Münchner Senkrechtstarter aus dem Hinterhofbüro

- München -­ Unternehmen aus München spielen weltweit ganz vorne mit. Das zeigt sich nicht nur daran, dass in der Landeshauptstadt sieben der 30 größten deutschen Börsengesellschaften ihr Hauptquartier eingerichtet haben. Auch im Kleinen geht Großes vor sich: In Industriegebieten am Stadtrand oder Hinterhofbüros im Zentrum tummeln sich zahlreiche junge Betriebe, die mit einer Handvoll Mitarbeitern neue Technologien entwickeln und damit international Aufsehen erregen.

Zwei Musterbeispiele der Münchner Gründer-Szene sind die Firmen Attocube Systems und Enocean. Für ihre einzigartigen Produkte sind die beiden Senkrechtstarter für den renommierten Innovationspreis der deutschen Wirtschaft nominiert worden, der am Samstag verliehen wird. Ein berechtigter Anlass, die Unternehmen vorzustellen.

Die Knipser

In Zeiten schrumpfender Öl- und Gas-Reserven wird es immer wichtiger, sparsam mit Strom und Wärme umzugehen. Das hat die Enocean GmbH schon vor Jahren erkannt: Das Unternehmen aus Oberhaching produziert seit 2001 Bauteile, die in Gebäuden verwendet werden und ohne Batterie oder Netzanschluss auskommen. Angetrieben werden sie durch überschüssige Energie ­ ein Tastendruck, Licht einer Zimmerlampe, das reicht.

Basisprodukt von Enocean ist neben einem solargetriebenen Temperatursensor ein Funkschalter. Der kann, kombiniert mit einem Empfänger, Lampen an- und ausknipsen, Rollläden hochfahren oder Türen öffnen. Die nötige Energie wird erzeugt, indem der Schalter einmal gedrückt wird. Dabei gleitet ein Magnet entlang einer Kupferspule. Ein Stromstoß entsteht, der groß genug ist, ein Funksignal an den Empfänger zu senden. Dieses Prinzip wird in jedem Physik-Schulbuch als Induktion erklärt.

"Wir versuchen mit einfachen Ideen Produkte zu machen", sagt Markus Brehler, Geschäftsführer und einer von fünf Gründern von Enocean. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Technik im Handumdrehen von jedem Produktfälscher nachzubauen ist: 20 Patente und jahrelange Forschungsarbeit sichern den Wissensvorsprung.

Gefragt sind die intelligenten Schalter bislang vor allem von Unternehmen. SAP oder MAN haben in ihren Büros Enocean-Knipser an den Wänden kleben. Der Vorteil: Weil keine Leitungen verlegt werden müssen, können sie beliebig versetzt werden. Das spart nicht nur bei der Erstinstallation, sondern vor allem bei späteren Umbauten Kosten. Weil keine Batterien notwendig sind, wird zudem die Umwelt geschont.

Da das Thema Energieeffizienz in den kommenden Jahren immer wichtiger wird, rechnet Firmenchef Brehler auch in Zukunft mit flottem Wachstum. Heute setzt Enocean Millionen um und beschäftigt 32 Mitarbeiter. Ende des Jahrzehnts will der 43-jährige das Unternehmen an die Börse bringen.

Die Haarspalter

Einen Faden durchs Nadelöhr schieben, ein menschliches Haar spalten. Was viele überfordert, bringt Dirk Haft zum Gähnen. Seine Firma Attocube Systems stellt ein Bauteil her, mit dem Dinge so genau bewegt werden können, dass es genauer nicht geht. "Atomar genau", sagt Haft. Zum Vergleich: 500\x0f000 Atome in einer Reihe ergeben den Durchmesser eines Haares.

Das Zauberwerkzeug, das die 20-köpfige Attocube-Mannschaft in Kellerräumen an der Münchner Königinstraße herstellt, sieht unspektakulär aus. Ein matt glänzender Quader aus Titan, kaum größer als eine Streichholzschachtel. Doch Innen drin steckt eine raffinierte Technologie, die es vermag, Teilchen ganz exakt zu positionieren. "Eigentlich ist das nichts anderes als ein kleiner Motor", sagt Firmengründer Haft. Ein kleiner Motor, nach dem Forscher und Industrieunternehmen weltweit verrückt sind.

Zum Einsatz kommen die Antriebe unter anderem in hoch auflösenden Mikroskopen, die Attocube teilweise selber zusammenbaut. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um optische Geräte mit Linse, wie sie Schüler im Chemiunterricht verwenden, sondern um Raster-Sonden-Mikroskope. Die tasten mit einer hauchdünnen Nadel die Oberfläche einer Probe ab, die von den Positionierern gesteuert wird. Die Daten werden dann von einem Computer als atomgenaues Bild dargestellt.

Interessant sind solche Untersuchungen etwa für die Halbleiterhersteller. Um leistungsfähigere Chips zu bauen, müssen auf immer weniger Platz immer mehr Daten gespeichert werden. Doch dazu muss der Platz erst einmal sichtbar gemacht werden. "Es geht darum, die Struktur besser zu nutzen", sagt Haft. Nanotechnologie nennt sich dieses Prinzip, das als Basis der Hightech-Zukunft gilt, aber noch ganz am Anfang steht.

Attocube-Chef Haft spielt dabei eher zufällig eine tragende Rolle. Eigentlich wollte er gar nicht Physiker werden, sondern Patentanwalt. Dass er die Kanzlei seines Vaters dann doch nicht übernahm, sondern im wirtschaftlichen Krisenjahr 2001 die eigene Firma startete, ist eine Mischung aus Schicksal und Ablehnung von Büroarbeit.

Für seine Doktorarbeit an der LMU München baute er Ende der 90er-Jahre den Prototypen des Motors. Hilfe bekam er dabei von seinem Professor Khaled Karrai, der später mit ihm die Firma aufbaute. Schließlich wurden immer wieder Gastdozenten auf das Gerät aufmerksam und orderten ein eigenes Exemplar. Aus Bastelei wurde ein professionelles Geschäft, das im laufenden Jahr rund fünf Millionen Euro Umsatz abwerfen soll.

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