Münchner Stadtsparkasse: Wollen München glücklich machen

München - Harald Strötgen ist seit 2002 Chef der Stadtsparkasse München. Und bleibt es noch zwei Jahre - auch wenn er heute am Samstag 65 Jahre alt wird. Wir sprachen mit ihm über gierige Banker, seine Sparkasse und Pläne für den Ruhestand.

-Herr Strötgen, Sie werden am Samstag 65. Da gehen andere in den Ruhestand - Sie nicht. Warum?

Der Oberbürgermeister und ich sind ein Jahrgang und er hat wohl gedacht: Wenn ich schon länger arbeite, dann kann das der Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse auch tun. In meiner persönlichen Situation nach dem Tod meiner ersten Frau und mit der nochmaligen Gründung einer Familie passt es für mich auch ganz gut, zumal es mir gesundheitlich gut geht.

-Haben Sie denn noch etwas vor, das Sie vollenden wollen?

Nein, ich freue mich darüber, wenn die Stadtsparkasse weiter so erfolgreich ist wie in den letzten Jahren. Weil die Zeiten schwieriger werden, müssen wir einiges dafür tun und können uns nicht zurücklehnen.

-Aber man spricht doch überall vom Aufschwung, inwiefern werden die Zeiten schwieriger?

Die Prognose ist schwierig, ob die Rettungsschirme für Griechenland, Portugal und Irland ausgenutzt werden und ob weitere Länder folgen und wir Steuerzahler aus den wohlhabenderen Euro-Staaten zur Kasse gebeten werden.

-Wie wirkt sich das auf das Geschäft der Stadtsparkasse aus?

Wir merken das am Anlegeverhalten unserer Kunden. Früher kauften sie festverzinsliche Wertpapiere, Aktien, Fonds, Anleihen, Medien- und Schiffsbeteiligungen sowie Immobilien. Heute kaufen sie festverzinsliche Wertpapiere eines deutschen Emittenten, Immobilien in München und Gold. Der Absatz an der Börse gehandelter Papiere ist drastisch zurückgegangen.

-Beim Münchner Immobilienmarkt sprechen viele von einer Blase. Wie beurteilen Sie das?

Im Wohnungsbau merken wir das nicht. Zwar haben wir insgesamt ein hohes Preisniveau in München, aber die Wertentwicklung der Objekte ging kontinuierlich nach oben. Natürlich gibt es in München auch einige Prestige-Objekte: Hier werden an gefragten Standorten astronomische Preise gezahlt. Als gegenüber der Oper in einem Objekt ein Quadratmeter 10 000 Euro kostete, habe ich schon gedacht: Das gibt es nicht. Jetzt werden an einem nicht so guten Standort in der Müllerstraße mehr als 20 000 Euro gezahlt. Das ist verrückt, aber wohl Ausdruck der hohen internationalen Beliebtheit Münchens als liebens- und lebenswerte Großstadt.

-Das spricht aber doch für eine Blase.

Blasen hat es überall in Deutschland gegeben - im Münchner Wohnungsbau in den letzten 50 Jahren noch nie. Wir merken, dass in München viel Geld da ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass München eine der wenigen deutschen Großstädte mit einer positiven Bevölkerungsprognose ist. Viele Menschen zieht es nach München und das führt zu hoher Immobilien-Nachfrage und hohen Preisen.

-Das spricht aber doch alles dafür, dass gute Zeiten auf die Stadtsparkasse zukommen.

Der Stadtsparkasse geht es ja auch gut. Aber ich glaube eben auch, dass die Anzeichen darauf hindeuten, dass es schwieriger wird: Wer soll das bezahlen, was in Griechenland an Geld ausgegeben wird? Das kommt irgendwann über eine höhere Steuerlastquote auf uns alle zu.

-Wie hat sich im Lauf Ihrer Karriere das Bild des Bankers in der Öffentlichkeit verändert?

