Messe-Chefs im Merkur-Interview

Dittrich: Keine große Messe zur Wiesn

München - 500 Millionen Euro Umsatz im Jahr: Die beiden Messen München und Nürnberg bringen einiges auf die Waagschale. Ein Interview mit dem Münchner und den Nürnberger Messe-Chefs.

Über die Zukunft von Messen im Internetzeitalter, die Bedeutung der Messeplätze für die Region und die sportliche Konkurrenz unter den Standorten hat der Münchner Merkur mit dem Chef der Münchner Messegesellschaft, Klaus Dittrich, sowie den beiden Nürnberger Messechefs Peter Ottmann und Roland Fleck gesprochen. Es war das erste Mal, dass die drei bayerischen Messegeschäftsführer zu einem gemeinsamen Interview antraten.

Gerade läuft in München das Oktoberfest. Wäre eine größere Messe während der Wiesn denkbar?

Dittrich: Wohl kaum. Was man gerne nimmt, sind Termine kurz vor und kurz nach der Wiesn, um einen Messebesuch mit dem Wiesnbesuch zu verbinden. Die Wiesnzeit selbst ist bei den Ausstellern alles andere als beliebt, weil die Hotelpreise zu hoch und alles zu voll ist.

Fleck: Das ist wie in Nürnberg mit dem Christkindlesmarkt. Die letzte ganz große Messe in unserem Jahreskalender, die Leitmesse für Automatisierungstechnik SPS, endet deshalb am Tag vor dem Christkindlesmarkt.

In München kann man an den Hotelpreisen die Frequenz von Messen und Kongressen ablesen. Kann die Messegesellschaft etwas dagegen tun?

Dittrich: Das ist ein Markt, auf den wir kaum einwirken können. Es gibt natürlich schwarze Schafe, die während der bauma statt 100 plötzlich 800 Euro fürs Doppelbett nehmen. Wir sind aber in guten Gesprächen mit dem Hotel- und Gaststättenverband, um diesen Hotelliers klarzumachen, dass sie an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.

Die Messe München wird heuer 50, die in Nürnberg 40. Wie fällt die Bilanz aus?

Dittrich: Ein runder Geburtstag ist immer auch eine Gelegenheit, zurückzublicken. Und da ist ein Meilenstein die Entscheidung unserer Gesellschafter Stadt und Freistaat, ein neues Messegelände auf dem alten Flughafen Riem zu bauen. Das war ein sehr wegweisender und mutiger Schritt. München würde heute im internationalen Messegeschäft keine Rolle mehr spielen, wenn wir noch auf dem alten Gelände auf der Theresienhöhe wären. Es gäbe keine bauma mehr in München, keine Ispo und keine elektronica. Die Entscheidung für die neue Messe war keine Selbstverständlichkeit. Aus heutiger Sicht bezweifle ich manchmal, ob wir heute noch einmal eine Mehrheit bekommen würden für so eine 1,2-Milliarden-Investition.

Weil es Großprojekte heute überhaupt schwer haben?

Dittrich: Ja. Es war ja auch damals schon sehr umstritten. Da war auch die Frage, welche Zukunft haben Messen? Haben sie überhaupt eine Zukunft im Zeitalter des Internets?

Und, haben sie?

Dittrich: Diese Frage ist sehr eindeutig beantwortet. Ja, sie haben eine Zukunft. Das Internet ist eine wesentliche Ergänzung einer Messebeteiligung, aber kein Ersatz. Ich finde es immer wieder bezeichnend, dass Online-Plattformen wie Xing reale Stammtische einrichten. Das zeigt, Online-Kommunikation ist kein Ersatz für persönliche Kommunikation.

Ottmann: Wenn ein Mittelständler eine Million Euro in eine Maschine investiert, dann wird er das auch in zehn Jahren nicht über eine möglicherweise dubiose Online-Plattform tun.

Der Messezustrom ist also ungebrochen?

