Tragödie am Karlsfelder See: 24-Jähriger stirbt

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Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung bereiten Ralf Holtzwart, dem Chef der bayerischen Arbeitsagenturen, das meiste Kopfzerbrechen. Diese rund 100 000 Arbeitslosen in Bayern sind Holtzwarts Sorgenkinder. Der studierte Sozialpädagoge ist seit 2010 der oberste Jobvermittler im Freistaat.

Interview mit Ralf Holtzwart,

„Nach einem Jahr ohne Job wird es schwer“

München - Bayern hat im Bundesdurchschnitt die geringste Arbeitslosenquote – zuletzt 3,6 Prozent. Die Kehrseite: Immer mehr Arbeitgeber können offene Stellen nicht besetzen. Wir haben mit Ralf Holtzwart, dem obersten Jobvermittler im Freistaat, gesprochen.

Die Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit ist es, Arbeitslose und Firmen zusammen zu bringen. In Zeiten von Fachkräftemangel dürfte das nicht so schwer sein, oder?

Das sollte man annehmen, ist es aber. Zum einen steigt das Anforderungsprofil der Arbeitgeber permanent. Zum anderen sehen wir das Profil der Arbeitslosen in Bayern – und da ist ein gutes Drittel ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Das passt nicht zusammen. Dazu kommt der Faktor Mobilität. Grundsätzlich haben wir zwar für alle offenen Stellen in Bayern irgendwo einen Arbeitslosen. Die Schwierigkeit besteht darin, jemanden, der zum Beispiel in Passau wohnt, dazu zu bewegen, nach Aschaffenburg zu ziehen. So entstehen Engpässe – obwohl die Zahlen rechnerisch aufgehen.

Wer sind die Sorgenkinder der Bundesagentur für Arbeit in Bayern?

Die Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung bereiten mir am meisten Kopfzerbrechen. Rund 100 000 Menschen werden bei uns mit dem Zielberuf „Helfer“ geführt werden. Wir haben aber nur rund 10 000 Stellen für diese Menschen. Im Rahmen der wirtschaftlichen Automatisierung fallen einfache Tätigkeiten immer mehr weg. Die potenziellen Beschäftigungsmöglichkeiten für solche Menschen werden geringer. Gleichzeitig gibt es einen starken Zuzug nach Bayern – auch aus dem Ausland. Da sind viele Menschen dabei, die einen Job annehmen, der unter ihrer Qualifikation liegt. Das verschärft die Situation zusätzlich. Deshalb müssen wir mehr in Qualifizierung investieren. Denn: Qualifizierung ist die beste Arbeitslosenversicherung. Das muss in die Köpfe.

Stellen Menschen mit geringer Qualifikation den Großteil der Langzeitarbeitslosen in Bayern?

Die meisten Langezeitarbeitslosen sind geringqualifiziert und älter. Langzeitarbeitslose kommen aber aus verschiedenen Gruppen. Viele sind über 50, eine große Gruppe stellen alleinerziehende Frauen und Menschen mit Behinderung.

Ab wann gilt man als langzeitarbeitslos?

Wenn man länger als 12 Monate arbeitslos war. Momentan sind das in Bayern rund 67 000 Menschen. Wer nur einige Monate Arbeit hat und dann wieder arbeitslos wird, erscheint in der Statistik nicht. Deswegen ist die Zahl derer, bei denen wir über Jahre vergeblich versuchen, eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt zu schaffen weit höher. In Bayern haben wir grundsätzlich sehr viel Rotation bei den Arbeitslosen. Die meisten sind nach wenigen Wochen wieder beschäftigt – der harte Kern sind die Langzeitarbeitslosen.

Was passiert nach 12 Monaten Arbeitslosigkeit?

Wenn jemand eine Beschäftigung hatte, arbeitslos wird und innerhalb von 12 Monaten nicht integriert werden kann, dann läuft die Arbeitlosenversicherung aus, falls er jünger als 50 Jahre alt ist – dann rutscht er in die Grundsicherung, also Hartz IV. In der Arbeitslosenversicherung haben wir viel Geld und viele Möglichkeiten, um uns 12 Monate intensiv um den Arbeitslosen zu kümmern. Wenn wir es in der Zeit nicht schaffen, ihn zu integrieren, und er kommt in die Grundsicherung, sind die Bedingungen schlechter. Dann wird es schwieriger, ihn wieder in Beschäftigung zu bringen. Wer keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, erhält sofort Leistungen aus der Grundsicherung falls er bedürftig ist.