Es gibt in unserem Berufsstand solche und solche. Macht es einen Sinn, immer schneller, immer höher, immer weiter, immer mehr, als Prämisse des wirtschaftlichen Handelns zu setzen? Finanzwirtschaft ist vor vielen Jahren mit der Aufgabe betraut worden, die Marktwirtschaft zu unterstützen. Heute hat die Finanzwirtschaft ein Volumen angenommen, das einem Vielfachen der Marktwirtschaft entspricht. Für mich stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, auf die Entwicklung eines bestimmten Produktes, eines Staates, einer Währung zu wetten. Schattenbanken, Geschäfte in Off-shore-Zentren, Derivate, die kein Mensch versteht - so was machen wir nicht.

-Was wäre in Ihren Augen eine sinnvolle Bankenregulierung?

Die internationale Finanzkrise hat gezeigt, dass andere nicht nach unserer Philosophie gehandelt haben. Ich finde, die Kontrolle der Finanzwirtschaft muss wieder zurück zu ihren eigentlichen Aufgaben. Die Finanzwirtschaft hat nicht den Selbstzweck, um mit einem gigantischen Volumen hoch spekulative Eigengeschäfte vorzunehmen. Diese persönliche Überzeugung wird wahrscheinlich von vielen belächelt, aber ich halte sie für notwendig.

-Das heißt, man müsste bestimmte Geschäfte einfach verbieten?

Ja. Es ergibt keinen Sinn, auf die Entwicklung der Republik XY zu wetten oder auf die Entwicklung eines bestimmten Aktienkurses. Da spielt es auch keine Rolle, ob diese Finanz-Handelsgeschäfte in London oder New York verbrieft werden. Dann sollen doch die Beteiligten in diese Länder gehen. Wir werden eines Tages ein böses Erwachen erleben, wenn wir dieser Praxis keinen Einhalt gebieten.

-Funktioniert das in einer globalisierten Welt?

Die ersten 40 Jahre Bundesrepublik haben bewiesen, dass es geht. Der Aufschwung in Deutschland ist mit der Philosophie möglich geworden, die ich vertrete.

-Es wird viel über die Beteiligung der Banken an den Euro-Rettungskosten debattiert. Sind Sie dafür?

Ja, unbedingt. Wir legen unsere Gelder in festverzinslichen Wertpapieren der Bundesrepublik Deutschland, des Freistaates Bayern oder der Stadt München an.

-Nicht in Griechenland?

Nein, eben nicht. Wir bekommen dafür 2 oder 2,5 Prozent je nach Laufzeit. Dann gibt es Marktteilnehmer, die lachen und legen das Geld - gleiche Laufzeit, gleicher Umfang - in Griechenland an. Das finde ich in Ordnung, solange sie als Gegenleistung für die höhere Rendite auch das höhere Risiko tragen müssen. Wenn der Staat aber für drohende Verluste einspringt, um das Risiko eines Marktversagens zu verhindern, werden die Gewinne individualisiert und die Verluste sozialisiert. Das ist doch absurd.

-Das heißt, die Politik müsste tätig werden?

Verhaltensänderungen sind nur möglich, wenn Betroffenheit entsteht. Wenn wir diejenigen, die die Schrottpapiere gekauft haben, nicht an den Verlusten beteiligen, werden sie ihr Verhalten niemals ändern.

-Glauben Sie, dass es eine Änderung geben wird?

Der Lobbyismus ist in Deutschland stark ausgeprägt.

-Sie haben also keine Hoffnung?

Nein. Es ist eine Katastrophe; denn letztlich werden wir mit unserer Anlagepolitik bestraft. Wir müssten eigentlich überlegen, ob wir zukünftig auch Anleihen von Portugal, Italien, Spanien und Griechenland kaufen. Es kann ja nichts passieren und statt zwei würden wir dann vier Prozent bekommen.