Dittrich: Wir wachsen in München überdurchschnittlich bei Besuchern und Ausstellern. Das erklären wir uns so, dass wir 14 Messen haben, die Weltleitmessen sind, also die wichtigsten und größten ihrer Art. Trotz Finanz- und Wirtschaftskrise ist es unserer Erfahrung nach so, dass die Nummer-Eins-Messe gesetzt ist, gespart wird dann eher bei zweit- und drittrangigen Veranstaltungen.

Wie ist das bei Ihnen in Nürnberg, Herr Ottmann? Auch alles so gut?

Ottmann: Wir kommen auch auf gut ein Dutzend Weltleitmessen. Die bekannteste ist nätürlich die Spielwarenmesse. Dann kommt die Biofach. Aber es gibt auch die Messe IWA Outdoor Classics. Das ist ebenfalls eine Weltleitmesse, die allerdings weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit stattfindet. Sie wächst trotzdem wie eh und je. Nürnberg liegt als süddeutscher Messestandort in einer sehr potenten Region. Allein 2000 unserer Aussteller und 100 000 unserer Fachbesucher kommen aus Bayern. Für die sind unsere internationalen Fachmessen ein wunderbares Heimspiel. Aber eben nicht nur für die.

Die Messe Nürnberg liegt bundesweit an sechster Stelle. Sind Sie damit zufrieden?

Ottmann: Bayern und Deutschland sind für Messeplätze wie München und Nürnberg zu klein. Wir schauen nach Europa, da sind wir unter den Top Ten, und auf der Welt gehören wir zu den Top 15. Deutschland ist schließlich Weltmarktführer in Sachen Messen. Zwei von drei Weltleitmessen finden in Deutschland statt. Und das vor dem Hintergrund eines sich verschiebenden Welthandels, der Europa manchmal rechts und links liegen lässt.

Über die Hälfte der Aussteller kommt aus dem Ausland

Die Konkurrenz aus Asien?

Ottmann: Ja, und auch aus Südamerika oder Indien. Trotzdem verfügt wohl kein anderes Messeland über eine höhere Internationalität bei Ausstellern und Besuchern. Über die Hälfte unserer Aussteller kommt aus dem Ausland. Bei manchen Messen sind es sogar neun von zehn Ausstellern. Zum Beispiel eine kleine, feine Fachmesse zum Thema Kanusport, die Paddle Expo. Da trifft sich eine internationale Community. Und daran ändert auch das Internet nichts.

Liegt die deutsche Messestärke nicht auch daran, dass Messewesen überhaupt ein recht deutsches Phänomen ist?

Dittrich: Das würde ich nicht sagen. Die größten Messeveranstalter sitzen in Großbritannien, auch Frankreich ist sehr stark. Die haben aber eine andere Historie und ein anderes Geschäftsmodell. Das sind teilweise börsennotierte Unternehmen, die oft schneller sind, wenn es um neue Produkte geht. Aber es geht halt auch um kurzfristige Rendite. Dagegen sind die deutschen Messegesellschaften dadurch charakterisiert, dass sie als Gesellschafter die Kommune oder das Land haben. Außerdem besitzen sie in aller Regel das Gelände.

Was hat das zur Folge?

Dittrich: Damit ist man ein Stück langsamer in Entscheidungsprozessen und ein Stück vorsichtiger. Weil an der Spitze der Aufsichtsgremien Politiker stehen, die, wenn sie einen Fehler machen, in den Medien landen. Der positive Effekt ist, dass man durch die Standortgebundenheit viel stärker motiviert ist, für den Standort auch zu kämpfen.

Fleck: Die Gesellschafterstruktur Stadt und Staat hat ja auch zur Folge, dass wir einerseits im unternehmerischen Wettbewerb im Messemarkt stehen, andererseits einen öffentlichen Auftrag haben: nämlich Wirtschaftsförderung zu betreiben. Aus Sicht der Gesellschafter hat die Messe umgekehrt natürlich auch eine große Bedeutung. Wir reden ja bei beiden Messegesellschaften von ein paar hundert Millionen Euro Umsatz und wir haben beide Effekte in Milliardenhöhe in die jeweilige Region hinein. Effekte für die Hotellerie, Gastronomie, das Taxigewerbe. In Nürnberg müsste faktisch jedes zweite Hotel zusperren, wenn wir den Betrieb einstellen würden.

