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Die Stadt der Zukunft: In einem Film der Fraunhofer-Gesellschaft reinigen im Jahr 2050 multifunktionale Fassaden die Luft, auf Hausdächern liegen Parks und Gemüsebeete. Häuser sind kleine Kraftwerke, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Deshalb fungieren sie auch gleichzeitig als Tankstellen für Elektroautos.

Zukunftsvision

Die Morgenstadt: So leben wir im Jahr 2050

München - Smog, Lärm, Müll und viel zu wenig Wohnraum. Schon heute ist das Realität in vielen Metropolen. Die Städte von heute sind dem nicht mehr gewachsen. Wissenschaftler basteln deshalb an der Stadt der Zukunft – CO2-neutral und energieeffizient.

Elektroautos rollen geräuschlos durch die Stadt, die Wände der angrenzenden Häuser schlucken den Lärm. Die Luft ist sauber – weder Fabriken noch Autos stoßen CO2 aus. Mit Moos bedeckte Fassaden reinigen die Luft. Solarzellen drehen sich mit der Sonne, Windturbinen ragen in den Himmel. Auf den Dächern der Häuser werden Tomaten und Radieschen angebaut. So könnte sie aussehen, die Stadt der Zukunft.

Eine Vision, die bald Wirklichkeit werden könnte. „Die deutsche Gesellschaft lebt 2050 in CO2-neutralen Städten mit 80 bis 95 Prozent erneuerbarer Energie“, sagt Klaus Sedlbauer, Vorsitzender der Fraunhofer-Allianz Bau. Um das zu verwirklichen, arbeiten hunderte Wissenschaftler der Fraunhofer-Gesellschaft an Technologien für die Städte der Zukunft.

„Das System Stadt muss neu gedacht und gelebt werden“, sagt Sedlbauer. Warum? Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – und die Urbanisierung geht weiter. Experten der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten leben werden. Die Bevölkerung wird von sieben Milliarden Menschen bis 2050 auf über neun Milliarden steigen. Städte verbrauchen schon heute drei Viertel aller Ressourcen, stoßen gigantische Massen an Treibgasen aus und produzieren Milliarden Tonnen Müll. Und der Hunger nach Energie wächst immer weiter.

2011 haben sich deshalb mehr als ein Dutzend Fraunhofer-Institute in der Forschungsinitiative „Morgenstadt“ zusammengeschlossen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Geforscht wird in den Bereichen: Energie, Planen und Bauen, Produktion und Logistik, Sicherheit und Schutz, Mobilität und Verkehr, Informationen und Kommunikation sowie urbane Prozesse und Organisation. Ein Mega-Projekt. Mittlerweile nimmt die Stadt der Zukunft allerdings Formen an. Einige Lösungsansätze stellen die Wissenschaftler momentan auf der „Bau 2013“ vor.

„In der Morgenstadt ist jedes Haus ein kleines Kraftwerk“, sagt Sedlbauer. Photovoltaik-Anlagen, Wärmepumpen und Dämmung sorgen dafür, dass Gebäude mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Elektroautos können hier tanken, gleichzeitig fungieren sie neben Hochleistungsbatterien als Energiespeicher. Geforscht wird momentan auch an Materialien, die Schadstoffe aus der Luft filtern. Andere Substanzen sollen dazu führen, dass sich Oberflächen künftig selbst reinigen. Ein ausgeklügeltes System macht es technisch bereits möglich, Regenwasser zu nutzen, den Trinkwasserverbrauch zu reduzieren, Abwasser zu reinigen und dabei auch noch Biogas zu gewinnen.

Auch eine ganze Reihe neuer Baustoffe kommt in der Morgenstadt zum Einsatz. Eine erstklassige Energie-Bilanz haben zum Beispiel Biofliesen, die aus Planzenöl statt Keramik hergestellt werden. Sogenannte mikroperforierte Akustik-Bauteile sorgen für Stille auf den Straßen, in Klassenzimmern, Büros und Fabriken. Die Bauteile aus Metall oder Kunststoff sind mit tausenden kleinen Löchern versehen, die Lärm schlucken.

Eine weitere Technologie, die das Wohlbefinden steigern soll: Fensterscheiben gegen Winterdepressionen. Ein spezielles Glas sorgt für optimale Lichtverhältnisse und damit für einen ausgeglichenen Melatonin-Haushalt. Depressionen, die gehäuft in den lichtarmen Wintermonaten diagnostiziert werden, bleiben aus – zumindest in der Theorie. Fest steht, gefühlt sitzt man statt am geschlossenen an einem geöffneten Fenster.

Da der Ressourcenverbrauch wächst, spielen verschiedene Arten des Recyclings in Zukunft eine immer größere Rolle. Ein Beispiel: Beton-Recycling. Die Anlage – ein zwei Meter hoher Metall-Schrank – wirkt unscheinbar. Kaum zu glauben, dass im Inneren Blitze erzeugt werden, die zu kleinen Explosionen führen. So zerfällt ein Stück Beton innerhalb von Sekunden in seine Bestandteile, Kies und Zementstein, die anschließend wiederverwendet werden können. Praktisch, bedenkt man, dass allein in Deutschland jedes Jahr 130 Millionen Tonnen Altbeton anfallen.

Die Liste der Projekte ist lang – und vieles wird bereits umgesetzt. Bei Abu Dhabi wächst zum Beispiel Masdar-City, die erste Stadt, die ausschließlich mit regenerativen Energien versorgt wird und weder Kohlendioxid noch Müll erzeugt. Ein Prestige-Projekt. Eine Nummer kleiner: Die 14 000-Seelen-Stadt Wolfhagen in Hessen. Auch hier lautet das Ziel: 100 Prozent erneuerbare Energien.

Manuela Dollinger

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