. Ich halte nichts von Leuten, die die Welt zugrundegehen lassen, nur um ihre Grundsätze zu bewahren. Es ist ja noch keine Verstaatlichung, wenn sich der Staat vorübergehend an einem Konzern beteiligt. Das hat es unter Ludwig Erhard auch gegeben. Sonst hätte der Staat in den letzten 20 Jahren nicht so viel privatisieren können. Ich warne davor, sich jetzt ausschließlich an die Ratschläge der Nationalökonomen zu halten. Im Vergleich zur Créme der deutschen Volkswirtschaft waren die Berechnungen der Hofastrologen im Mittelalter wirklich präzise. 

Und was machen Sie, wenn morgen Mercedes oder BMW anklopft?

Blüm: Man muss jeden Fall einzeln betrachten. Bei Opel ist es so, dass die Mitarbeiter ganz eindeutig Opfer von Konzern-Entscheidungen sind, deshalb haben sie Hilfe verdient.

Welches Auto fahren Sie eigentlich?

Blüm: Einen Opel Astra. Ein gutes Auto, ich bin mit dem Ding sehr zufrieden. Einmal Opelianer, immer Opelianer!

Das Gespräch führte Holger Eichele.


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