Wie sieht es eigentlich mit dem Wettbewerb zwischen den beiden Messen München und Nürnberg aus? Betrachten Sie sich als Konkurrenten?

Dittrich: Wir sind sportlich-freundschaftlich verbunden. Wir haben mit dem Freistaat einen gemeinsamen Gesellschafter, der jeweils 49 Prozent hält. Und jeder hat noch einen weiteren Gesellschafter mit 49 Prozent, nämlich die jeweilige Stadt. Und die hat natürlich ein Interesse daran, das Maximum für die eigene Messe herauszuholen.

Kommt man sich ins Gehege?

Dittrich:  Wir haben Überschneidungen, zum Beispiel beim Thema Elektronik oder Getränketechnologie. Aber es gibt auch Felder, wo wir kooperieren. Seit vier Jahren zum Beispiel wird unsere Auslandsvertretung in Brasilien wahrgenommen von der NürnbergMesse Brasil.

Wie wichtig sind für Sie Messen im Ausland?

Dittrich: Sehr wichtig. Nur war die Messe München die ganzen 90er-Jahre hindurch damit beschäftigt, das neue Messegelände in Riem durchzusetzen, es zu planen und zu bauen, bis es dann 1998 eröffnet wurde. Das hat einen Großteil der Kraft und der Aufmerksamkeit des Managements gefordert. Doch dann sind wir durchgestartet, weil wir wussten: Wir müssen ins Ausland. Da hatten andere Messen schon einen ziemlichen Vorsprung.

Bauma in München ist die größte Messe der Welt

Was war das erste Projekt?

Dittrich: Schanghai. Die Messe München ist zusammen mit Düsseldorf und Hannover mit 50 Prozent Gesellschafter des Shanghai New International Expo Centre, das 2001 eröffnet wurde. Wir haben daran mitgeplant und mitgebaut. Das ist das am besten ausgelastete Messegelände der Welt. China ist der wichtigste Auslandsmarkt, dann kommt Indien. Auch dort haben wir heute zehn Messen. Auch dort ist die bauma die größte.

Ist das auch die Strategie von Nürnberg? 

Fleck: Ja, das ist bei uns auch so. Wir tun im Ausland, was wir auch zu Hause beherrschen. Und so haben wir außerhalb Nürnbergs bereits rund 25 Messen auf verschiedenen Kontinenten etabliert. Von Heimtierbedarf über Oberflächentechnologie bis zu Bio-Lebensmitteln. Zum Beispiel gibt es schon eine Biofach in Bangalore, eine Biofach in Shanghai und eine Biofach in Baltimore.

Nun werden Kinder irgendwann flügge. Herr Dittrich, wann wird Schanghai München mit der Bauma überholen?

Dittrich: Ich weiß es nicht. Nur so viel: Die bauma in München ist mit 575.000 Quadratmetern die größte Messe der Welt. Dafür hat sie fast 60 Jahre gebraucht. Die bauma in Schanghai brauchte für die Hälfte der Münchner Fläche nur zehn Jahre. Das zeigt das Wachstumspotenzial. Dennoch sind die beiden baumas nicht vergleichbar. In München werden alle drei Jahre wirklich die allerneuesten Innovationen gezeigt. Es gibt Unternehmen, die entwickeln ihre Produkte auf die bauma hin. Die bauma in Schanghai zeigt mehr die Produkte für den regionalen Markt.

Ottmann: Stimmt. Das was wirklich frisch entwickelt ist, wird in Europa gezeigt. Nach China gehen ganz viele nicht mit ihrer allerneuesten Technologie.

Angst vor Ideenklau?

