Vier Männer mit einer Vision – und dem Mut, sie umzusetzen: (von links) Robert Huitl, Sebastian Hilsenbeck, Felix Reinshagen und Georg Schroth von NavVis.
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Vier Männer mit einer Vision – und dem Mut, sie umzusetzen: (von links) Robert Huitl, Sebastian Hilsenbeck, Felix Reinshagen und Georg Schroth von NavVis.

Das Münchner Start Up NavVis erstellt digitale Zwillinge von Gebäuden

Münchner Start Up NavVis: die Zukunft auf den Schultern

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Wer sein Gebäude millimetergenau abscannen und digital kopieren möchte, muss nicht mehr auf umständliche Stand-Scanner zurückgreifen. Das Münchner Start Up NavVis bietet eine kinderleicht zu bedienende Alternative. Und möchte das Google Maps für Gebäude werden.

  • Das Münchner Start Up NavVis erstellt digitale Zwillinge von Gebäuden
  • NavVis ist aus einem Forschungsprojekt der TU München entstanden
  • Mittlerweile arbeiten 200 Mitarbeiter auf der ganzen Welt für das Unternehmen

Steve Jobs hat auch in der Garage angefangen. Man kennt diese Anekdoten. Einfacher Student tüftelt, ist von seiner Idee fest überzeugt – und wird am Ende Milliardär. Es sind Geschichten, die motivieren. Und die Felix Reinshagen und seine drei Mitstreiter Georg Schroth, Sebastian Hilsenbeck und Robert Huitl in den vergangenen Jahren auch durch düstere Wochen geleitet haben. Davon gab’s einige.

Kann man sich bei Reinshagen gar nicht vorstellen. Der 42-Jährige erinnert, wenn er so erzählt, an den fröhlichen Willi Weitzel von „Willi will’s wissen“. Gut gelaunt erklärt er auch Menschen mit der größten Informatik-Aversion, was er und seine Kollegen seit 2013 auf die Beine gestellt haben. Das ist nicht weniger als eine technische Sensation. NavVis heißt das Unternehmen, das aus einem Forschungsprojekt der TU München entstanden ist – und mittlerweile weltweit 200 Mitarbeiter hat. „Wir machen das, was Google Maps und Google Street View machen, für Bauwerke. Wir erstellen digitale Zwillinge von Büros, Firmen, Krankenhäusern, Universitäten.“

Es gibt weltweit rund vier Milliarden Gebäude. Die NavVis-Entwickler dachten sich: Ist ja toll, dass Google die komplette äußere Infrastruktur digital abgebildet hat – aber drinnen spielt doch die Musik. „Wir konzentrieren uns nicht auf die privaten Wohnungen, sondern darauf, wo sehr teure wertschöpfende Prozesse ablaufen“, erklärt Reinshagen. Denn da ist der Bedarf an gutem Datenmaterial am größten. In der Autoindustrie etwa. „Die haben riesige Flächen, die ständig verändert werden, weil die Produktionslinien dauernd optimiert werden. Man hat dort ein riesiges Komplexitätsproblem zu managen – dabei helfen wir diesen Kunden.“

Den NavVis-Scanner kann man sich ganz einfach auf die Schultern setzen

Und wie? Nicht mit einem umständlichen Stand-Scanner, wie man sie sieht, wenn mal wieder Vermessungstechniker an der Autobahn Aufnahmen durchführen. Den von NavVis entwickelten Scanner kann man sich auf die Schultern setzen und damit bequem in jeden Winkel eines Gebäudes laufen, um alle Bereiche abzubilden – auf sechs bis acht Millimeter genau. „Erst hatten wir ein Wägelchen entwickelt, das war wie das Google-Auto für Gebäude. In den vergangenen Jahren haben wir immer stärker an der Miniaturisierung gearbeitet – und konnten 2020 unser tragbares Gerät auf den Markt bringen“, erzählt Reinshagen nicht ohne Stolz. Klar, damit ist man erheblich flexibler. Und nichts ruckelt, wenn man über unebene Flächen läuft.

Die Aufnahmen, die dabei entstehen, sind fotorealistisch und dreidimensional. Reinshagen kann beeindruckende Videos davon zeigen: die Hackerbrücke, eins zu eins vermessen auf den Bildschirm gebracht. In einem anderen Film zeigt er, wie ein Vermessungstechniker mit einem Standscanner ein Gebäude erfasst – und parallel einer mit dem NavVis-Gerät. Wer das anschaut, versteht ganz gut, warum die Gründer an ihre Vision geglaubt haben: Was für eine Erleichterung! Während der Vermessungstechniker mit dem konventionellen Scanner sich über Stunden abmüht und den unhandlichen Kasten durch die Gegend hievt, aufbaut, abbaut, weiterschleppt, marschiert der andere in wenigen Minuten das Gebäude ab. „Hier sieht man, dass man mit unserem Scanner diese riesigen Flächen viel schneller und günstiger digitalisieren kann.“ Ausgerechnet die Corona-Krise hat ihnen erheblichen Aufwind gebracht. „Viele Manager haben jetzt gemerkt, dass es total praktisch ist, eine digitale Version der Fabrik zu haben – in Zeiten, in denen man nicht von A nach B fliegen kann.“

Anders als konventionelle Vermessungsgeräte, kann man sich den NavVis-Scanner einfach auf die Schultern schnallen.

Die digitalen Gebäude-Karten sind das eine – doch sie sollen nur der Anfang sein. Wieder erinnert Reinshagen an den Riesen Google: „Heute hat man Millionen von Anwendungen, die auf Google Maps aufbauen. Und ich glaube, das wird noch spannend zu sehen sein, was einst auf Grundlage unserer Daten entstehen wird.“ Als Google Maps auf den Markt gekommen sei, hätte man sich nicht vorstellen können, dass durch diese Technologie einst Carsharing oder Pizza-Lieferdienste entstehen würden. Was also, fragen sich die NavVis-Gründer, wenn irgendwann in jeder Fabrik, in jedem Gebäude, in jedem Büro die Scantechnik vorhanden ist? „Kommt dann der Lieferroboter mit der Pizza direkt an den Schreibtisch gefahren?“, träumt Reinshagen. Er findet: „Das ist die spannendste Frage: Was wird den Leuten noch einfallen? Wie Apple auch nicht jede App selbst entwickelt, wollen wir einmal möglichst vielen die Gelegenheit geben, ihre eigenen Ideen auszuprobieren.“

Hat er auch ein bisschen Respekt vor dem, was daraus entstehen kann? Wieder lacht er sein Willi-Weitzel-Lachen: „Wenn man das Monster selbst erschaffen hat, findet man das extrem niedlich. Und freut sich über jeden, der Ideen mitbringt, was man darauf alles so aufbauen könnte.“ Wieder muss man an Steve Jobs denken – und ist sehr gespannt, wie diese Geschichte weitergeht.

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