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Der Münchner Rückversicherer Munich Re warnt vor den Folgen des Klimawandels. Ein Interview mit Vorstandschef Joachim Wenning.

Klimaschutz am Standort München

Rückversicherer Munich Re warnt vor Klimawandel - „Klimaschutz muss weh tun im Geldbeutel“

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Der Rückversicherer Munich Re warnt vor den Folgen des Klimawandels - diese werden auf allen Kontinenten zu spüren sein. Ein Interview mit Vorstandschef Joachim Wenning.

  • Der Münchner Rückversicherer Munich Re warnt vor den Folgen des Klimawandels.
  • Der CO2-Ausstoß müsse einen Preis haben, findet Munich Re-Vorstandschef Joachim Wenning.

München - Seit Jahrzehnten warnt der Rückversicherer Munich Re vor den Folgen des Klimawandels, inzwischen bestimmt das Thema die politische Debatte. Wir sprachen mit dem Vorstandschef des Unternehmens, Joachim Wenning, über Katastrophenszenarien, Klimapolitik und die Bedeutung des Standorts München für den weltgrößten Rückversicherer.

Auf welche Klimaveränderung stellt sich die Munich Re in den kommenden Jahrzehnten ein?

Joachim Wenning: Wir werden auf allen Kontinenten Folgen der Klimaveränderung erleben – etwa in Form von Stürmen, Überschwemmungen oder Dürren. Die Zahl der Naturkatastrophen wird zunehmen, gleichzeitig wird die Intensität bestimmter Katastrophen extremer. Da sind sich alle unsere Klimawissenschaftler einig.

Das klingt beunruhigend.

Wenning: In der Tat. Daher bekennen wir uns als Unternehmen auch klar zum Pariser Klimaabkommen. Wir konnten mit unserer Expertise zur Entstehung des Abkommens beitragen.

Die Munich Re hat am Pariser Klimaabkommen mitgeschrieben?

Wenning: Unsere Rolle war eine andere: Während des Klimagipfels treffen sich die sogenannten Sherpas der Regierungen in kleineren Runden. Mitarbeiter von Munich Re sind bei solchen Konferenzen vor Ort und statten die handelnden Personen mit wesentlichen klimawissenschaftlichen Erkenntnissen aus. Munich Re ist hier glaubwürdig, schließlich haben wir schon in den 1970er Jahren vor dem Klimawandel gewarnt.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Politik?

Wenning: Die Erde darf sich im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf keinen Fall um mehr als zwei Grad erwärmen, besser noch um maximal 1,5 Grad. Dieses Ziel des Pariser Klimaabkommens muss erreicht werden, daran führt für mich kein Weg vorbei.

Video: Durchbruch beim Klimapaket lässt CO2-Preis deutlich steigen

Die „Fridays for Future“-Bewegung sagt, die in Paris vereinbarten Temperaturziele können nur eingehalten werden, wenn Deutschland 2030 aus der Kohle aussteigt und sich bis 2035 zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt. Heißt das, Sie schließen sich dieser Forderung an?

Wenning: Es wäre wünschenswert, weit vor 2050 komplett auf fossile Energieträger zu verzichten. Wir müssen realistisch bleiben, das wird sehr schwierig, wir haben noch 30 Jahre. Für mich ist die entscheidende Frage: Was ist bis dahin tatsächlich machbar? Das muss dann aber auch gemacht werden. Deutschland hat sich im Jahr 2015 dazu bekannt, die jährlichen Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Dieses Ziel wird verfehlt: Aktuell stehen wir bei 30 Prozent. Umso wichtiger ist es, dass der Ausstoß von CO2 ein klares Preisschild bekommt.

In Deutschland soll ab 2021 der Ausstoß einer Tonne CO2 25 Euro kosten, 2026 soll der Preis auf 55 bis 65 Euro steigen. Reicht das?

Wenning: Ob ein Preis von 25 Euro pro Tonne eine Steuerungswirkung entfaltet, kann man tatsächlich bezweifeln. Der Anreiz ist noch nicht stark genug.

Das Klimapaket der Bundesregierung ist damit wirkungslos?

Wenning: Nein. Es ist eine Errungenschaft, dass jetzt mit einer Bepreisung von CO2 begonnen wird. Für mich ist das der Einstieg in eine wirksame Klimapolitik. Problematisch finde ich, bestimmte Gruppen von einem höheren CO2-Preis wieder zu entlasten.

Mit einer Erhöhung der Pendlerpauschale beispielsweise ist aber genau das geplant.

Wenning: Besser wären echte Anreize, damit Menschen ihr Verhalten ändern.

