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„Warten ist keine kluge Strategie“: Stadtsparkassen-Chef über Geldanlage in schwierigen Zeiten

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Ralf Fleischer ist Chef der Stadtsparkasse München.
Ralf Fleischer ist Chef der Stadtsparkasse München. Im Interview erklärt er, wie Sparer trotz Negativzinsen ihr Geld vermehren können. © Oliver Bodmer

Sparer haben es derzeit schwer. Wie man trotz Negativzinsen das Geld vermehrt, erklärt der Chef der Stadtsparkasse München, Ralf Fleischer, im Interview.

München - Keine Erträge aufs Girokonto, steigende Immobilienkredite – Sparer sind derzeit in keiner guten Position. Ralf Fleischer, Chef der Stadtsparkasse München, erklärt im Interview, wo das Geld verschwindet – und wie man es trotzdem vermehrt.

Die Lage für Sparer wird immer schwieriger. Hohe Inflationsraten zehren am Vermögen, andererseits gibt es nach wie vor keine Zinsen aufs Ersparte. Was tun?

Es stimmt, die Lage ist schwierig. 7,3 Prozent Inflation, ein Zinssatz von null. Leider hat die Europäische Zentralbank verpasst, die Zinsen in der Vergangenheit bereits angemessen anzupassen. Den Negativzins hätte sie schon lange abschaffen können, ebenso hätte sie die Anleihekaufprogramme viel früher reduzieren und beenden müssen. Wie es andere Notenbanken ja auch bereits gemacht haben. Jetzt steckt sie in einem Dilemma, das durch den Ukraine-Krieg noch verstärkt wird. Die EZB fürchtet, mit möglichen Zinsschritten nach oben die Konjunktur abzuwürgen. Ich glaube aber, dass bei den derzeitigen Inflationsraten erste Zinsentscheidungen zwingend erforderlich sind.

Was befürchten Sie, wenn das nicht geschieht?

Das Gefährliche an der Inflation ist ja, dass man zwar im Supermarkt bemerkt, wie vieles teurer und teurer wird. Man merkt jedoch nicht, wie das Geld auf dem Konto immer weniger wert wird. Da liegen 100 Euro und die liegen da auch noch nächstes Jahr. Nur sind die 100 Euro in einem Jahr nur noch 94 Euro wert, bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von sechs Prozent in diesem Jahr. Schreibt man das fort, kann man mit den heute 100 Euro in vier Jahren nur noch für 80 Euro einkaufen.

Schleichende Geldvernichtung.

Genau. In der Öffentlichkeit wird darüber weniger gesprochen als über die Verwahrentgelte, die Banken wegen der Negativzinsen der EZB verlangen. Ich habe das für unser Haus einmal durchgerechnet. Vorweg: Es gibt bei uns Freibeträge von 50 000 Euro bei Neukunden und 100 000 Euro bei Bestandskunden. Wir hatten im vergangenen Jahr nur 5000 Privatkunden – von insgesamt 800 000 Kunden – die überhaupt ein Verwahrentgelt bezahlt haben. Diese 5000 Privatkunden haben im Jahr 2021 zusammen ein Verwahrentgelt von gut einer Million Euro bezahlt. Der Vermögensverlust aus der Inflation – unterstellt eine Inflationsrate von sechs Prozent – wird in diesem Jahr für unsere Privatkunden bei fast 700 Millionen Euro liegen. Darüber sollten wir reden. Das sind massive Einschnitte.

Stadtsparkassen-Chef Ralf Fleischer: „Aktienmarkt ist und bleibt interessant“

Wie hoch waren die Kosten, die der Stadtsparkasse durch die Negativzinsen der EZB entstanden sind?

Wir haben im vergangenen Jahr insgesamt um die 15 Millionen Euro netto für Negativzinsen und Zinssicherungsmaßnahmen ausgegeben.

Wenn die EZB die Negativzinsen abschafft, würde die Stadtsparkasse dann auch sofort die Verwahrentgelte streichen?

Wir würden rasch nachziehen. Das Verwahrentgelt ist ja an den Negativzins als Referenz gekoppelt.

Was raten Sie denn Ihren Kunden?

Pauschal kann man das nicht sagen. In jedem Fall ist es wirtschaftlich keine gute Lösung, sein Geld unverzinst auf dem Girokonto liegen zu lassen. Es gibt schon Anlagen, mit denen man wieder eine Verzinsung erzielen kann.

Weniger als ein Prozent.

Auch Verzinsungen von 1,5 oder zwei Prozent sind durchaus realistisch, wenn man in Fonds geht, die verschiedene Anlageklassen mischen und für die man keine besonderen Risiken eingehen muss. Das hilft immerhin, den Schmerz der Inflation ein bisschen abzumildern. Auch der Aktienmarkt ist und bleibt interessant.

Im Moment ist es da aber auch unerfreulich.

Im Moment, ja. Aber das wird sich auch wieder ändern. Aktien empfehlen sich für den nicht professionellen Anleger nur als langfristige Anlageform. Vor einer Entscheidung sollten die Kunden in jedem Fall ein Gespräch mit ihrem Anlageberater in der Sparkasse führen.

