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Der Vorsitzende der BayernLB, Michael Kemmer.

Landesbank-Chef über die Neuausrichtung des Instituts

Michael Kemmer: „Die Signale sind ermutigend“

München - Druck kommt für die Landesbanken von allen Seiten. Der Bund drängt auf Fusionen, Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit herab und die EU macht wegen staatlicher Hilfen strenge Auflagen. BayernLB-Chef Michael Kemmer spricht im Interview über die Ziele der EU-Kommission, das Geschäft mit dem Mittelstand und seine persönliche Anlagestrategie.

 -Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat gerade seine Bad-Bank-Pläne veröffentlicht, die es Banken ermöglichen sollen, kritische Wertpapiere auszulagern. Werden Sie in Kürze einen Antrag stellen?
Nein, dazu besteht keine Erfordernis. Es ist gut, dass es die Bad-Bank-Lösung gibt. Aber wir haben unser Portfolio mit strukturierten Produkten bereits früh durch die Abschirmungsmaßnahme des Freistaats Bayern abgesichert. Für uns gibt es aktuell keinen Druck, schnell bei einem solchen Modell mitzumachen. Wir werden das in aller Ruhe prüfen und werden erst einmal abwarten, in welcher Fassung das Gesetz endgültig vom Bundestag beschlossen wird.

-Der Chef der WestLB hat in Bezug auf die Problem-Papiere vor existenziellen Risiken bei den Landesbanken gewarnt. Gilt das für die BayernLB nicht?
Aus heutiger Sicht gilt das für die BayernLB nicht. Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, der BayernLB kann nichts mehr passieren. Aber wir haben momentan eine Kernkapitalquote von 9,6 Prozent. Die puffert uns ab gegen weitere Abschwächungen der Konjunktur und Probleme bei strukturierten Produkten. Hinzu kommt, dass wir glauben, unsere Risiken vorsichtig bewertet zu haben.

-Wie hoch waren die Belastungen durch die strukturierten Papiere im abgelaufenen Quartal?
Die tatsächlichen Zahlungsausfälle liegen insgesamt nach wie vor bei weniger als hundert Millionen Euro. Die werden aber über die restliche Laufzeit der Papiere noch zunehmen. Da machen wir uns keine Illusionen.

-Und die Wertberichtigungen?
Bei den strukturierten Papieren in unserem Portfolio gab es im ersten Quartal keine massiven Wertverluste mehr. Die anfallenden Belastungen wurden durch die Abschirmung neutralisiert.

-Gibt es also endlich eine Bodenbildung bei den Problem-Papieren?
Manche haben schon drei oder vier Mal eine Bodenbildung und das Ende der Krise ausgerufen. . .

-. . . Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zum Beispiel . . .
. . . ich möchte keine Namen nennen. Ich werde mich an solchen Spekulationen jedenfalls nicht beteiligen. Ich sehe eine gewisse Stabilisierung in unserem Portfolio. Das ist schön, schützt uns aber nicht davor, dass es irgendwann auch wieder nach unten gehen könnte.

-Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat die Kreditwürdigkeit der BayernLB deutlich herabgestuft. Wissen die etwas, was wir nicht wissen?
Nein. Standard & Poor’s hat fast alle Landesbanken herabgestuft. Wir können diese massive Herabstufung zum jetzigen Zeitpunkt nicht verstehen. Hier ist Standard & Poor’s sehr undifferenziert vorgegangen. Die BayernLB ist so gut kapitalisiert wie noch nie. Der Freistaat hat mit einer Kapitalzufuhr von zehn Milliarden Euro bewiesen, dass er hinter dieser Bank steht. Wir haben ein ordentliches erstes Quartal hingelegt, haben ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm aufgesetzt – und jetzt, gerade in dem Moment, in dem es nur Zeichen der Stabilisierung gibt, kommt diese Herabstufung. Das kann man nur mit einer grundsätzlichen Skepsis von Standard & Poor’s gegenüber dem Landesbankensektor erklären.

-Die Ratingagentur Moody’s hat die BayernLB aber auch herabgestuft.
Bei Moody’s liegen wir nach wie vor im guten A-Bereich. Und Moody’s hat in seiner Begründung ausgeführt, dass die Bank auf einem guten Weg sei. Man gewinnt den Eindruck, dass Moody’s sich mit unseren Konzepten und unserer Restrukturierung inhaltlich tief auseinandergesetzt hat. Wir haben den Eindruck, dass dies bei Standard & Poor’s so nicht der Fall gewesen ist.

-Bundesfinanzminister Steinbrück dürfte sich gefreut haben; denn er drängt auf eine Konsolidierung der Landesbanken.
Ich möchte nicht unterstellen, dass er sich über eine solche Herabstufung einer systemrelevanten Bank in Deutschland freut. Aber es ist nicht zu übersehen, dass die Politik in Berlin auf eine Konsolidierung drängt. Sicher ist auch richtig, dass im Landesbankensektor Potenzial da ist, die Dinge anders zu machen und möglicherweise zusammenzulegen. Das ist aber auch eine Frage des Timings. Solange die Wirtschaftskrise anhält, ist es wahrscheinlich nicht vernünftig, konkrete Konsolidierungsschritte durchzuführen.

