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Sturm Niklaus, der im März über Deutschland fegte, bringt die Gewinnziele nicht ins Wanken. Deutschlandweit verursachte der Sturm versicherte Schäden von 750 Millionen Euro, die Munich Re trifft es mit einem zweistelligen Millionenbetrag.

"Die Welt ist deutlich unterversichert"

Münchener Rück: Aktionäre sorgen sich um Zukunft

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München - Rekord-Dividende und ein Aktienkurs, der durch die Decke geht – dafür gibt es viel Lob für die Münchener Rück. Sorge bereitet den Aktionären allerdings die Zukunft des weltgrößten Rückversicherers. Liegen die besten Zeiten bereits hinter den Münchnern?

Seit über 100 Jahren ist die Familie von Gustav Hetzer Kleinaktionär bei der Münchener Rück, die mittlerweile unter dem Namen Munich Re firmiert. Sein Depot soll ihn im Alter absichern. So war das bisher jedenfalls gedacht. Kürzlich hat sich Hetzer nun vom Großteil seiner Munich-Re-Papiere getrennt. Dabei hat er ein gutes Geschäft gemacht. Der Aktienkurs der Papiere ist seit dem Jahreswechsel durch die Decke gegangen. Hetzer ist mit der Geschäftsentwicklung im vergangenen Jahr mehr als zufrieden. Von ihm und tausenden anderen Aktionären, die gestern zur Hauptversammlung des Münchner Dax-Konzerns gekommen waren, gab es viel Applaus. Sorge bereitet den Aktionären allerdings die Zukunft des Rückversicherers.

„Die besten Jahre unseres Unternehmens liegen eventuell hinter uns“, fürchtet Hetzer. „Ein ,Weiter so‘ kann es nicht geben“, erklärt auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapiere (DSW). Sie will vom Vorstand wissen: Was planen Sie für die Zukunft? Welche Innovationen bringt die Münchener Rück voran? Und wo liegen mit Blick auf den derzeitigen Niedrigzins die Lösungen?

Doch zunächst: Welche Sprache sprechen die Zahlen? Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Münchner einen Gewinn von 3,2 Milliarden Euro. Dieses Ergebnis ermögliche es, die Dividende auf einen neuen Höchststand von 7,75 Euro (2013: 7,25) anzuheben, sagt Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück. Zusätzlich startet das Unternehmen 2015 ein neues Aktienrückkaufprogramm. Das sind gute Nachrichten.

Münchener Rück: Zurückhaltende Prognose wegen niedrigem Zinsniveau

Weniger erfreulich: Im laufenden Jahr erwartet Bomhard einen niedrigeren Gewinn – zwischen 2,5 und 3 Milliarden Euro. Das hatte die Münchener Rück bereits im Februar angekündigt. Neu ist dagegen: Trotz der Belastungen durch Sturm „Niklas“ bleibt es bei den Gewinnzielen. Den Schaden für die Münchener Rück beziffert Bomhard auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. „Wir liegen gut auf Kurs“, sagt er mit Blick auf das erste Quartal. Die konkreten Zahlen dazu gibt es allerdings erst Anfang Mai.

Die zurückhaltende Prognose für das laufende Jahr hängt vor allem mit dem niedrigen Zinsniveau zusammen, mit dem alle (Rück)Versicherer derzeit zu kämpfen haben. „Unser Kapitalanlageergebnis wird in der Tendenz zurückgehen, solange die EZB und andere Notenbanken derart massiv in die Märkte eingreifen“, sagt Bomhard. Die hohe Liquidität führe zudem zu einem sehr intensiven Wettbewerb auf den Märkten der Rückversicherung. Erstversicherer sind gut kapitalisiert und fragen deshalb weniger Rückversicherungsschutz an. Die Rückversicherer selbst senken die Preise; außerdem drängen neue Wettbewerber auf den Markt. „Im Ergebnis erleben wir eine hohes Angebot für Rückversicherungsschutz bei sinkender Nachfrage“, so Bomhard. Eine Trendwende sei nicht zu erkennen.

Die Münchener Rück gilt seit jeher als konservativ und vorsichtig, was die Kapitalanlage angeht. Anregungen eines Aktionärs, die Aktinquote des Unternehmens (derzeit vier bis fünf Prozent) zu erhöhen, weist Bomhard entschieden zurück. „Wir wollen nicht mehr Risiko“, betont der Vorstandschef. Auch wenn das bedeutet, dass das Portfolio weniger Rendite abwirft. „Diese Politik führt dazu, dass wir zwar nie zu den ganz großen Gewinnern einer Entwicklung gehören, aber auch in keinem Szenario zu den ganz großen Verlierern“, verspricht Bomhard. Sicherheit – genau das ist für viele Aktionäre der Grund, gerade hier zu investieren.

Ein weiterer ist die Dividendenpolitik und die gute Entwicklung des Aktienkurses. Allerdings ist vor dem Hintergrund der niedrigen Zinsen dem Munich-Re-Chef der Kursanstieg der eigenen Aktien selbst nicht ganz geheuer. Grundsätzlich könne sich das Unternehmen darüber zwar freuen. „Dennoch – und das mag aus dem Munde eines Vorstandsvorsitzenden ungewöhnlich klingen – sehe ich den starken Kursanstieg unserer Aktie in den vergangenen Monaten kritisch.“ Darin spiegele sich eine generell verstärkte Nachfrage nach Aktien, die zu einem großen Teil durch die Zinspolitik der EZB getrieben sei.

Vorstandschef Bomhard: "Wir haben unsere Tentakel ausgestreckt"

Für die Zukunft sieht Bomhard die Münchener Rück gut aufgestellt. „Wir haben unsere Tentakel ausgestreckt“, bemerkt er und holt aus, um Kritikern, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Große Wachstumspotenziale – sowohl für die Erst- als auch für die Rückversicherung – gebe es unter anderem in Asien, Osteuropa und den USA.

Zum Thema Innovationen steht ein meterhohes Schaubild vor dem Saal im Internationalen Congress Center, in dem die Hauptversammlung stattfindet. Bomhard nennt Beispiele: Unternehmen können sich neuerdings dagegen versichern, dass ihr guter Ruf Schaden nimmt. Biergärten können Policen gegen schlechtes Wetter abschließen. Im Bereich Digitalisierung sind bei der Erstversicherungstochter Ergo mittlerweile zahlreiche Policen online abschließbar. Ein weiteres Wachstumsfeld, das die Münchner beackern, ist Cybersicherheit: Schätzungen zufolge seien allein 2014 Schäden aus Cybervorfällen von rund 400 Milliarden Dollar entstanden, sagt Bomhard. Davon sei derzeit lediglich etwa ein Promille versichert. „Das Geschäftspotenzial für die Assekuranz und damit für uns ist also enorm.“ Insgesamt sei die Welt deutlich unterversichert, findet Bomhard. Er habe keine Sorge, dass der Markt für Versicherungen in absehbarer Zeit an Grenzen stoße.

Manuela Dollinger

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