Spüren Sie einen Ansturm von Leuten, die jetzt eine Immobilienfinanzierung abschließen?

Ja, es gibt viele, die die Sorge vor weiter steigenden Zinsen antreibt. Bei Krediten mit einer Zinsbindung von zehn Jahren liegen wir mittlerweile schon wieder über zwei Prozent – was vor sechs Monaten noch unvorstellbar schien. Die Preise für Immobilien sind in den vergangenen zehn Jahren ja immens gestiegen, 150 Prozent Plus in München über alle Lagen. Solche Steigerungsraten werden wir mit steigenden Zinsen nicht mehr sehen.

Leitzinsen in Europa: „Bis Jahresende muss etwas geschehen“

Rechnen Sie mit einem Einbruch am Immobilienmarkt?

Nein, das nicht. Es wird vielleicht zu Schwankungen kommen, aber nicht zu einem richtigen Crash. Zumal in einer Region wie München, wo der Zuzug stark ist und auch auf absehbare Zeit bleiben wird. Aber die Zeit der rasant steigenden Preise dürfte vorerst vorbei sein, wenn durch steigende Zinsen Häuser und Wohnungen nicht mehr so leicht finanzierbar sind. Bei so langfristigen Finanzierungen machen ein oder drei Prozent Zinsen einen gewaltigen Unterschied.

Läuft der Zins Richtung drei Prozent?

Ja, Ende des Jahres könnte er im zehnjährigen Bereich dort liegen. Davon geht man am Markt aus.

Wann kommt es in Europa auch bei den Leitzinsen zur Wende?

Ich glaube, dass bis Jahresende etwas geschehen muss. Der erste Schritt wird die Abschaffung der Negativzinsen sein. Momentan vermehren sich ja die Stimmen, dass bereits im zweiten Halbjahr erste Zinsschritte erfolgen könnten. Die Entwicklung in Europa hängt natürlich auch stark von der in den USA ab. Die US-Notenbank hat ja bereits weitere Zinsschritte für dieses Jahr angekündigt. Da wird auch der Druck auf die EZB steigen.

Sonst würde der Euro noch schwächer.

Genau. Der Inflationsdruck würde dadurch weiter verstärkt.

Aktien boomen: Immer mehr Menschen trauen sich an Wertpapiere und aktienbasierte Anlagen

Hat sich das Verhalten der Münchner Privatkunden geändert?

Ja, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen fragen die Kunden sehr viel stärker als früher nachhaltige Geldanlageprodukte nach. Allein in einen für uns neu aufgelegten Nachhaltigkeitsfonds sind bislang bereits 90 Millionen Euro geflossen. Das Thema hat wirklich die Kunden erreicht. Aber man spürt auch, dass die Menschen vorsichtiger geworden sind, was ihre Ausgaben und auch ihre Anlagen betrifft. Entscheidungen dauern da sehr viel länger als früher. Das ist vor dem Hintergrund der Inflationsproblematik aber nicht unbedingt eine kluge Strategie. Denn so wird das Geld immer weniger wert. Zumindest der Teil des Vermögens, der absehbar nicht gebraucht wird, sollte angelegt werden, statt ihn auf dem Girokonto liegen zu lassen.

Trauen sich denn mittlerweile mehr Leute an Aktien heran?

Ja, das merken wir seit eineinhalb Jahren deutlich. Das Interesse an Wertpapieren und aktienbasierten Anlagen wächst. Auch das gehört zum veränderten Anlageverhalten. Allerdings sind wir noch weit entfernt von einer amerikanischen Anlagekultur, die traditionell auch in der breiten Bevölkerung auf Aktien ausgelegt ist.

Ist denn jetzt ein guter Zeitpunkt, um am Aktienmarkt einzusteigen?

Jemand, der langfristig investieren will und sein Geld breit streuen will, macht auch jetzt mit einem aktienfondsbasierten Sparplan nichts verkehrt. Wir sind im Dax jetzt nahezu 20 Prozent entfernt von früheren Höchstständen. Aber das ist beim Aktiensparplan anders als bei Einzelaktien nicht so entscheidend. Wer monatlich eine feste Summe investiert, kauft bei niedrigen Kursen automatisch mehr Anteile, bei hohen Kursen weniger. So ergibt sich ein vorteilhafterer Durchschnittspreis. Es gibt auch keine so starken Kursschwankungen. Deshalb würde ich einem Kunden und insbesondere jungen Kunden, die im Monat 100 oder 150 Euro übrig haben und langfristig sparen wollen, immer einen Fondssparplan empfehlen. Einzelaktien sind für nicht professionelle Privatanleger, die sich nicht täglich mit den Marktentwicklungen beschäftigen und ein umfangreiches Know-how über die Funktionsweisen des Aktienmarktes besitzen, derzeit eher riskant. Niemand weiß, wie es in der Ukraine weitergeht, die Risikofaktoren sind schwer einzuschätzen.

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