-Eine Konsolidierung könnte auch über Fusionen zwischen Landesbanken und Sparkassen erfolgen. Wäre das nicht eine reizvolle Option für Sie?
Fakt ist, dass solche Modelle im Ausland zu großen, starken und erfolgreichen Banken geführt haben. Fakt ist aber auch, dass die Ausgangssituationen andere waren als in Deutschland. Die politische Landschaft lässt eine solche Diskussion nicht aufkommen. Die Sparkassen sind von der Finanzkrise wenig betroffen. Und ich habe volles Verständnis dafür, dass sie jetzt, da die Landesbanken massiv betroffen sind, keine Diskussion wollen, die zu einem Zusammenschluss der beiden Gruppen führen könnte.

-Die Herabstufung ist nicht der einzige Schlag, der die Landesbanken dieser Tage getroffen hat. Aus Brüssel kamen harte Auflagen für die WestLB, die 50 Prozent ihres Geschäftsvolumens abgeben soll. Rechnen Sie mit ähnlichen Auflagen?
Wir befinden uns in einem konstruktiven Dialog mit Brüssel und haben in dem Restrukturierungskonzept, das wir der EU-Kommission vorgelegt haben, deutliche Reduzierungen bei Geschäftsvolumen, Kosten und Personal geplant. Wir werden die Auslandspräsenz verringern, uns aus bestimmten Geschäften zurückziehen und uns stärker auf bestimmte Kundengruppen konzentrieren. Wir glauben, dass wir schon sehr weit in der Richtung unterwegs sind, die die EU-Kommission verlangt. -Werden Sie auf Ihr Südosteuropa-Geschäft mit den Töchtern Hypo Group Alpe Adria und MKB verzichten müssen? Ich möchte nicht Spekulationen beginnen, worüber wir mit der EU-Kommission verhandeln werden oder was uns die Kommission zugestehen wird.

-Lassen die Auflagen aus Brüssel den Landesbanken noch Luft zum atmen?
Brüssel muss daran interessiert sein, dass die Banken über eine solide Basis verfügen. Es ist sicherlich nicht Ziel der Kommission, die Banken in existenzielle Probleme zu bringen. Außerdem gehe ich davon aus, dass jede Bank einzeln anhand ihres Geschäftsmodells und Restrukturierungskonzeptes beurteilt werden wird.

-Ihr Konzept sieht vor, das Geschäft mit Mittelständlern insbesondere in Bayern auszubauen. Wie kommen Sie dabei voran?
Wir sind im Moment dabei, den bayerischen Mittelstand ab einem Jahresumsatz von 50 Millionen Euro systematisch zu bearbeiten. Es gab sehr viele Kundenkontakte und erste Geschäftsabschlüsse. Wir wollen den Mittelständlern auch mit Produkten zur Seite stehen, die nicht nur aus einem normalen Kredit bestehen. Denn der Mittelstand braucht aufgrund der Globalisierung zunehmend Kapitalmarktprodukte wie Währungsabsicherungen oder Zinsabsicherungen. Hier gibt es Marktpotenzial. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Dennoch: Die Signale sind ermutigend.

-Im Rahmen der Neuausrichtung der Bank sollen auch 5600 Stellen abgebaut werden. Werden Sie auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten können?
Natürlich wollen wir nach Möglichkeit auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Allerdings können wir sie zum jetzigen Zeitpunkt als Ultima Ratio nicht ausschließen. Es hängt davon ab, inwiefern wir über die natürliche Fluktuation sowie durch freiwillige Vereinbarungen auf die vorgesehene Reduktion der Kapazitäten kommen.

-Der Deutschland-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs hat kürzlich „kollektive Demut“ der Finanzbranche gefordert. Mancher Bankchef spricht aber schon wieder von Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent. Da ist es mit Demut wohl nicht weit her.
Das mit der kollektiven Demut ist richtig. Ich habe auch den Eindruck, dass die Banker wissen, dass in der Vergangenheit einiges falsch gelaufen ist. Die Finanzkrise hat aber viele Beteiligte. Die Banker gehören dazu, sind aber nicht die einzigen. Ich halte es für richtig, zu überlegen, welche Fehler gemacht wurden und wie man diese künftig vermeiden kann. Ich habe das Gefühl, dass das ganz überwiegend in der Branche gemacht wird.

-In den USA werden Privatanleger Problempapiere der Banken kaufen können. Würden Sie eine solche Spekulation wagen?
Ich bin auch in privaten Geldanlagen ein ziemlich konservativer und vorsichtiger Mensch. Aus diesem Grund würde ich eine solche Spekulation nicht machen.

-Und wie legt der Bankchef Kemmer sein Geld an?
Momentan fast ausschließlich in geldmarktnahe Produkte.

Interview: Georg Anastasiadis und Dominik Müller

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