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Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), warnt vor Fachkräftemangel.

Wirtschaftskrise erreicht Ausbildungsmarkt

Berlin - Die Wirtschaftskrise ist auf dem Lehrstellenmarkt angekommen. Die Zahl neu angebotener Ausbildungsplätze bei Industrie und Handel dürfte um fünf bis zehn Prozent sinken, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Mittwoch in Berlin berichtet.

Das könne den Fachkräftemangel vergrößern, warnte DIHK- Präsident Ludwig Georg Braun. 2008 gab es in dem Bereich 365 000 neue Ausbildungsverträge, zahlreiche Stellen blieben unbesetzt. Wegen der sinkenden Nachfrage hätten Jugendliche nun etwa die gleichen Chancen auf einen Platz wie in den Vorjahren, hieß es.

Bei dem befürchteten Rückgang um grob geschätzt 20 000 bis 40 000 angebotene Plätze wäre ein großer Teil des Zuwachses seit Start des Ausbildungspakts 2003 zunichtegemacht. Seither stieg die Zahl der Verträge um 56 000. Völlig unvorhersehbar sei die weitere Entwicklung nach dem konjunkturellen Einbruch im ersten Quartel, sagte DIHK- Geschäftsführer Martin Wansleben. Bei weiterem Schrumpfen “haben wir nicht nur auf dem Ausbildungsmarkt ein wirkliches Problem“. Laut DIHK-Umfrage planen 27 Prozent der Unternehmen Einschnitte beim Ausbildungsangebot. Besonders betroffen seien der exportorientierte Maschinenbau und die Autozulieferer in Bayern, Baden-Württemberg und dem Ruhrgebiet.

Die Zahl der Schulabgänger ohne Studienberechtigung sinkt um 5,4 Prozent. 73 Prozent der Unternehmen halten ihr Lehrstellenangebot aufrecht oder planen Steigerungen. Vor allem kleine Unternehmen wollen weniger Plätze anbieten. Der DIHK betonte, dass den meisten Betrieben, vor allem den größeren, die Sicherung des Nachwuchses wichtiger sei als die kurzfristigen Geschäftsaussicht. Der DIHK befragte rund 13 800 Firmen.

“Es gibt auch eine Normalität in der Krise“, sagte Wansleben. So wolle nicht nur jede fünfte Bank und Versicherung weniger Plätze anbieten, sondern auch jede fünfte mehr. Wansleben erklärte dies damit, dass viele Banken in der Finanzkrise verstärkt aufs Privatkundengeschäft setzten und Auszubildende brauchten.

Alarmstimmung herrscht in der Wirtschaft im Hinblick auf künftigen Mitarbeiter-Mangel. Braun sagte im RBB: “Hier geht es darum, Einsicht durchzusetzen bei den Unternehmen, dass es trotz Krise richtig ist, die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze (...) zu halten.“ Wansleben forderte bessere Kinderbetreuung und Schulen, um die Qualifikation der Bewerber zu erhöhen. “Wir brauchen schnelle und bessere Hilfe.“ 21 Prozent der Betriebe konnten im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Plätze besetzen - Tendenz steigend. Diese Firmen bildeten auch im Krisenjahr mehr aus. Die Zahl der Altbewerber wird 2009 laut DIHK um voraussichtlich 50 000 auf rund 270 000 sinken.
Braun wandte sich gegen ein staatliches Eingreifen zur Subventionierung weiterer Lehrstellen. “Ich glaube, das muss die Wirtschaft und kann die Wirtschaft selbst meistern.“

Die Grünen-Expertin Priska Hinz sagte, unter anderem durch Anrechnung der Qualifizierungsmaßnahmen und stärkere überbetriebliche Ausbildungsstätten müsse die Ausbildung von der Konjunktur entkoppelt werden. “Jetzt in der Krise sind es die Jugendlichen, die die Zeche für die Versäumnisse der großen Koalition zahlen müssen.“

dpa

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