"Murks in Germany": Maut-Debakel fügt Standort schweren Schaden zu

- München - Das Jahr der Infamie? Der Inkompetenz? Instinktlosigkeit? Nein: Innovation. Die Bundesregierung hat das "Jahr der Innovation" ausgerufen. Erfindergeist und Eliten will man besonders hervorheben - es klingt wie Hohn in den Wochen des Maut-Debakels. Der Wirtschaftsstandort Deutschland hat schwer gelitten, Häme und Spott ergießen sich über die Vorzeigeunternehmen.

<P>Die Elite der deutschen Wirtschaft hatte den Auftrag bekommen und hochfliegende Erwartungen geweckt: Daimler-Chrysler und Telekom stecken hinter dem Pannenkonsortium Toll Collect. "Kein guter Tag für den Innovationsstandort", stöhnt Industrie-Präsident Michael Rogowski. "Murks in Germany", ächzt die Politik. Die satellitengestützte Maut-Erfassung sollte ein Exportschlager für Europa werden, das tollste, modernste und präziseste System überhaupt. Nichts da: Die Maut dürfte zur Importsache werden.</P><P>In vielen Nachbarländern funktioniert die Maut ohne Satellit, aber sie funktioniert. "Wir bedauern das Chaos in Deutschland sehr", sagt Österreichs Verkehrsminister Hubert Gorbach unserer Zeitung, kann sein Bedauern dabei aber recht gut verbergen. Er drängt jetzt auf "eine einzige Maut-Box in ganz Europa": Die österreichische Mikrowellen-Technik, mit der die Lkw erfasst werden, soll nach Deutschland importiert werden.</P><P>Der Anbieter aus Österreich, Autostrade/Europpass, und der Schweizer Mautbetreiber Fela wollen mit Toll Collect zusammen einen neuen Anlauf wagen. Die genaue technische Basis ist noch unklar, doch in den vergangenen Tagen habe sich der Kontakt zwischen den Unternehmen intensiviert, berichten Beteiligte. Es gab mehrere Treffen, unter anderem im Berliner Ministerium. Gelockt wird mit garantierten Mauteinnahmen von einer Milliarde Euro für 2004. Die Schweizer haben nach eigenen Angaben bereits konkrete Offerten abgegeben.</P><P>Peter Newole, Chef des österreichischen Mautbetreibers, fordert zunächst eine Entscheidung der Deutschen, "ob sie Fela und Autostrade mit Toll Collect zusammenspannen oder eine Neuausschreibung anpeilen". Im zweiten Fall würden alle Karten neu gemischt, Toll Collect wäre nicht mehr zwingend an Bord. Bei den deutschen Konzernen reagiert man darauf mit Zähneknirschen.<BR>Das Debakel hätte wohl durch einen ausführlichen Probebetrieb abgewendet werden können. Hinter vorgehaltener Hand räumen die Manager ein, die Fristen zum Maut-Start seien wissentlich zu kurz gesetzt worden. "Die Wirtschaft hat sich übernommen", sagt ein beteiligter Politiker: "Das war Wahnsinn."</P><P>Analysten halten die finanziellen Folgen für die Unternehmen wegen der offenen Schadenersatzforderungen des Bundes für noch nicht bezifferbar. Der Buchwert von Toll Collect wird wegen der schon erfolgten Investitionen auf 700 Millionen Euro geschätzt. Für das laufende Jahr rechnen Experten mit einer je 200 Millionen Euro schweren Belastung der Konzernbilanzen von Daimler-Chrysler und Deutscher Telekom.</P><P>Das operative Ergebnis wird den Firmenriesen dadurch immerhin nicht nennenswert verhagelt. Die meisten Analysten hatten den einst erhofften Maut-Export bisher nicht in ihre Prognosen eingerechnet. Die Börse reagierte deshalb auch gelassen auf die Kündigung.</P><P>Was bleibt, falls die Kündigung in zwei Monaten rechtskräftig wird, sind Altlasten - unter anderem ein paar hundert Mautbrücken über den Autobahnen. Allein in Südbayern stehen 50 Stück nutzlos herum. Sie müssten von Toll Collect auf eigene Kosten abgebaut oder vom Bund übernommen werden, heißt es bei der zuständigen Autobahndirektion. Wenigstens hier herrscht kein Katzenjammer: "Dann kommen die Dinger weg. Nachtrauern werden wir ihnen nicht."</P>

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