-Einmal haben die Sparkassen aber auch schon davon profitiert, dass der Staat hilft. Er hat sie von der Last der BayernLB weitgehend befreit.

Zunächst einmal haben wir einen großen Prozentsatz unserer Beteiligung abgeschrieben und keine Verzinsung unserer Beteiligung und stillen Einlagen bekommen. Aber ich gehöre auch zu denen, die dem Freistaat dankbar sind, weil er uns dieses Problem abgenommen hat. Die meisten bayerischen Sparkassen hätten es nicht geschafft, den Eigenkapitalbedarf der Bayerischen Landesbank zu decken.

-Die Stadtsparkasse auch nicht?

Wir hätten es geschafft.

-Sie sind ja immer noch beteiligt an der BayernLB. Wie wird es mit der Bank weitergehen?

Ich glaube, dass die erste Entscheidung über die Zukunft der Landesbanken die WestLB betreffen wird. Angesichts der Prognose aus Brüssel, dass man den Komplex der deutschen Landesbanken bis zum Sommer erledigt haben will, kann ich mir nicht vorstellen, dass es für die Bayerische Landesbank eine völlig andere Lösung geben wird als für die WestLB. Die kenne ich aber noch nicht. Auf eine drastische Reduzierung des Bilanzumfangs richten sich die Banken ein und haben ja auch schon damit begonnen.

-Was hat eine solche Landesbank dann für ein Geschäftsmodell?

Ich bin froh, dass ich Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse bin.

-Sie macht Ihnen ja vielleicht Konkurrenz als Unternehmensfinanzierer.

Da habe ich keine Angst. Schauen Sie mal, ich habe ganz trockene Hände.

-Braucht die Stadtsparkasse die Bayerische Landesbank?

Nein, die Stadtsparkasse braucht sie nicht. Wir sind dem bayerischen Freistaat aber dankbar, dass er uns damals geholfen hat und deshalb machen wir, wenn Produkt und Leistung stimmen, so viele Geschäfte wie möglich mit der Landesbank. Wir könnten die gleichen Produkte und Leistungen auch bei anderen Banken einkaufen. Bei kleineren Sparkassen ist das anders. Deshalb benötigen die bayerischen Sparkassen insgesamt eine Landesbank.

-Werden Sie Ihre Anteile an der BayernLB aufstocken oder komplett abstoßen?

Beides ist im Augenblick nicht vorstellbar. Ich glaube nicht, dass wir eine Beteiligungserhöhung vornehmen werden. Ich glaube aber auch nicht, dass der Freistaat uns ganz aus der Beteiligung herauslässt, weil ein Teil des Geschäftsmodells die Kooperation mit den Sparkassen ist.

-Und einen anderen Käufer als den Freistaat gibt es nicht?

Wenn Sie einen haben...

-Wenn es keinen gibt, spricht das eher gegen eine Zukunft für die BayernLB.

Wenn Sie jeden Tag in der Zeitung schreiben, es gibt Unsicherheiten bezüglich der weiteren Entwicklung der Landesbanken, dann führt das nicht dazu, dass sich die Leute um die Anteile reißen.

-In den vergangenen Jahren hat die Stadtsparkasse immer mehr Geld an die Stadt ausgeschüttet. Geht das so weiter?

Das ist wie bei einem Dax-Konzern. Wir sind dafür da, unseren Eigentümer - die Stadt München - glücklich zu machen. Das schaffen wir nicht, indem wir dem Oberbürgermeister auf die Schulter klopfen, sondern er möchte an unserem Erfolg teilhaben. Ist doch klar. Das Geld verwendet die Stadt ausschließlich für soziale Aufgaben. Wir werden dem Verwaltungsrat wohl vorschlagen, auch 2011 wieder ein bisschen mehr als die 7,5 Millionen Euro des vergangenen Jahres zu überweisen.

-Wie viel mehr?

Das sagen wir, wenn das Jahr rum ist.

