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Mehdorn trauert – um Mehdorn: Der Bahnchef gibt während einer Bilanz-Pressekonferenz in Berlin seinen Rücktritt bekannt.

Der Bahnchef steigt aus

Zum Schluss ein bisschen Gefühl

Berlin – Fast zehn Jahre lang stand Hartmut Mehdorn an der Spitze der deutschen Bahn AG. Er galt als knallharter Sanierer, der auf menschliche Verluste fast keine Rücksicht nahm. Gestern bot er seinen Rücktritt an – und zeigte dabei erstaunlich viel Gefühl.

Und dann wurde die Stimme ein wenig brüchig. Wer genau hinsah, konnte in den Augenwinkeln sogar ein leises Tränenfunkeln ausmachen, als Hartmut Mehdorn seine letzten Worte als Bahnchef sprach: „Wir Bahner haben in dieser Zeit gemeinsam unheimlich viel erreicht“, sagte er. „Das hätte uns Ende 1999, als ich zur DB kam, wirklich niemand zugetraut. Darauf blicke ich mit Dankbarkeit und auch einem gewissen Stolz zurück.“

Eine ungewöhnliche Gefühlsregung für einen, der sich vor allem als der Mann ohne Gewissen und mit den 1000 Feinden bei der Bahnnation einen Namen gemacht hatte. Denn wenn es um das Gefühlsleben anderer ging, zeigte der 66-Jährige in den fast zehn Jahren seiner Amtszeit vieles, nur kein Mitgefühl. Bis heute warten die Überlebenden und Hinterbliebenen des ICE-Unfalls von Eschede auf ein Wort des Bedauerns der Deutschen Bahn. Aber Entschuldigungen waren Mehdorns Sache nie – bis zum Schluss nicht.

Mehdorn verstieg sich dazu, den Opferanwalt Reiner Gehlen als jemanden zu bezeichnen, der die „Entschädigungsfrage zu einer Medienschlacht ausarten lässt“ – und in erster Linie an persönlicher Profilierung interessiert sei. Wie solche Worte bei den Hinterbliebenen wirken, war Mehdorn so gleichgültig wie allzu oft die Bedürfnisse seiner Kunden.

Die meisten Menschen in Deutschland wollen in erster Linie eine Eisenbahn, die pünktlich, günstig und möglichst oft fahren soll. Mehdorn aber setzte auf den Ausbau schneller ICE-Trassen zwischen Großstädten. Derweil wurden anderswo Investitionen ins Schienennetz aufgeschoben und Interregio-Verbindungen abgebaut. Um die Bahn auf mittleren Strecken zur Konkurrenz für das Flugzeug auszubauen, wollte er 2002 den Kunden ein Fluglinien-ähnliches Preissystem aufzwingen. Das Prinzip war jedoch so kompliziert, dass die Bahn nach wenigen Monaten einen Rückzieher machen musste. Ein weiterer grober Fehler war der geplante Zuschlag für die Bedienung am Schalter. Auch hier lag der Bahnchef voll neben den Interessen seiner Kunden – und scheiterte einmal mehr.

Jüngster Ausrutscher: seine Einlassungen zum Datenskandal. Auf die Frage, ob er denn von den Überwachungen seiner Mitarbeiter gewusst habe, sagte er: Der Vorstand kümmere sich ja auch nicht um die Bestellung von Briefumschlägen. Das war Krisenmanagement ohne jeden Respekt. Gestern noch gab er sich uneinsichtig. „Es handelt sich nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmenspolitik“, sagte er – und klagte zugleich über „Vorverurteilungen und Verdächtigungen“ in der Spähaffäre.

Alte Zeiten: Mehdorn mit Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Tiefensee (M.) 2006 am Berliner Hauptbahnhof.

Unerbitterlich war der körperlich kleine Bahnboss bei der Verfolgung seiner Gegner und Kritiker. Er scheute sich auch nicht, tief in die Trickkiste zu greifen – und wandte sich sogar selbst, um unliebsame Mitarbeiter unschädlich zu machen, an deren Vorgesetzte. Groß ist die Riege an Politikern, die voller Groll sind über seine barsche Art. Es dürfte nicht viele Menschen geben, die sich quer durch alle Parteien hindurch so viele Gegner erworben haben. „Entweder sie gehen nach vorne, Sie kämpfen und kontern die Angriffe – oder Sie bleiben zurück und verlieren“, hat er einmal gesagt. Damit beschrieb er nicht nur seinen Blick auf die Regeln des Marktes: So war Mehdorns Führungsstil.

Zehn Jahre lang war er Vorstandschef der großen deutschen Bahn AG mit ihren 33 897 Gleiskilometern, ihren 71 144 Weichen und Kreuzungen sowie 237 000 Beschäftigten. Es ist ein komplexes Geschäft. Und ein schwieriges. Zugutehalten muss man Mehdorn, dass ein Bahn-Boss wie kein anderer Top-Manager zum Feindbild taugt. Wer hat sich nicht schon einmal über ein Zugverspätung geärgert oder über eine Preiserhöhung. Dabei war Mehdorn lange Jahre der willkommene Prellbock der Politik. Der Mann fürs Große und Grobe.

Bahnchef sei der „zweitverrückteste Job“ der Republik hatte sein Chef und Gönner Gerhard Schröder gesagt, als er noch Kanzler war. Er hatte ihn als Nachfolger des glücklosen Johannes Ludewig zur Bahn geholt – mit dem erklärten Ziel, sie kapitalfähig zu machen. Dafür kämpfte Mehdorn an fast allen Fronten. Er musste härtesten Widerstand aus Industrie und Parlament überwinden – und am Ende doch zurückstecken. Auch nach der Privatisierung gehört des Netz juristisch weiter dem Bund.

Unfair wäre es aber, seine Verdienste als Sanierer nicht zu würdigen. Aus der grauen Beamten-Bahn machte er einen global operierenden Logistikkonzern. Die Zahlen, die er zum Abschluss seiner Karriere präsentierte, können sich sehen lassen, Umsatz und Gewinn sind deutlich gestiegen. So dankte Kanzlerin Angela Merkel Mehdorn „sehr herzlich“ für seine Arbeit. Er habe die Bahn saniert und zu einem Unternehmen gemacht, das weltweit große Anerkennung genieße. „Das ist ganz wesentlich mit seiner Handschrift verbunden.“ Freilich: Zuletzt hatten Merkels Sendboten bereits gestreut, dass Mehdorn nicht zu halten sei.

Mehdorns größte Schwäche ist sein mangelndes diplomatisches Geschick. Was gestern passierte, war die Notbremsung auf offener Strecke. So geht nur einer, der sich selbst am nächsten ist. Das passt zur Träne im Augenwinkel, die nur geflossen ist, weil Hartmut Mehdorn um Hartmut Mehdorn trauert.

Von Ines Pohl

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