Nach Ende des Spießrutenlaufs startet jetzt der Maut-Marathon

- München/Berlin - Manche wecken mit dem Begriff "Wegezoll" Assoziationen an die Kleinstaaterei des frühen 19. Jahrhunderts, andere sprechen von dem wichtigsten High-Tech-Projekt der letzten Jahrzehnte: Am kommenden Samstag startet nach einigen schweren Pannen das satellitengestützte Lkw-Mautsystem in Deutschland. Alle Lastwagen mit einem Gesamtgewicht von mehr als zwölf Tonnen müssen für die Autobahnbenutzung durchschnittlich 12,4 Cent pro Kilometer zahlen.

<P>Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe sicherte zu, alles zu tun, damit der Start möglichst störungsfrei ablaufen kann.<BR><BR>An Grenzübergängen wird es eng</P><P>Für die Bundesregierung und die beteiligten Konzerne ist es das Ende eines Spießrutenlaufs und zugleich der Beginn eines Marathons. Ernst wird es erst am Sonntagabend um 22 Uhr. Dann endet das Wochenendfahrverbot für Lastwagen, und wer kein automatisches Borderfassungsgerät (OBU) im Cockpit hat, muss sich entweder per Internet oder über ein Dienstleistungsunternehmen einbuchen - oder er nutzt eines der Terminals an Tankstellen oder Grenzübergängen - allein in Bayern gibt es 550 davon.<BR><BR>Diese letzte Möglichkeit war nach dem Chaos im Vorjahr und den heftigen Auseinandersetzungen des Bundes mit dem Mautbetreiber Toll Collect noch ein wunder Punkt vor dem Maut-Start: Kommt es angesichts von nur rund 300 000 eingebauten OBUs zum Chaos an den stationären Terminals?<BR><BR>Das befürchtet das bayerische Transportgewerbe. Vor allem an den Grenzübergängen könnte es zu chaotischen Verhältnissen kommen. Gerade viele ausländische Lastwagen hätten keine OBUs eingebaut, sagte der Präsident des Landesverbandes Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen, Hans Wormser. Sorge bereitet auch, dass die Mautautomaten nur viersprachig (Englisch, Russisch, Polnisch und Deutsch) sind, so der Bundesverband Güterverkehr. Abgesehen von Polnisch sei keine mittel- oder osteuropäische Sprache vertreten.<BR><BR>"Mit vereinten Kräften" will indes Stolpe den Mautstart im Griff behalten. Er will sich auch weiter dafür einsetzen, jenen Lkw-Fahrern insgesamt 600 Millionen Euro Rabatt zu gewähren, die an deutschen Zapfsäulen tanken und damit über die Mineralölsteuer dazu beitragen, dass die Autobahnen gebaut und erhalten werden können. Sollte die EU das genehmigen, dann wird allerdings die Maut um genau diese Summe auf 15 Cent pro Lkw und Kilometer erhöht. Das ist aber frühestens in einem Jahr möglich, weil die OBUs zunächst weder bei den Tarifen noch bei dem Straßennetz auf Veränderungen reagieren können. Sollten sich Trucker Schleichwege über Bundesstraßen suchen, so will der Bund diese dann auch mit Mautpflicht belegen.<BR><BR>Das vorangegangene Maut-Desaster kommt den Bund teuer zu stehen. In der Zeit vom 31. August bis zum 31. Dezember dieses Jahres, in der auf die geplante Maut verzichtet werden musste, beliefen sich die Einnahmeausfälle nach Angaben des Verkehrsministeriums auf 3,56 Milliarden Euro. <BR><BR>Terminals verstehen nur vier Sprachen<BR><BR>Dieses Geld will sich das Ministerium allerdings vom Betreiberkonsortium Toll Collect zurückholen. Zusätzlich werden 1,02 Milliarden Euro Vertragsstrafe geltend gemacht. Ob der Bund das Geld bekommt, muss ein Schiedsgericht entscheiden.<BR><BR>Für die Konzerne Daimler-Chrysler und Telekom, die hinter Toll Collect stehen, hat sich das Engagement ohnehin bislang nicht rentiert. Von einer verlorenen Milliarde Euro durch die Pannen sprechen Insider. Andererseits wurden nach Angaben von Toll-Collect-Chef Christoph Bellmer bereits rund 3000 Arbeitsplätze geschaffen - eine Zahl, die sich ebenso wie die Einnahmen erhöhen kann, wenn das deutsche Mautsystem zum Exportschlager wird. Es ist das einzige System, das die EU-Vorgaben für 2008 komplett erfüllt. Tschechien und sogar Großbritannien werden als Interessenten gehandelt. "Mehrwertdienste", also Service-Angebote für eine eng definierte Zielgruppe, sollen ein Übriges tun, um Geld in die Kassen zu spülen.</P>

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