Es heißt: Wer über 50 ist und arbeitslos wird, hat es besonders schwer. Die Jugendarbeitslosigkeit in Bayern ist im Vergleich zum Vorjahr allerdings gestiegen. Woran liegt das?

Das betrifft vor allem Jugendliche, die ihre Ausbildung nicht abgeschlossen haben – vor allem Menschen zwischen 20 und 25. Hier müssen wir alle Kräfte bündeln, um gemeinsam mit den Kommunen und den Arbeitgebern Perspektiven zu schaffen.

Zum Start ins Ausbildungsjahr waren noch viele Lehrstellen in Oberbayern unbesetzt – hat sich da in den vergangenen Wochen noch etwas getan?

Ja, sehr viel. Wir gehen aber davon aus, dass wir nicht alle Ausbildungsplätze in Bayern besetzen können. Der Trend der letzten Jahre wird sich fortsetzen und verschärfen. Die Frage ist heute nicht mehr: Was mache ich mit den vielen jungen Menschen, die keine Ausbildungsstelle haben – sondern: Was mache ich mit den vielen Arbeitgebern, für die wir keine Lehrlinge gefunden haben?

Wie lautet die Antwort?

Wir sichten unsere Listen mit Jugendlichen, für die wir keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, und machen den Unternehmern Vorschläge. Dabei kommen immer mehr Jugendliche zum Zug, die keine so guten Noten hatten.

Welche Branchen tun sich besonders schwer?

Insgesamt gibt es einen Trend zu wohltemperierten und staubfreien Jobs. Alle Berufe, die körperlich herausfordernd sind und zu schwierigen Arbeitszeiten stattfinden, haben Probleme – zum Beispiel das Lebensmittelhandwerk und das Gaststättengewerbe. Auch die Pflege- und Gesundheitsberufe haben es schwer. Auf der anderen Seite stehen seit Jahren die gleichen Berufe auf der Wunschliste der angestrebten Ausbildungsberufe – zum Beispiel der Mechatroniker bei den Jungs und die Bürokauffrau bei den Mädchen.

Welche Rolle spielt das Thema Zuwanderung bei der Ausbildung?

Die Zuwanderung ist ein ganz wichtiges Thema für den Wirtschaftsstandort Bayern. Wir brauchen auch junge Leute aus dem Ausland. Sie sollten allerdings über 18 Jahre alt sein, ansonsten sind die Anforderungen an den Arbeitgeber, der die Verantwortung für die Betreuung übernehmen muss, zu komplex. Das Interesse der bayerischen Arbeitgeber steigt hier. Bisher kommen aber viel zu wenig Auszubildende aus dem Ausland – in diesem Jahr waren es in Bayern 208 Personen, die mit Unterstützung der BA eine Ausbildung begonnen haben. Wir müssen einen Strom von jungen Menschen in Gang setzen, der nach Deutschland kommt. Das Potenzial in Europa ist vorhanden, aber wir können es nicht mobilisieren. Das liegt auch daran, dass die anderen Länder nicht wollen, dass ihre jungen Leute nach Deutschland zum Arbeiten kommen. Wir müssen mehr für uns werben.

Die Konjunktur schwächelt momentan – wird sich das auch auf den Arbeitsmarkt in Bayern auswirken?

Konjunkturelle Schwankungen wirken sich immer mit einiger Verzögerung auf den Arbeitsmarkt aus. Wir sehen momentan, dass die Wirtschaft auf einem hohen Niveau stagniert. Die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt lässt nach. Wir gehen davon aus, dass der Beschäftigungszuwachs im nächsten Jahr eher gering ausfallen wird. Die Arbeitslosenzahl wird voraussichtlich nur geringfügig sinken. Damit setzt sich die Entwicklung wie in diesem Jahr fort – vor allem aufgrund der Zuwanderung wird zwar die Beschäftigung steigen, die Arbeitslosigkeit jedoch nicht entsprechend zurückgehen. Die Arbeitslosenquote ist allerdings in Bayern auf einem sehr niedrigen Niveau. Es gibt also keinen Grund zu jammern.

Interview: Manuela Dollinger

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