+
Sonnenuntergang: Ein Jahr nach der Energiewende kämpft die Solarbranche in Deutschland ums Überleben.

Welche Zukunft hat die Solarbranche?

München - Es ist die vierte große Pleite in der Branche: Nach Solar Millennium, Solon und Solarhybrid musste am Dienstag Q-Cells Insolvenz anmelden. Ob die Branche in Deutschland noch eine Zukunft hat – darüber streiten die Experten.

Q-Cells galt im Osten als Vorzeigeunternehmen. Der Solarzellenhersteller verpasste der von Bergbau und Chemie geprägten Region rund um Bitterfeld ein grünes Image – und brachte tausende Arbeitsplätze. Doch der Traum vom Solarboom ist vorerst geplatzt. Q-Cells stellte gestern beim Amtsgericht Dessau-Roßlau Insolvenzantrag, bestätigt eine Gerichtssprecherin. Nähere Details wurden nicht bekannt.

Die Insolvenz kommt nicht überraschend. Seit Monaten ringt das Unternehmen mit seinen Gläubigern um einen Schuldenschnitt. Q-Cells hatte 2011 einen Verlust von 846 Millionen Euro gemacht – bei einem Umsatz von 1,02 Milliarden Euro. Wie viele der insgesamt 2200 Q-Cells-Mitarbeiter – rund 500 arbeiten in einem Werk in Malaysia – durch die Insolvenz ihren Job verlieren, blieb vorerst offen.

Ein Jahr nach der Energiewende in Deutschland sieht es düster aus für die heimische Solarwirtschaft. Die Unternehmen leiden unter den Kürzungen bei der Solarförderung und einem massiven Preisverfall bei den Modulen. Vor allem die Billigkonkurrenz aus China macht den deutschen Produzenten zu schaffen.

Aber nicht nur die Hersteller sind bedroht. Auch das Photovoltaik-Unternehmen Phoenix Solar aus Sulzemoos bei Dachau kämpft um seine Finanzierung. Für einen Kredit eines Bankenkonsortiums im Volumen von ursprünglich 150 Millionen Euro musste ein Stillhalteabkommen verlängert werden, teilte das Unternehmen mit. Als Folge brachen gestern Phoenix-Aktien zeitweise um mehr als 30 Prozent ein. „Die Finanzierung ist derzeit gesichert“, betont eine Sprecherin. Phoenix Solar ist Großhändler und baut Solarparks. Zum Jahreswechsel musste das Unternehmen bereits 120 Stellen streichen.

Bei den Mitarbeitern in der Branche wächst die Angst. Welche Überlebenschance hat die deutsche Solarunterindustrie? Ein düsteres Bild zeichnet Manuel Frondel, Energie-Experte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI): „Viele einfache Jobs werden nach Asien abwandern. Es bleibt nur zu hoffen, dass Arbeitsplätze in der Forschung in Deutschland bleiben.“

Der Einbruch in der Solarbranche kommt für Frondel nicht überraschend: „Das Gleiche haben wir vor Jahren in der Halbleiterbranche erlebt.“ Bei der Produktion von Solarmodulen sei Deutschland seit Jahren nicht wettbewerbsfähig. „Nur durch die üppige Solarförderung haben die Unternehmen so lange überlebt“, sagt Frondel. Die Solarförderung in Deutschland bezeichnet der Energie-Experte als „drastisches Beispiel für Staatsversagen“. Mit Milliardensummen habe die Regierung versucht, Arbeitsplätze zu erhalten. Frondel verteidigt die radikalen Einschnitte bei der EEG-Umlage, mit der sich alle Stromkunden an den Kosten der Energiewende beteiligen. „Die Kürzung hat den Sterbeprozess in der Solarbranche nur beschleunigt.“

Optimistischer sieht Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die Solarbranche. „Wir erleben derzeit einen Reinigungsprozess.“ Die Unternehmen würden unter enormen Überkapazitäten und den rapide fallenden Preisen bei Solarmodulen leiden, so Kemfert.

Und welche Rolle spielt die Kürzung der Solarförderung? „Es gab in den letzten Jahren eine Überförderung der Solarbranche in Deutschland“, sagt Kemfert. Die Kürzungen würden die Unternehmen zwar belasten. „Die Einschnitte waren allerdings angemessen, weil die Kosten für die Solaranlagen zugleich drastisch gesunken sind.“

Aufgrund des Solarbooms stieg die Zahl der Beschäftigten in der Branche allein 2010 um rund 40 000 auf etwa 100 000. „Dieses rasante Wachstum ließ sich nicht dauerhaft fortsetzen.“ Dennoch warnt die Energieexpertin vor Untergangsszenarien: „Solarunternehmen, die sich international aufstellen und auch als Zulieferer agieren, haben auch künftig gute Chancen am Markt.“

Von Steffen Habit

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dax vor Bundestagswahl kaum bewegt
Angesichts des wieder hochgekochten Nordkorea-Konflikts ist dem Dax am Freitag die Kraft ausgegangen.
Dax vor Bundestagswahl kaum bewegt
Air Berlin verhandelt mit Lufthansa und Easyjet - Wöhrl sauer
Air Berlin könnte zu großen Teilen an die Lufthansa gehen. Unterlegene Bieter halten das für eine „Katastrophe“ auch für Passagiere. Sie könnten klagen.
Air Berlin verhandelt mit Lufthansa und Easyjet - Wöhrl sauer
Air Berlin: Unterlegene Bieter zürnen, Arbeitnehmer bangen
Nach der Vorentscheidung im Bieterwettstreit geht es darum, wer wie viele Flugzeuge genau bekommen soll. Ein Zwischenstand wird für Montag erwartet. Nicht nur die …
Air Berlin: Unterlegene Bieter zürnen, Arbeitnehmer bangen
7000 Stahlkocher demonstrieren gegen Stahlfusion
Nach dem Bekanntwerden der Fusionspläne für die europäischen Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata wächst im Ruhrgebiet die Empörung. Bei einer Demonstration in Bochum …
7000 Stahlkocher demonstrieren gegen Stahlfusion

Kommentare