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Tristesse vor den Toren Münchens: Ottobrunn/Taufkirchen soll nicht mehr EADS-Hauptquartier sein.

Wie München den Luftfahrt-Vorsprung verlor

Taufkirchen - Die einstige MBB-Zentrale Ottobrunn hat als EADS-Hauptquartier ausgedient. Das schreckt die Politik auf. Den eigentlichen Aderlass des Technologiezentrums im Münchner Südosten hat sie verschlafen.

Wenn der Schnee schmilzt, tun sich Schlaglöcher auf. Löwenzahn und Disteln sind durch die Asphaltflächen gebrochen. Die Pförtnerhäuschen an den Einfahrten sind als solche kaum mehr zu erkennen. Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) war einmal der Stolz des Technologielandes Bayern. Heute wirkt das Gelände zwischen den Münchner Vororten Ottobrunn und Taufkirchen fast gespenstisch. Wo früher der Werksschutz jedes Auto kontrollierte, gilt heute freie Fahrt. Von 10 000 Beschäftigten sind noch 2100 übrig. Mehrfach haben Monteure seit 1990 auf dem Gelände die Embleme ausgewechselt. Aus MBB wurde Dasa, aus Dasa später EADS. Viele Aktivitäten aus MBB-Zeiten gibt es aber nicht mehr.

Wichtige Technologien stampfen Manager des Dasa-Hauptanteilseigners Daimler im Rahmen von Kostensenkungsprogrammen ein. Die Entwicklung von Jagdflugzeugen und die Hubschrauberfertigung wurden an anderen Standorten konzentriert. Jedes Mal ging es um Tausende von Arbeitsplätzen. Jedes Mal verstrich eine gute Gelegenheit, industriepolitisch Flagge zu zeigen. Nun aber passiert, womit die Branche ohnehin rechnet: Ottobrunn verliert in absehbarer Zeit seinen Status als EADS-Hauptquartier. Und jetzt greift die Politik ein. Ministerpräsident Horst Seehofer und nach seinen Worten auch Angela Merkel machen Druck. „Seit Freitag ist auch die Bundeskanzlerin mit voller Kraft unterwegs“, sagte Seehofer.

Doch worum geht es? In Taufkirchen ist nicht mehr viel zu verteidigen. EADS ist eine Aktiengesellschaft niederländischen Rechts mit Sitz in Amsterdam und dutzenden Standorten weltweit. Ihre operativen Zentren sind nur deshalb Paris und München, weil dort auch die Zentralen der größten Vorgängerunternehmen Aereospatiale und Dasa angesiedelt waren.

Längst pendelt das Führungspersonal nicht nur zwischen München und Paris, sondern auch zwischen Hamburg, Toulouse und Sevilla oder zwischen Bremen, Toulouse und München. Und meist ist es völlig belanglos, welches der Büros das Fähnchen „offizieller Arbeitsplatz“ trägt. Die Betroffenen sind meist ohnehin weltweit unterwegs und ihre wichtigste Arbeitsumgebung sind Laptop und Smartphone.

Offizieller Arbeitsplatz für 40, möglicherweise aber auch 200 Top-Leute im Konzern wird künftig ein Schreibtisch in Toulouse sein. Der künftige EADS-Chef Thomas Enders hat vor Spitzenmanagern angekündigt, die Zentrale des Konzerns nach Südfrankreich zu verlegen – an den wichtigsten EADS-Standort.

Aus der bayerischen Staatsregierung wird nun mit dem 7,5-Prozent-Anteil als Faustpfand gewunken, den Daimler, nachdem sich kein privater Interessent gefunden hat, an die bundeseigene KfW-Bank verkaufte. Enders, der verstärkte staatliche Einmischung fürchtete und den Staatseinstieg deshalb heftig kritisierte, kann sich nun bestätigt fühlen: Schon bei der ersten Nagelprobe wird klar, dass die Politik machen würde, was Enders befürchtete: Versuche, auf Unternehmensentscheidungen Einfluss zu nehmen – angeblich im bayerischen oder deutschen Interesse. Dabei hat das deutsch-französische Gleichgewicht, das sich immer wieder im öffentlich zelebrierten Gerangel ums Führungspersonal ausdrückte, nur noch symbolische Bedeutung.

Die technologische Führerschaft hatte sich in allen wichtigen Bereichen die französische Seite vor der EADS-Gründung gesichert. Zum Teil, weil sie sie – wie bei Airbus oder Eurocopter – schon vorher hatte. Zum Teil aber auch, weil im Vorfeld wichtige Zukunftstechnologien, bei denen MBB bereits führend war, unter Dasa-Regie aufgegeben wurden. Über die Motive der Verantwortlichen kann man auch heute nur rätseln. Nur in wenigen Bereichen – etwa in der Raumfahrtsparte Astrium – mühen sich die deutschen Unternehmensteile, Kompetenz-Rückstände wieder auszugleichen. Die regionale Politik tröstet sich über den schleichenden Bedeutungsverlust als Technologiestandort hinweg. Immerhin beteiligt sich EADS am Projekt BICAS (Bavarian International Campus Aerospace und Security), das in brachliegenden Teilen des ehemaligen MBB-Geländes angesiedelt werden soll. Hier sollen fachspezifische Hochschulaktivitäten und Unternehmen zusammenwirken. Wie bei der Biotechnologie in Martinsried. Dort geht es aber um Unternehmensansiedlungen. In Ottobrunn/Taufkirchen zieht sich das wichtigste Unternehmen gerade zurück.

Martin Prem

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