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Der Helm bleibt im Regal: Täglich melden neue Unternehmen Kurzarbeit an.

Münchner Firmen: Tal noch nicht erreicht

München - Die IG Metall sieht in München noch kein Ende der konjunkturellen Talsohle. Sie rechnet mit noch mehr Kurzarbeit und nun auch steigenden Arbeitslosenzahlen.

Die großen Unternehmen im Großraum München haben längst Kurzarbeit und bauen sie – wie BMW – zum Teil bereits wieder ab. Dennoch steigt die Zahl der Kurzarbeiter. Denn täglich kommen Unternehmen neu dazu, berichtet der Münchner IG Metall-Bevollmächtigte Horst Lischka. Oft sind es Mittelständler, die so etwas wie Kurzarbeit bisher nicht kannten. Die Zahl von 38 500 Betroffenen in München, die die Bundesagentur für Arbeit nennt, wird nach Lischkas Einschätzung noch steigen.

Noch geht es in dieser Lage vielen besser, als es die Gesetze eigentlich vorsehen. Denn vor allem Großunternehmen stocken die 60 bis 67 Prozent Kurzarbeitergeld auf zwischen 85 Prozent (Siemens) und 93 Prozent (BMW) vom Nettogehalt auf. Deshalb, so Lischka, „schlägt die Krise noch nicht so heftig durch“.

Doch der Gewerkschafter sieht das Tal noch nicht erreicht. „Die Situation ist sehr ernst“, sagt er und rechnet damit, dass auch die Arbeitslosigkeit steigt. „Wir merken noch keine substanzielle Erholung in den Betrieben“, erteilt er Hoffnungen auf ein Ende der Krise eine Absage.

Dennoch will die Metallgewerkschaft Entlassungen – wo immer möglich – verhindern. Dazu ist die Gewerkschaft – wenn die Register Überstundenabbau und Kurzarbeit gezogen sind – auch zum Verzicht bereit. Die im jüngsten Metalltarifvertrag vorgesehene Verschiebung der Gehaltserhöhung wird deshalb bereits eingesetzt – etwa bei Epcos und Rodenstock.

Doch auch die Luftfahrtunternehmen Ruag (Oberpfaffenhofen), Apparatebau Gauting und GKN (Aubing) verhandeln derzeit mit der Gewerkschaft darüber. Doch diese Unternehmen leiden nicht so sehr an der Krise, sondern unter dem massiven Preisdruck ihres Hauptabnehmers Airbus.

Tatsächlich müssen nach Lischkas Angaben weniger als zehn Prozent der Münchner Metaller auf die vorgesehene Tariferhöhung von 2,1 Prozent zunächst verzichten. „90 bis 95 Prozent“, so Lischka, erhalten gleich den vereinbarten höheren Lohn. Die Gewerkschaft widerspricht damit anderslautenden Meldungen der Arbeitgeber. Lischka nennt auch die Pünktlichen, darunter BMW, MAN, Siemens, MTU und Krauss-Maffei. Aber auch viele Mittelständler wie Iwis und Meiller zahlen voll, obwohl auch sie als Auto- und Maschinenbauzulieferer an der gegenwärtigen Krise leiden.

Doch es gibt auch Unternehmen, für die es einfach nicht mehr weitergeht. Lischka nennt die Infineon-Abspaltung Qimonda und den Autohändler Buchner und Linse, die vor einer Betriebsschließung stehen. Doch dafür seien unternehmerische Entscheidungen verantwortlich und nicht die Krise. Trotz aller Sozialpläne führt der Weg der betroffenen Beschäftigten oft in die Arbeitslosigkeit.

Dazu kommen ehemalige Zeitarbeiter. Denn deren Zahl ist in den Münchner Metallunternehmen von über 15 000 auf allenfalls noch 1000 gefallen, wie Lischka sagt. Auch Mitarbeiter, die gegen Abfindung aus Betrieben ausscheiden steigern die Arbeitslosenzahl.

Selbst wenn die Krise einmal ausgestanden ist, erwartet die Gewerkschaft wegen weiterer Produktivitätssteigerung auch mittelfristig einen Verlust von Arbeitsplätzen in der klassischen Industrie. Allerdings rechnet Lischka mit neuen Beschäftigungschancen in der Medizin- und Nanotechnologie. Auch die neuen geheimnisumwitterten zukunftsgerichteten „Mobilitätskonzepte für Megastädte“, an denen BMW forscht, sieht er als Beschäftigungsmotor für die Zukunft.

Um die eigene Zukunft macht sich die IG Metall derweil weniger Gedanken als früher. Während in vergangenen Krisen der Arbeitsplatzabbau gleichzeitig die gewerkschaftlichen Mitgliederkarteien auslichtete, hat die IG Metall diesmal das Ziel ausgerufen, den Stand wenigstens zu halten.

Vor allem ist sie stolz darauf, nun auch unter den Angestellten ernsthaft vertreten zu sein. Deren Anteil in der IG Metall ist seit 2002 von 20 auf 40 Prozent gestiegen. In einigen Betrieben, darunter BMW, stehen die Angestellten bereits kurz davor, die Mehrheit unter den Metallgewerkschaftern zu stellen.

Von Martin Prem

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