-Heißt das auch, dass sich die Mitarbeiter wieder über eine höhere Prämie freuen können?

Wir versuchen, wenn der Erfolg der Stadtsparkasse anhält, die Mitarbeiter erneut zu beteiligen. Ich habe aber Zweifel, ob das im Jahr 2011 möglich sein wird. Sondervergütungen sind immer dann gezahlt worden, wenn wir unsere Ziele erreicht haben.

-Das heißt, Sie werden die Ausschüttung an die Stadt erhöhen und für die Mitarbeiter gibt es nichts?

Nichts? Unsere Mitarbeiter bekommen ein attraktives Gehalt und haben einen sicheren Arbeitsplatz.

-Wie wird sich denn die Mitarbeiterzahl entwickeln?

Das ist schwer vorauszusagen. Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren versuchen werden, mit dem gleichen Stamm von Mitarbeitern mehr Geschäft zu machen. Ich glaube, dass es schon noch Einsparpotenzial gibt. Derzeit läuft ein Projekt, schlanker, schneller, besser zu werden.

-Aber Sie wollen keine Stellen abbauen?

Natürlich nicht. Rationalisierungen, die wir gemacht haben, gingen nie zu Lasten der Mitarbeiter.

-Es gibt in Ihrem Vorstand eine Frau. Werden Sie den Frauenanteil in Führungspositionen erhöhen?

Viele Frauen, die ich bei der Stadtsparkasse kenne, und auch ich selbst halten wenig von einer Quotenregelung. Wenn man Gerechtigkeit walten lassen will, dann muss sich die- oder derjenige durchsetzen, der für eine Position am besten geeignet ist. Die Bereitschaft der Stadtsparkasse, Frauen stärker zu berücksichtigen, ist da. Die andere Frage ist: Wollen es die Frauen? Wollen es die Familien der Frauen? Oft sind Männer dagegen, dass die Frau Karriere macht. Klar, denn dann muss ja der Mann die Wäsche machen.

-Machen Sie daheim die Wäsche?

Selbstverständlich. Das ist sehr entspannend. Ich putze auch für die Kinder die Schuhe.

-Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Geburtstag. Sie haben gesagt, bis 67 machen Sie weiter. Gehen Sie dann in Rente?

Rente, was ist das? (lacht) Ich arbeite bis zum 31. 12. 2013 - dann ist Schluss.

-Haben Sie Pläne für Ihren Ruhestand?

Ja, Schuhe putzen (lacht). Vielleicht lerne ich eine Fremdsprache oder nehme ein Philosophiestudium auf. Ich weiß es noch nicht genau.

Interview: Corinna Maier und Philipp Vetter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Allianz-Chefvolkswirt Heise: „Wir brauchen keine Krisenpolitik mehr“
München - Der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, fordert angesichts der anziehenden Inflation in Deutschland einen schrittweisen Ausstieg der Europäischen …
Allianz-Chefvolkswirt Heise: „Wir brauchen keine Krisenpolitik mehr“
Dow Jones steigt erstmals über 21 000 Punkte
New York (dpa) - Der New Yorker Leitindex Dow Jones Industrial ist zum ersten Mal in seiner Geschichte über die Marke von 21 000 Punkten gestiegen.
Dow Jones steigt erstmals über 21 000 Punkte
Gericht zieht Schlussstrich unter Teldafax-Pleite
Die Pleite des Billigstromanbieters Teldafax ist einer der größten Firmenzusammenbrüche in Deutschland. Jetzt geht der Strafprozess gegen zwei Ex-Manager mit …
Gericht zieht Schlussstrich unter Teldafax-Pleite
Butter wird wieder etwas billiger
Düsseldorf (dpa) - Nach dem deutlichen Anstieg der Preise im vergangenen Jahr wird Butter jetzt wieder etwas billiger. Die Discounter Aldi und Norma senkten am Mittwoch …
Butter wird wieder etwas billiger

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare