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Abschied von den Luxusschlitten: bei den kleineren, spritsparenden Autos sehen Experten Potenzial.

Daimler zwischen Jahrhundertkrise und grüner Zukunft

Berlin  - Daimler-Chef Dieter Zetsche will wieder auf Erfolgskurs - mit einem Bündel an Maßnahmen. Vor allem den Mitarbeitern will der Konzernlenker tief in die Tasche greifen. Außerdem habe "grüne Technologie" höchste Priorität.

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Daimler schließt Entlassungen nicht mehr aus

In weiten Teilen der Welt ist den Kunden die Lust am Autokauf vergangen und wegen der Wirtschaftsflaute werden auch deutlich weniger Brummis gebraucht. Um angesichts dieses Sinkflugs Abstriche bei den Zukunftstechnologien zu vermeiden, plant Zetsche in anderen Sparten Milliarden-Einsparungen. Vor allem den Mitarbeitern will der Konzernlenker tief in die Tasche greifen. Erstmals schließt Zetsche auch Entlassungen nicht mehr aus, sollte die Krise anhalten.

“Letztlich wird niemand in unserer Branche von dieser Jahrhundertkrise verschont bleiben“, sagt Zetsche. Anders als bei den US-Autobauern General Motors und Chrysler stellt sich bei Daimler aber nicht die Überlebensfrage. “Wir werden nicht zulassen, dass ein Unternehmen gefährdet wird, dessen Marken und Produkte weltweit als Aushängeschild der deutschen Industrie gelten“, sagt Zetsche. Nicht zuletzt zeigt auch der Einstieg des Emirats Abu Dhabi, dass Investoren auf die Zukunftsfähigkeit der Schwaben setzen.

Der Golfstaat hat den DAX-Konzern mit fast zwei Milliarden Euro an frischem Geld versorgt und ist zum größten Aktionär mit einer Beteiligung von mehr als neun Prozent geworden. Mit dem Geld vom Golf sollen leichte Materialien und Elektroantriebe für emissionsarme Autos der Zukunft entwickelt werden. Daimler-Chef Zetsche denkt schon über eine Testflotte von Elektrofahrzeugen im ölreichen Emirat nach.

“So sehr uns also die Krise an allen Ecken und Enden zum Sparen zwingt: Unser Saatgut für die Ernte von morgen und übermorgen werden wir nicht aufzehren“, sagte Zetsche. “Oberste Priorität haben dabei für uns neue Produkte und “grüne“ Technologien: Wir wollen der Motor für nachhaltige Mobilität sein.“

Gerade in punkto CO2-Bilanz werfen aber sowohl Analysten als auch Aktionärsvertreter dem Management vor, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Aktionärsvertreter bemängeln die “schlechtesten Verbrauchs- und Emissionswerte im Wettbewerbs- und Gruppenvergleich“. Im Vergleich mit dem Rivalen BMW ist Daimler nach Ansicht von Analyst Frank Schwope von der Nord/LB ins Hintertreffen geraten. Zetsche kündigte an, den durchschnittlichen Kohlendioxid-Ausstoß bei den Neuwagen in Europa von derzeit 176 Gramm je Kilometer bis 2012 auf unter 140 Gramm je Kilometer zu senken.

Bei den kleineren, spritsparenden Autos sieht Schwope Potenzial für eine neue Baureihe in der Lücke zwischen dem Stadtwagen smart und dem Kleinwagen A-Klasse. Darüber hinaus könnte Daimler nach Meinung des Autoexperten Willi Diez die Modellfamilien A- und B-Klasse ausbauen. “Diese Einsteigermodelle werden künftig noch stärker gefragt sein als schon jetzt, vor allem in Europa“, sagt er. Der Trend hat sich bereits in den vergangenen Wochen nicht zuletzt dank der Abwrackprämie herauskristallisiert: Die Auftragseingänge für die A- und B-Klasse zogen nach Unternehmensangaben deutlich an. Gut lief auch der smart, der bei den Verkäufen hierzulande um ein Viertel zulegte.

Das ist zwar ein Lichtblick, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Daimler als Premiumhersteller kaum von dem staatlichen Kaufanreiz profitiert. Im März sanken die Verkäufe der Kernmarke Mercedes-Benz noch einmal um fast 18 Prozent.

“Ich gebe zu: Im Nachhinein würden wir uns wünschen, wir hätten Mitte letzten Jahres sogar noch früher gebremst“, sagt Zetsche. Konzernweit sollen in allen Geschäftsfeldern mehrere Milliarden Euro gespart werden. Wegen der Nachfrageflaute herrscht in den deutschen Daimler-Werken fast flächendeckend Kurzarbeit, insgesamt sind rund 68 000 Mitarbeiter betroffen. Doch dies allein reicht nicht mehr - mit einem ganzen Maßnahmenbündel soll der neue Personalvorstand Wilfried Porth in diesem Jahr in Deutschland die Arbeitskosten um rund zwei Milliarden Euro drücken.

Über das Paket wird derzeit mit dem Betriebsrat verhandelt, Ergebnisse werden Ende April erwartet. In Berlin demonstrierten Daimler-Mitarbeiter mit Masken, die das Gesicht von Zetsche darstellten, gegen die geforderten Lohneinbußen. Autoexperte Diez sagt dagegen: “Man muss jetzt alle Reißleinen ziehen.“

(Von Dorothee Tschampa, dpa-AFX und Stefanie Baumer, dpa)

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