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Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf 1 Prozent gesenkt.

Was der Niedrig-Zins bedeutet

Mit aller Macht stemmt sich die Europäische Zentralbank gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise: Die EZB senkte den Leitzins im Euro-Raum auf ein Rekordtief von nur noch 1,0 Prozent. Wir erklären, was die Zinssenkung bedeutet.

Es war schon die siebte Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) seit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im vergangenen Herbst. Auch einen noch weitergehenden Zinsschritt schloss Notenbankpräsident Jean-Claude Trichet nicht aus: Die aktuelle Leitzinssenkung bedeute nicht zwangsläufig, dass der tiefste Stand schon erreicht sei, sagte er.

Zuletzt hatte Trichet zusätzliche „unkonventionelle Maßnahmen“ angekündigt – jetzt lieferte er Details: Geschäftsbanken sollen Zentralbankgeld künftig für zwölf statt wie bisher für höchstens sechs Monate ausleihen können – auch damit will die EZB die Kreditvergabe anschieben. Zudem kündigte der EZB-Chef den Aufkauf von gedeckten Anleihen (Covered Bonds) in einem Volumen von etwa 60 Milliarden Euro an: Dies sei ein Bereich, der von den Finanzmarktturbulenzen besonders betroffen gewesen sei. Deshalb lege die EZB ein Schwergewicht auf diese Papiere. Einzelheiten zu dem Aufkauf will der EZB-Rat bei der nächsten Sitzung am 4. Juni beschließen.

Historische Leitzinssenkung

Die historische Senkung des Leitzinses löste Beifall und Kritik aus. „Angesichts der Tiefe der Rezession und einer Preisentwicklung nahe Null hat die EZB ihren Zinssenkungskurs mit der heutigen Entscheidung zu Recht weiter fortgesetzt“, sagte Karl-Peter Schackmann-Fallis, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen und Giroverbandes. Allerdings könne die unmittelbare Wirkung dieses kleinen Zinsschrittes nur begrenzt sein. Der Handlungsspielraum der traditionellen EZB-Zinspolitik sei „praktisch ausgereizt“.

Der Verband der Öffentlichen Banken erklärte dagegen, die Zinssenkung sei richtig, aber verspätet. Die EZB hätte schon „früher gegen konjunkturelle Risiken angehen können“, für weitere Zinssenkungen sehe man keinen Raum. Auch die Volks- und Raiffeisenbanken sprachen sich gegen weitere Lockerungen der Geldpolitik aus.

Noch immer macht der EZB die Schwäche der Wirtschaft Sorgen: Das erste Quartal 2009 sei viel schwächer ausgefallen als im März erwartet, sagte Trichet. Zwar gebe es Anzeichen für eine Stabilisierung auf sehr niedrigem Niveau. Eine allmähliche Erholung werde es aber erst 2010 geben. Doch nicht nur für Unternehmen kann sich die Zinssenkung auswirken, sondern auch für Verbraucher.

Wichtige Fragen und Antworten:

Was haben Verbraucher von niedrigen Zinsen?

Je niedriger die Leitzinsen, desto günstiger können sich die Banken Geld leihen. Diesen Vorteil könnten sie an private Kreditkunden weitergeben. Ob sie das tun, ist allerdings fraglich. Auf der anderen Seite könnten die Sparzinsen weiter unter Druck geraten. Experten raten Sparern wie Kreditnehmern, Entscheidungen nicht von der Zinspolitik, sondern von den eigenen Bedürfnissen abhängig zu machen.

Sind nach den Zinssenkungen in den vergangenen Monaten auch die Zinsen für Verbraucherkredite zurückgegangen?

Verbraucherschützer bemängeln immer wieder, dass Zinssenkungen bei Krediten nicht in dem Umfang weitergegeben werden, in dem man es erwarten würde.

Welche Auswirkungen hatte der Rückgang der Zinsen bisher für Sparer?

Die Zinsen für Tages- und Festgeld sind in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Vereinzelt gibt es aber Angebote, die über dem Schnitt liegen. Allerdings sollten Verbraucher bei Lockzinsen genau auf die Bedingungen und eine höchstmögliche Absicherung ihrer Gelder achten.

Muss man sich bald auf eine hohe Inflation einstellen?

Grundsätzlich fördern niedrige Zinsen die Inflation. Doch Notenbankpräsident Trichet hält die Inflationsgefahr derzeit nicht für dramatisch: Die Teuerung habe im April im Euroraum bei 0,6 Prozent gelegen.

mm/dpa

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