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Mentor und Mentee: Roman Bügler (rechts) leitet das Innovations-Labor der Munich Re in München. Josef Beil ist im Juli mit seinem Team eingezogen. Er will den Verkauf von Lebensversicherungen vereinfachen.

Munich Re

Das Münchner Innovations-Labor

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Die Münchener Rück ist im Start-up-Fieber. Der Konzern sucht in hauseigenen Labors rund um die Welt nach Neuheiten für die (Rück)Versicherungswelt. Eine der Innovationsschmieden liegt – natürlich – in München. Ein Besuch.

München – Eine Garderobe, die an eine Schulumkleide erinnert, eine selbst gezimmerte Holztheke, die Wände voller Poster und neonfarbenem Gekritzel: Willkommen bei der Münchener Rück – die sich seit einigen Jahren Munich Re nennt. Weltweit größter Rückversicherer mit feudalem Firmensitz am Englischen Garten. Das Büro, das an eine Studentenbude erinnert, passt da nicht wirklich ins Bild. Und genau so soll es sein. Der Kontrast soll zeigen: Hier geht es nicht ums klassische Rückversicherungsgeschäft. Hier entstehen Innovationen.

Seit gut fünf Monaten gibt es das sogenannte „Lab“ der Munich Re in München. „Lab“ bedeutet Labor. Der Begriff trifft es ziemlich genau. Hier wird experimentiert – mit neuen Produkten, Geschäftsmodellen und Kunden. Denn: Das Versicherungsgeschäft verändert sich. Mit der Digitalisierung drängen neue Anbieter auf den Markt – wer bestehen will, muss das Geschäft neu denken. Auch wenn bei der Munich Re in der Chefetage keiner glaubt, dass jemand das Versicherungsgeschäft plötzlich komplett neu erfinden wird, heißt es: Am Ball bleiben. Neben dem Lab in München wurden in den vergangenen Monaten auch Labors in New York und Peking eröffnet. Experimentiert wird weltweit.

Das Münchner Lab liegt ganz bewusst nicht am Firmensitz an der Königinstraße, sondern am Ostbahnhof, auf dem Gelände der ehemaligen „Kultfabrik“. In den vergangenen Jahren ist hier ein Kreativquartier entstanden, in das sich zahlreiche Start-ups eingemietet haben. Ein gutes Umfeld. Denn im Lab funktioniert vieles wie in einem Start-up. Kleine Teams entwickeln Ideen – fernab vom Versicherungsalltag. „An der Königinstraße sind Anzug und Krawatte die Norm. Hier gibt es keinen Dresscode“, sagt Roman Bügler, 41, Chef des Innovationslabors.

Willkommen im „Lab“: Auf 560 Quadratmetern am Münchner Ostbahnhof entwickelt die Munich Re Innovationen.

Bügler selbst trägt Jeans, T-Shirt und Hornbrille. Seine orangen Turnschuhe leuchten mit der Neonschrift an den Wänden um die Wette. Bügler hat Wirtschaftsinformatik studiert, ging danach zur Swiss Life – größter Erstversicherer der Schweiz. 2009 kam er zur Munich Re, wo er vor allem Innovationsthemen betreut hat. Seit der Eröffnung Ende Mai leitet er nun das Lab, das zur Abteilung „Global Innovation“ gehört. „Ich wollte immer schon in einem Start-up arbeiten“, sagt der Schweizer und grinst. In gewisser Weise tut er das nun.

„Meine Rolle ist die eines Mentors und Coaches“, erklärt Bügler. Sein Job ist es aber auch, zu entscheiden, welche Teams mit welchen Ideen es ins Lab schaffen – später wiegt sein Wort schwer, wenn es darum geht, ob ein Projekt weiterfinanziert wird – oder eingestellt. „Wir sehen uns als Investor, der Geld an die Teams vergibt“, erklärt Bügler. „Wir versuchen dabei viel von Start-ups zu kopieren. Da kann man nicht fünf Jahre im Voraus planen. Start-ups machen kleine Schritte, um dann groß zu werden – so haben es auch Google und Facebook gemacht.“ Das Ziel dahinter: In fünf bis sieben Jahren soll das Lab profitabel sein. Im Schnitt ist nur jede zehnte Idee erfolgreich, so die Faustformel.

Um einen Platz im Lab kann sich grundsätzlich jeder Mitarbeiter der Munich Re bewerben, der eine Idee hat. Und Bewerbungen gab es viele, nachdem im vergangenen Jahr intern angekündigt wurde, ein solches Versuchslabor zu eröffnen. Wer überzeugen kann, klinkt sich vom Arbeitsalltag aus. Für Wochen oder Monate – je nachdem wie gut das Projekt läuft und je nachdem wie lange das der eigentliche Chef mitmacht.