Sie meinen, Klimapolitik muss weh tun im Geldbeutel?

Wenning: Ja, eine wirksame Klimapolitik muss auch weh tun.

Münchner Rückversicherer erklärt: „Klimaschutz muss weh tun im Geldbeutel“

Was tut eigentlich die Munich Re selbst fürs Klima? Vergangenes Jahr haben Umweltschützer darauf aufmerksam gemacht, dass Ihr Tochterunternehmen Ergo in Polen die dreckigsten Kohlekraftwerke in Europa versichert. Haben Sie diese Politik inzwischen korrigiert?

Wenning: Bis zum letzten Jahr gab es für die Versicherung von fossilen Energien keine Einschränkungen. Seitdem versichern wir nur noch bestehende Kohlekraftwerke weiter, weil sie erstens schon da sind und zweitens ein Versicherungspreis wünschenswerte Anreize für Betreiber bedeutet, ihre Anlagen möglichst sicher und CO2-schonend weiterzuentwickeln.

Wie ist es mit neuen Kohlekraftwerken aus?

Wenning: Neue Kohlekraftwerke oder Kohleminen versichern wir im Einzelrisikogeschäft seit 2018 nicht mehr, da ihre Laufzeiten von erfahrungsgemäß mehr als 50 Jahren unseres Erachtens nicht mehr mit den Pariser Klimazielen bis 2050 vereinbar sind.

Das ist der Versicherungsaspekt. Gleichzeitig legen Rückversicherer enorme Geldsummen langfristig an, um große Risiken abfedern zu können. Hat die Munich Re auch ihr Anlageverhalten geändert?

Wenning: Ja. Auf der Kapitalanlageseite hatten wir uns bereits vor längerer Zeit dazu verpflichtet, nicht in Unternehmen zu investieren, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen. Im vergangenen Jahr haben wir diese Schwelle auf 30 Prozent gesenkt.

Für einen Rückversicherer ist der Klimawandel nicht nur Risiko: Mehr Naturkatastrophen führen auch dazu, dass der Versicherungsbedarf steigt. Rein kaufmännisch betrachtet: Ist der Klimawandel für die Munich Re mehr Chance oder mehr Risiko?

Wenning: Solange wir zu erwartende steigende Klimaschäden auch entsprechend höher vergütet bekommen, könnte die Versicherungsnachfrage steigen. Besser für alle ist, wenn technologischer Fortschritt in der erneuerbaren Energieversorgung einen dramatischen Klimawandel vermeidet. In der Versicherung dieser modernen Technologierisiken sehen wir unsere Hauptaufgabe.

Was erwarten Sie an zusätzlichem Neugeschäft durch den Klimawandel?

Wenning: Das ist nicht leicht vorherzusagen. Wir wissen, dass der Versicherungsbedarf objektiv steigt, weil es mehr Naturkatastrophen geben wird. Wir wissen aber auch, dass es nicht überall eine Zahlungsbereitschaft oder Zahlungsfähigkeit für entsprechende Versicherungen gibt. Schon heute könnte man deutlich mehr versichern, als tatsächlich versichert wird.

Wo beobachten Sie das?

Wenning: In den USA sind beispielsweise nur rund 50 Prozent der Haushalte gegen Naturkatastrophen versichert. In Europa sind es sogar noch weniger, auch in Deutschland. Bei Elementarschäden gibt es hier eine enorme Versicherungslücke, obwohl mittlerweile praktisch überall Versicherungsschutz möglich ist. Das gilt selbst für stark hochwassergefährdete Zonen wie die Passauer Innenstadt. Ergo ist hier einer der Vorreiter.

Wie sieht es im Bereich der Cybersicherheit aus?

Wenning: Wir schätzen, dass Cyberangriffe weltweit gesamtwirtschaftliche Schäden in Höhe von über 600 Milliarden US-Dollar pro Jahr verursachen – Tendenz steigend. Davon ist aber nur ein minimaler Bruchteil versichert und die Risiken durch die wachsende Vernetzung werden weiter zunehmen. Daher sehen wir die Cyberversicherung als großen Zukunftsmarkt.

„Gibt extreme Risiken, die die Versicherungswirtschaft nicht allein tragen kann“

Würden Sie auch das deutsche 5G-Netz gegen einen Abfluss von Daten an China versichern?

Wenning: Es ist Kern unseres Geschäftsmodells, bisher Unversicherbares versicherbar zu machen. Das ist unsere Stärke, darin sind wir gut. Es gibt allerdings extreme Risiken, die die Versicherungswirtschaft nicht allein tragen kann. Dazu gehören derzeit auch Netzausfälle, die die Stromversorgung oder Internet- und Telekommunikationsverbindungen unterbrechen. Solche Szenarien und die damit verbundenen Kosten können daher nur von Regierungen getragen werden.