Ottmann: Ja, ganz klar. Der Schutz von geistigem Eigentum ist in China immer noch ein großes Thema. Die Frage ist außerdem, was für Produkte werden auf diesem Markt gekauft. Und das ist in China und Indien noch immer nicht das, was in Europa gekauft wird. Von daher mögen sich Gewichte, was Flächen und Besucher betrifft, verschieben, aber am Ende des Tages wird die Top-Qualität der Technologie-Entwicklung auf Jahre hinaus in Europa und dem nordamerikanischen Kontinent zu sehen sein.

Wie entsteht eigentlich die Idee zu einer neuen Messe? Sprechen Sie sich dabei ab, um zu verhindern, dass der jeweils andere gerade an der gleichen Sache tüftelt?

Dittrich: Nein, man spricht sich nicht ab. Im Gegenteil. Jeder ist sehr darauf bedacht, der erste zu sein. Wir haben allerdings eine Erfahrung gemacht mit dem Thema Energiespeicher. Wir haben versucht, eine solche Messe in München zu starten. Auf diese Idee kamen aber noch vier Wettbewerber. Daher haben wir den Plan einer eigenen Messe aufgegeben und behandeln das Thema im Rahmen der productronica. Es ist sehr schwierig, neue Themen zu finden. Es gibt keinen entwickelteren Messemarkt als Deutschland und es gibt keinen Lebensbereich, für den es nicht schon eine Messe gibt.

Was denn zum Beispiel alles?

Dittrich: Es gibt Messen für das Bestattungswesen, für Kirchenbedarf, in Großbritannien sogar eine für Scheidungen.

Was ist Ihre jüngste Messe?

Dittrich: Seismic Safety, die im April in Istanbul eröffnet wurde. Dabei geht es um Erdbebensicherheit.

Ottmann: In Nürnberg sind es drei. Die Feuertrutz zum vorbeugenden Brandschutz, dann das Segment Enforce Tac. Das ist eine Fachmesse für Sicherheitsbehörden, Polizei, Sondereinsatzkommandos. Sie kommen da nur mit Dienstausweis rein. Und drittens AEE, Automotive Engineering Expo. Aber, wie Herr Dittrich schon sagt, es ist mühsam.

Womit verdienen Messen eigentlich ihr Geld?

Dittrich: Der Ertrag kommt ganz überwiegend aus den Ausstellerbeiträgen. Die Eintrittsgelder spielen nur eine marginale Rolle. Das ist eher eine Schutzgebühr.

Was hat eigentlich die Stadt vom Erfolg der Messe?

Dittrich: Zu unserem 50. Geburtstags haben wir das Ifo-Institut gebeten, das zu ermitteln. Ergebnis: Durchschnittlich wird in der Region durch unsere Messen und Kongresse ein Umsatz von 2,6 Milliarden Euro erzeugt durch Messen und Kongresse. Das heißt: Ein Euro Umsatz bei der Messe München löst zehn zusätzlich Euro Umsatz in anderen Branchen wie der Gastronomie aus. Im bauma-Jahr 2013 waren es sogar 3,6 Milliarden Euro. Außerdem hängen etwa 24 000 Arbeitsplätze von der Messe ab. Und wichtig für unsere Gesellschaft: 490 Millionen Euro Steuereinnahmen.

Das Messegeschäft ist ja ein internationales. Spüren Sie schon Auswirkungen der Krisen etwa in Russland/Ukraine oder dem Nahen und Mittleren Osten?

Ottmann: Aktuell noch nicht. Klar ist auf jeden Fall, wenn wir unter die Top Ten aufrücken wollen, dann wird das vor allem international geschehen. Bayerische Unternehmen haben einen Exportanteil von 50 Prozent und mehr. Und wir wollen ihnen weiterhin internationale Plattformen geben. Die Düsseldorfer Messekollegen, die seit Jahrzehnten Messen in Russland machen, haben das auch zu Zeiten getan, als der Kalte Krieg eiskalt war. Wenn die Bundesregierung ein Embargo erlassen sollte, werden natürlich auch wir uns daran halten. Aber wir leben nun einmal davon, dass sich Menschen treffen und friedlich miteinander handeln.

Zusammengefasst von Corinna Maier

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