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Roland Schreiner, 42, ist neuer Chef der Schreiner Group.

Wie ein Mittelständler kluge Köpfe findet

Oberschleißheim – Mit Etiketten für Damenwäsche fing 1951 alles an. Heute ist die Schreiner Group mit Sitz in Oberschleißheim einer der innovativsten Mittelständler Deutschlands.

Rund 800 Mitarbeiter drucken auf 70 000 Quadratmetern Funktionsetiketten vor allem für Pharmaindustrie und Automobilbranche. Die Schreiner Group verkauft selbstklebende Etiketten in die ganze Welt. Der Jahresumsatz liegt bei rund 130 Millionen Euro. Vor kurzem hat Roland Schreiner, 42, die Geschäftsführung übernommen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie man als Mittelständler international erfolgreich ist und kluge Köpfe findet.

Herr Schreiner, Ihre Großeltern haben 1951 die „M. Schreiner Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten“ gegründet. Büro im Wohnzimmer. Produktion in der Garage. Hat die Schreiner Group von heute damit noch irgendetwas zu tun?

Die Produkte von heute haben mit denen von damals nicht mehr viel zu tun, auch die Produktionsverfahren sind deutlich anders. Aber schon damals standen drei unserer Werte, nämlich Innovation, Qualität und Leistungskraft im Mittelpunkt. Die Zeiten nach dem Krieg waren schwer. Meine Großeltern mussten viel und hart arbeiten, um mit einfachen Hilfsmitteln Qualitätsprodukte zu erzeugen. Damit haben sie den Grundstein der heutigen Schreiner Group gesetzt.

Die Schreiner Group stellt Etiketten her. Da denkt man zuerst an Preisschilder im Supermarkt.

Wir werden leider schnell in die falsche Schublade gesteckt. Unsere Produkte sind in der Regel Funktionsetiketten, können also mehr als nur kleben.

Was zum Beispiel?

Bekannt ist die Feinstaubplakette, die durch sehr viele Sicherheitsmerkmale fälschungssicher ist. Eines unserer neusten Produkte für die Pharmaindustrie heißt Needle-Trap. Das sind Etiketten für Einwegspritzen mit einem integrierten Nadelschutzsystem. Nach der Anwendung klickt der Arzt die Nadel in ein Spritzgussteil, das im Etikett integriert ist und ist so sicher vor Stichverletzungen.

Ihr Vater hat einmal gesagt: „Jede Zeit braucht eine andere Persönlichkeit“. Jetzt ist Ihre Zeit als Geschäftsführer angebrochen. Wie unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Ihres Vaters, der 38 Jahre lang das Unternehmen geleitet hat?

Mein Vater war ein typischer Vertreter seiner Generation, ich bin ein typischer Vertreter meiner Generation. Die Generation meines Vaters hat einen eher patriarchalischen Führungsstil ausgeübt. Mein Führungsstil ist der heutigen Zeit angepasst. Ich bringe Mitarbeiter zusammen, binde sie ein und erarbeite gerne mit ihnen gemeinsam Ergebnisse.

Wie äußert sich das?

Ich habe dieses Jahr zum Beispiel gemeinsam mit meinen Führungskräften in einem Workshop Führungsgrundsätze erarbeitet. Außerdem gibt es jetzt eine Mitarbeiterzeitung, die „schreiner world“. Alle Mitarbeiter wurden im Vorfeld befragt, welche Themengebiete sie interessieren oder wie die Zeitung in etwa aussehen soll. Aus der Summe der Meinungen haben wir dann die Zeitung gestaltet. Entsprechend positiv war die Resonanz.

Wann war für Sie klar, dass Sie später das Familienunternehmen weiterführen möchten?

Als ich 32 Jahre alt war, hat mir mein Vater angeboten, 20 Prozent der Firmenanteile zu übernehmen. Ich habe eingewilligt und damit war für mich klar, dass ich irgendwann die Geschäftsführung übernehmen werde.

Relativ spät.

Ich denke, der Zeitpunkt, wann man so eine Entscheidung fällt, hängt sehr stark von der Art des Unternehmens ab. In einer Bäckerei oder Metzgerei muss man sich schon in jungen Jahren überlegen, ob man den Betrieb fortführen möchte. Da steht das Know-how im Vordergrund. Bei einer Firma in unserer Größe ist die Verantwortung viel umfassender. Ich musste das sorgfältig planen. Grundsätzlich bin ich jemand, der etwas länger über wichtige Entscheidungen nachdenkt, dafür stehe ich dann auch zu meiner Meinung.

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Mein Hauptziel ist es, ein robustes Unternehmen zu haben. Ich setze auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit anstelle von Wachstum und Ertrag. Selbst wenn mir Letzteres natürlich auch sehr gut gefällt.

Die Schreiner Group wurde schon oft ausgezeichnet – zum Beispiel als „Beliebtester Arbeitgeber Münchens“. Die meisten Preise haben Sie allerdings mit Ihren Innovationen abgeräumt. Was war Ihre bedeutendste Erfindung?

Die Produktfamilie heißt Pharma-Tac – Etiketten mit integriertem Aufhängebügel. Sie werden in Krankenhäusern bei Infusionsflaschen verwendet. Das Produkt haben wir vor zirka 20 Jahren erfunden. Bis heute wurde es viele hundert Millionen Mal verkauft. Außerdem musste Pharma-Tac damals den Markt erst schaffen, man musste die Pharmawelt erst von dem Mehrwert überzeugen. Man könnte aber auch sagen: Die wichtigste Innovation war es zu erkennen, dass man aus einem einfachen „Aufkleber“ ein Funktionsetikett machen kann. Wir haben in den letzten 50 Jahren tausende von Funktionen erfunden. Dabei geht es immer darum, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und zu befriedigen.

Sie haben 2007 in den USA, in der Nähe von New York, eine Produktion aufgebaut, erst kürzlich eine Handelsgesellschaft in China eröffnet. Wie viel Zeit verbringen Sie im Flieger?

Das hält sich zum Glück in Grenzen. In den USA produzieren wir, weil die Pharmaindustrie dort besonders stark vertreten ist. New Jersey ist ein wichtiger Ballungsraum der Pharmaindustrie. Deshalb haben wir uns dort angesiedelt. Zusätzlich haben wir auf der ganzen Welt Vertriebsbüros. Unser Exportanteil beträgt zirka 60 Prozent.

In vielen Branchen herrscht momentan Fachkräftemangel. Haben Sie Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden?

Ja, es ist schwer. Unser Geschäftsmodell basiert auf Innovationen. Wir brauchen besonders intelligente Köpfe. Diese suchen wir auf dem klassischen Weg, aber seit diesem Jahr auch mit einer neuen Initiative. Sie heißt „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“. Wirbt ein Mitarbeiter einen passenden Kandidaten erfolgreich an, erhält er 1000 Euro.

Funktioniert das?

Ja, es sind auf diesem Weg schon einige neue Mitarbeiter eingestellt worden.

Interview: Manuela Dollinger

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