Gearbeitet wird im Lab auf 560 Quadratmetern; eine riesige Fläche, die lediglich mit ein paar Glaswänden unterteilt wurde. „Bevor wir hier eingezogen sind, haben wir die Betreiber von verschiedenen Co-Working-Spaces befragt, was für ihre Start-up-Mitarbeiter am wichtigsten ist“, erzählt Bügler. „Die Antwort war immer die gleiche: Guter Kaffee, Internet und Tageslicht.“ Und so ist zentraler Treffpunkt im Lab die Kaffeemaschine, die auch einem Barista Freude bereiten würde. Ein solcher kommt auch regelmäßig vorbei, um den Mitarbeiter zu erklären, worauf es bei einem guten Espresso ankommt. Für ausreichend Licht sorgen beinahe bodenhohe Fenster im gesamten Lab – 270 Grad Tageslicht. Beinahe schon selbstverständlich: Offenes Wlan, das Passwort hat jemand mit Kreide an eine Tafel geschrieben. Auch auf die Lautstärke, in Großraumbüros oft ein Problem, wurde geachtet. Von der Decke hängen graue Rechtecke aus Filz, sogenannte Baffeln, die Lärm schlucken. Ist es jemandem dennoch mal zu laut, knipst er ein rotes Licht an, das an der Wand gegenüber der Kaffeemaschine hängt – das Signal für alle anderen: Bitte Ruhe! Nichts soll hier die Kreativität stören.

Momentan arbeiten im Lab sechs Teams – manche bestehen aus vier, andere aus 15 Leuten. Insgesamt rund 50 Köpfe. Dabei kommt etwa die Hälfte von der Munich Re – nicht nur vom Hauptsitz an der Königinstraße, sondern auch aus Tochterunternehmen im Ausland. Ein Team arbeitet gerade an einem Produkt für den mexikanischen Markt, ein anderes kommt aus Kanada. Die andere Hälfte setzt sich aus externen Mitarbeitern – Berater, IT-Fachleute, Web-Designer – und Kunden zusammen.

„Co-Creation-Projects“ nennt das Bügler. Projekte, in denen Kunden – zum Beispiel aus der Erstversicherung – mitarbeiten. „Früher haben wir teilweise Produkte entwickelt, und dann gefragt, ob der Kunde sie braucht – heute gehen wir das anders an. Nur wenn Kunden wirklich Bedarf haben, wird eine Idee entwickelt“, sagt Bügler. Ein oder zwei Testkunden, die eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen müssen, werden ins Team integriert. Schafft es die Idee bis zur Marktreife, wird das Produkt auch anderen angeboten – und zwar weltweit. „Wir denken als Rückversicherung letztlich in großen Dimensionen, sie sich weltweit skalieren lassen“, sagt Bügler.

Jeden Dienstagnachmittag wird im Lab eine Glocke geläutet. Zeit für die „Pitch-Session“ – eine Beratungsrunde, in der abgesteckt wird, wo die einzelnen Projekte stehen. Alle Lab-Mitglieder versammeln sich in der Sitzecke – die Teilnahme ist Pflicht. Zwei Teams pro Session. Ein Team-Mitglied hat das Wort und sieben Minuten Zeit, das gesamte Projekt vorzustellen. Danach gibt es 45 Minuten lang Feedback. Ein wichtiger Gradmesser dafür, ob die Finanzierung verlängert wird. Denn: Ein Team, das ins Lab zieht, bekommt zunächst Geld für etwa drei Monate. Es muss sich bewähren, um weiter finanziert zu werden.

Josef Beil muss heute bei der Pitch-Session zeigen, wo er und seine Leute stehen. Beil leitet ein Team mit sieben Mitarbeitern im Lab – mit ihm zwei Versicherungsmediziner, ein Risikoprüfer, ein IT-Systemspezialist, ein externer Berater und und Projektentwickler und zwei externe IT-Entwickler. Ihr Ziel: Der Kauf von Lebensversicherungen soll einfacher werden. Gemeinsam mit seinen Kollegen und zwei Testkunden entwickelt Beil eine Online-Lösung für den Verkauf der komplizierten, erklärungsbedürftigen Policen. Bedarf ist da. Denn obwohl Erstversicherer immer mehr Produkte auch online anbieten, trauen sich die wenigsten bislang an die Lebensversicherung, bei der Kunden eine umfangreiche Risiko- und Gesundheitsprüfung durchlaufen müssen. Im Juli ist Beil mit seinem Team im Lab eingezogen. Die Finanzierung steht noch bis November – dann fällt die Entscheidung, ob es weitergeht.

Wird eine Idee, die im Lab entwickelt wurde, zum Erfolg, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Aus dem Projekt kann zum Beispiel ein eigenes Unternehmen entstehen – als hundertprozentige Tochter der Munich Re. Dazu seien bereits erste Schritte geplant, sagt Bügler. Mehr will er noch nicht verraten. Ganz abnabeln von der Munich Re wollte sich dagegen noch keiner. Ein solches Schwergewicht im Rücken zu haben, hat auch als Start-up Vorteile.

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