Sie kennen das Rückversicherungsgeschäft in und auswendig, Sie sind dem Konzern seit 1991 treu. Wie hat sich die Münchener Rück in dieser Zeit verändert?

Wenning: Kapital spielte damals eine entscheidende Rolle, etwa indem wir Versicherern erhebliche Kapazitäten zur Verfügung stellen konnten. Heute machen vor allem Kompetenzen in der Risikoeinschätzung und digitale Fähigkeiten den Unterschied aus. Das Können unserer Mitarbeiter ist deutlich wahrnehmbarer zum eigentlichen Kapital von Munich Re geworden.

Wie hat sich das Geschäft selbst verändert?

Wenning: Als ich begonnen habe, haben wir in der Rückversicherung weit mehr als die Hälfte unseres Geschäftes in Deutschland gemacht.

Wie sieht es heute aus?

Wenning: Heute kommen weniger als fünf Prozent des Rückversicherungsgeschäftes aus Deutschland. In meinen fast 30 Jahren im Konzern ist das eine beachtliche Entwicklung.

Münchner Rückversicherer erklärt: „Klimaschutz muss weh tun im Geldbeutel“

An der Konzernspitze sind Sie seit zweieinhalb Jahren. Kaum im Amt, sind Sie durch einen strikten Sparkurs aufgefallen. Weltweit haben Sie 900 Arbeitsplätze gestrichen, 450 davon in München. Haben Sie damit vollzogen, was angesichts der Internationalisierung des Konzerns längst Realität war?

Wenning: Diese Schlussfolgerung ist nicht richtig. International sind wir deshalb so stark gewachsen, weil wir vor vielen Jahren die heutige Munich Re America und später weitere Spezialversicherer gekauft haben. Dadurch haben wir inzwischen in den USA eine gleich große Mitarbeiterzahl wie am Standort München in der Rückversicherung. Insgesamt – also mit unseren Töchtern Ergo und MEAG – beschäftigen wir in München 4600 Menschen.

Warum aber der Stellenabbau?

Wenning: Uns war klar, dass wir in der klasisschen Rückversicherung in Zukunft weniger Personal brauchen, weil die Abläufe effizienter werden. Gleichzeitig werden wir künftig für die Weiterentwicklung unseres digitalen Fundaments sowie von plattformartigen Geschäftsmodellen mehr Personal benötigen. . Nimmt man beides zusammen, gehen wir insgesamt sogar von mehr für aus als vorher.

Was bedeutet das für die Bedeutung des Standorts München?

Wenning: München ist für uns enorm wichtig. Die Stadt ist nach wie vor der zentrale Versicherungsstandort in Deutschland, verfügt über weltweit renommierte Hochschulen und ein gutes Flughafendrehkreuz. Unsere Geschäftspartner aus dem Ausland kommen unheimlich gerne zu uns nach München, selbst die Wiesn und der FC Bayern tragen dazu bei. Die hohe Lebensqualität in München und seinem Umland hilft uns, hervorragende Mitarbeiter für uns zu gewinnen und zu halten. So scheint es auch zunehmend viel Auslandsunternehmen zu gehen, die sich in letzter Zeit neu ansiedeln. Übrigens sind wir der einzige Dax-Konzern, der seine Heimatstadt im Firmennamen trägt. Diesen Namen tragen wir mit Stolz.

Die Geschichte der Münchener Rück zeigt auch: Seit 1880 gab es im Vatikan mehr Päpste als Chefs in Schwabing. Über 17 Jahre hält sich ein Vorstandschef im Schnitt an der Konzernspitze. Werden wir das bei Ihnen ebenfalls beobachten?

Wenning: Wir haben noch viel vor und mir macht meine Aufgabe große Freude. Doch bei aller Begeisterung wage ich vorherzusagen: Wahrscheinlich werde ich diesen Schnitt nicht schaffen. Bei Munich Re enden Karrieren in der Regel in einem Alter, in dem sie im Vatikan erst beginnen.

Lesen Sie auch: Der Kampf für Klimaschutz ist nicht mehr nur Schülersache.„Fridays for Future“ hat weite Teile der Gesellschaft mobilisiert. Erst im November gab es einen großen Streik. Ist es in München in einigen Jahren so heiß wie in Mailand? Experten warnen vor neuen Wetterverhältnissen in der bayerischen Landeshauptstadt.

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