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Martin Hüfner, Jahrgang 1942, berät Banken und Unternehmen in volkswirtschaftlichen Fragen. Er war viele Jahre Chefvolkswirt bei der HypoVereinsbank und Senior Economist bei der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung.

„Die Welt wird anders aussehen“

Der Münchner Ökonom Martin Hüfner über den G-20-Gipfel und die Veränderung des Wirtschaftssystems

Mit dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in London sind viele Hoffnungen verbunden. Der Münchner Ökonom Martin Hüfner spricht im Interview darüber, welche Weichenstellungen die Welt aus der Wirtschaftskrise bringen können und welche Veränderungen uns bevorstehen.

-Der G-20-Gipfel hat ein historisches Vorbild. Auch während der letzten weltweiten Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren trafen sich Staats- und Regierungschefs in London. Ist die heutige Lage tatsächlich mit der damaligen vergleichbar?
Was die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung angeht: ja. Dass die Situation heute nicht so schlimm ist wie damals, liegt daran, dass die Wirtschafts- und Währungspolitik diesmal sehr viel vernünftiger reagiert hat. Wir haben Konjunkturprogramme und Bankenrettungsprogramme, die sehr viel besser sind als alles, was man damals hatte. Und die Regierungen haben – im Gegensatz zu damals – bislang keine größeren protektionistischen Maßnahmen eingeleitet.

-Ist die Krise also in den Griff zu bekommen?
Ich bin sicher, dass wir die Krise in den Griff bekommen. Es ist nur die Frage, wie lange wir dafür brauchen.

-In der Öffentlichkeit wird zurzeit am intensivsten über Managergehälter diskutiert. Besteht die Gefahr, dass die Politik sich in populistischen Diskussionen verstrickt und die wirklich wichtigen Themen aus den Augen verliert?
In der Tat: Die Managergehälter sind ein Nebenkriegsschauplatz. Natürlich ist da übertrieben worden und man muss eingreifen. Aber das holt uns nicht aus der Krise. Dasselbe gilt für Steueroasen. Natürlich sind die ein Ärgernis. Aber das Thema ist sekundär.

-Welche Maßnahmen sind jetzt erforderlich?
Zunächst geht es darum, die Krise zu bekämpfen. Die Konjunkturprogramme werden wirken, da bin ich ziemlich sicher. Die Bankenrettungspakete haben aber bisher nicht geholfen. Die Banken befinden sich nachwievor in großen Problemen und benötigen permanent neue Staatshilfen. Ich plädiere dafür, die Bewertungsregeln für zwei Jahre auszusetzen, damit die Banken die kritischen Wertpapiere, die sie in den Büchern haben, nicht abschreiben müssen. Sonst bekommen wir die Abschreibungen auf diese Papiere Quartal für Quartal um die Ohren gehauen. Erst wenn sich der Markt wieder stabilisiert hat, sollte man die Bewertung wieder aufnehmen. Dieser Vorschlag ist zugegebenermaßen auch nicht schön, aber er kostet wenigstens nicht viel. In einem zweiten Schritt muss die Welt nach der Krise gestaltet werden, damit sich so etwas nicht wiederholt. Da geht es um eine bessere Aufsicht auf globaler Ebene, die auch Hedgefonds einschließt, oder auch um höhere Eigenkapitalanforderungen.

-Welchen Fehler darf man nicht machen?
Protektionismus. Das wäre tödlich. Dann würde die Krise noch einmal richtig Fahrt aufnehmen.

-Die Finanzkrise wird auch als Kapitalismuskrise angesehen. Werden wir eine neue Wirtschaftsordnung bekommen?
Ich sehe nicht, wie eine neue Wirtschaftsordnung aussehen könnte. Aber ich glaube auch, dass die Welt anders aussehen wird. Die Wirtschaftskrise in den 30er-Jahren war eine Zeitenwende. Sie hat politisch zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg geführt. Sie hat auf den Finanzmärkten dazu geführt, dass man Geschäftsbanken und Investmentbanken trennte. Sie hat zu stärkeren Eingriffen des Staates in die Wirtschaft geführt. Wenn man das sieht, muss man davon ausgehen, dass sich die Welt erneut verändern wird.

-Wie wird die Welt nach der Krise aussehen?
Die Finanzwirtschaft wird sicherlich kleiner sein als sie es heute im Verhältnis zur Realwirtschaft ist. Die Globalisierung wird nicht mehr so stark zunehmen. Vielleicht werden wir in Zukunft mehr mittelständische Unternehmen haben; denn Großkonzerne haben sich als krisenanfälliger erwiesen. Man wird bescheidener sein müssen bei den Gewinnen, 25 Prozent Rendite werden nicht mehr zu erzielen sein. Wir werden wahrscheinlich auch eine Umverteilung bekommen, das deutet die Diskussion über die Managergehälter an. Wir werden mehr Transparenz bekommen. Und Wirtschaftsethik wird eine größere Rolle spielen. Wie sich das im Einzelnen auswirken wird, kann man heute nicht sagen. Aber fest steht: Die Welt nach der Krise wird ganz anders aussehen als die vor der Krise.

Interview: Dominik Müller

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