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Nach der Fusion der deutschen Linde AG mit dem US-Konkurrenten Praxair will der neue Gasehersteller sämtliche Aktien der Münchner Traditionsfirma einziehen. 

Kultur- und Bildungsstätte bangen

Kostet dieser Deal die Stadt München Millionen? Linde fusioniert mit US-Konkurrenten

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Der Münchner Weltkonzern Linde fusioniert definitiv mit seinem Konkurrenten Praxair. Warum nicht nur Mitarbeiter, IG Metall und Kleinaktionäre, sondern auch Münchner Kultur- und Bildungsstätte bangen, lesen Sie hier. 

München - Die Fusion des Münchner Weltkonzerns Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair wurde am Mittwoch auf der letzten Hauptversammlung der Linde AG perfekt gemacht. Der erbitterte Wider­stand der IG Metall, vieler Mitarbeiter und der Klein­aktionäre ist endgültig gescheitert. Acht Prozent der Linde-Alteigner hatten sich bis zuletzt der Fusion verweigert. Sie werden nun zwangsweise mit gut 189 Euro je Aktie abgefunden und aus dem Unternehmen gedrängt. Das Ende des ursprünglichen Münchner Traditionsunternehmens bedeutet nicht nur für die rund 300 Mitarbeiter in der Konzernzentrale an der Klosterhofstraße 1 im Angerhof eine ungewisse Zukunft. Die Stadt muss möglicherweise auf einen großen Brocken Gewerbesteuer verzichten. Auch den Kultur- und Bildungseinrichtungen Münchens drohen langfristig Millionenbeträge zu entgehen. 

(Lesen Sie auch: Cyber-Attacke lähmt Krauss Maffei: Kommen die Hacker aus Nordkorea oder Russland?)

Der juristische Sitz des neuen, fusionierten Konzerns wird nach Dublin wandern, der steuerliche nach Guildford in London. Geführt aber wird die neue Linde von Danbury im US-Bundesstaat Connecticut aus, wo Praxair seinen Firmensitz hat. Und die dortigen Chefs Steve Angel und Matthew White halten laut SZ wenig von „regionalem Sponsoring“. Die tz erklärt, welche Münchner Institutionen das besonders hart treffen dürfte.

Deutsches Museum: Die Beziehungen zwischen Linde und dem größten Technikmuseum der Welt waren bisher eng: Firmengründer Carl von Linde war am Aufbau des Museums beteiligt und dann bis zu seinem 80. Lebensjahr im Vorstand. Heute ist Linde einer der wichtigsten Sponsoren des Museums – für die derzeitige Sanierung spendete der Konzern fünf Millionen Euro. 

Staatsoper München: Seit 2007 ist Linde Spielzeitpartner der Oper und damit einer der wichtigsten Sponsoren. Ein Opern-Sprecher erklärte gegenüber der tz: „Wir hoffen natürlich, dass das Engagement – über dessen Höhe wir gemäß Vertrag nicht Auskunft geben können – fortgesetzt wird. Die Bayerische Staatsoper hat in den letzten zehn Jahren allerdings zusätzlich zu den Hauptsponsoren über 150 unterschiedliche Partnerschaften aufgebaut.“ 

TU München: Linde hatte 2004 mehr als acht Millionen Euro für die Carl von Linde-Akademie zur Verfügung gestellt, die fachübergreifende Workshops und Seminare für TU-Studenten anbietet. Zu verdanken sei das mögliche Ende für all diese Wohltaten einer „One-Man-Show“, kritisierte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) unter dem Beifall von Aktionären. Gemeint war damit Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, der als treibende Kraft hinter der Firmenehe gilt. 

Der 69-Jährige ließ jede Kritik von sich abperlen. In der fusionierten neuen Linde hat er sich den Posten des Verwaltungsrats­chefs gesichert. Etwa 70.000 Beschäftigte und 24 Milliarden Euro Umsatz dürfte der von ihm geschmiedete Weltmarktführer bei Industriegasen am Ende haben, wenn alle Verkaufsauflagen bis Ende Januar 2019 erfüllt sind. Rund zwei Drittel davon stammen von der alten Linde. Der Umstand, dass trotz dieser Größenverhältnisse die Führung in die USA abwandert, hat viele Kritiker auf den Plan gerufen. Aber ebenso wenig wie Aktionäre konnten auch Beschäftigte die Firmenehe verhindern. In den Augen der IG Metall ist sie gar eine unfreundliche Übernahme. Wie die IG BCE als zweite bei Linde aktive Gewerkschaft fürchtet sie um Stellen und deutsche Mitbestimmungsrechte, obwohl Jobs und Standorte bis Ende 2021 garantiert sind. „Dieser Zusammenschluss rechnet sich nicht, weder für Aktionäre, noch für die Beschäftigten, noch für den Industrie-standort Deutschland“, so IG BCE-Chef Michael Vassiliadis. Selbst Linde-Manager hatten gegen das Verschmelzen beider Konzerne votiert. Sie mussten gehen. 

Das Wichtigste zu Carl von Linde kurz zusammengefasst:

Es begann mit einer Kältemaschine für Münchens große Brauereien: Carl von Linde (1842 – 1934) meldete am 9. August 1877 das Patent für einen Apparat an, der zum Vorläufer des Kühlschranks wurde. Später entwickelte Linde dann ein Verfahren zur Verflüssigung von Gasen und zur Zerlegung von Luft in Sauerstoff und Stickstoff. Damit legte er den Grundstein für ein weltweit agierendes Unternehmen. Die 1907 gegründete Linde-Tochter in den USA wurde im Ersten Weltkrieg enteignet. Später ging daraus Praxair hervor – die Firma, mit der Linde jetzt fusioniert. Linde hatte vor der Fusion rund 58.000 Mitarbeiter in hundert Ländern, Praxair hat rund 26.400 Mitarbeiter.

Klaus Rimpel und Thomas Magenheim-Hörmann

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