+
Facharbeiter gesucht: Von 2010 an stehen dem Arbeitsmarkt jedes Jahr alleine aufgrund der demografischen Entwicklung hunderttausende Menschen weniger zur Verfügung.

Nach der Krise: Kampf um Facharbeiter beginnt 

Nürnberg - Ob Siemens, Daimler oder Volkswagen - mit Beschäftigungsverträgen versuchen die großen Konzerne, ihre Mitarbeiter an sich zu binden. Denn nach der Krise droht der Fachkräftemangel.

Die Wirtschaftskrise war noch lange nicht vorbei, da warnte die Bundesagentur für Arbeit (BA) schon eindringlich vor einem Fachkräftemangel. Sobald der Aufschwung komme, könnten Experten knapp werden, betonte etwa Vorstandsmitglied Raimund Becker. Inständig bat er deshalb alle Firmen, die wegen der schlechten Auftragslage Kurzarbeit einführen mussten, die freie Zeit ihrer Mitarbeiter für Weiterbildung zu nutzen.

Der Grund für Beckers Flehen: Von 2010 an stehen dem Arbeitsmarkt jedes Jahr alleine aufgrund der demografischen Entwicklung hunderttausende Menschen weniger zur Verfügung - wegen der schrumpfenden Geburtenzahlen wachsen weniger junge Menschen nach als alte aus dem Berufsleben ausscheiden. “Zwischen 2010 und 2020 schrumpft das Potenzial um 1,8 Millionen Beschäftigte“, erläutert Johann Fuchs vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. “Zwischen 2020 und 2025 sind es noch einmal 1,8 Millionen.“

Top Ten der unbeliebten Berufe

Top Ten der unbeliebten Berufe

“Eine solche Abnahme des Potenzials an Arbeitskräften kann nicht mehr kompensiert werden“, betont Fuchs. Peu à peu werde das Problem zunehmen; schon in den nächsten drei Jahren stünden jährlich etwa 200 000 Menschen weniger für die Wirtschaft zur Verfügung. Hinzu kommt, dass längst nicht alle Schulabsolventen einen jener Jobs ergreifen wollen, in denen sich ein Mangel an Experten abzeichnet. Andere wiederum wechseln nach einer entsprechenden Ausbildung in ein anderes Berufsfeld oder ziehen ins Ausland.

In der Wirtschaft klingeln deshalb die Alarmglocken. “Ausgerechnet in dem Zeitkorridor, in dem man mit deutscher Ingenieurskunst in wichtigen Zukunftsmärkten durchstarten sollte, könnten uns die dafür nötigen, exzellent qualifizierten Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik fehlen“, warnte etwa der Branchenverband VDE kürzlich. So werde der Bedarf an Elektroingenieuren bis 2020 pro Jahr um 22 Prozent steigen, die Zahl der Hochschulabsolventen dagegen um elf Prozent sinken.

Auch eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers zeigt, dass allein der deutschen Automobilbranche in den nächsten zwei Jahren rund 11 000 Ingenieure fehlen dürften. Eine mögliche Folge: Wenn es an Fachleuten mangelt, werden Entwicklungskapazitäten ins Ausland verlagert.

Wer ist im DAX?

Wer ist im DAX?

Doch es fehlen nicht nur Ingenieure, auch das Handwerk beklagt sich darüber, dass in diesem Jahr 10 000 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben sind. Großen Bedarf meldet auch die Dienstleistungsbranche, vor allem in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Genaue Zahlen, wie viele Fachkräfte in welchem Jahr fehlen werden, gibt es nicht. Doch für Bayern hat das Prognos-Institut errechnet, dass es über alle Berufsgruppen hinweg bis 2015 bereits 520 000 qualifizierte Arbeitnehmer zu wenig geben wird.

“Der Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften steigt wieder an, und zwar sowohl national als auch international“, berichtet Michael Heidelberger vom Fachverband Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater über die Entwicklung nach der Krise. “Die Älteren, die wir in den letzten Jahren nach Hause geschickt haben, werden wieder an Bedeutung gewinnen.“ Schon jetzt würden vermehrt Arbeitnehmer Anfang/Mitte 50 eingekauft, berichtete der Headhunter. “Um die Jüngeren wird es erst recht einen größeren Kampf geben.“

Beim Interessenverband der Deutschen Zeitarbeitsunternehmen sieht man die Folgen dieses “War of Talents“ (“Krieg um die Talente“) bereits deutlich: “Wir wissen, dass die alle händeringend suchen, der Mangel macht sich jetzt schon überaus bemerkbar“, sagt Sprecher Wolfram Linke. Zum Vorteil für so manchen Arbeitnehmer: “Gerade hochqualifizierte Kräfte können die Preise diktieren, da spielt Tarif keine Rolle mehr.“

Von Elke Richter

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bericht: Catering-Tochter der Lufthansa streicht rund 2000 Jobs
Frankfurt/Main - Bei der Catering-Tochter der Lufthansa fallen einem Zeitungsbericht zufolge in den kommenden Jahren rund 2000 Jobs weg.
Bericht: Catering-Tochter der Lufthansa streicht rund 2000 Jobs
Schwache Autowerte und Brexit-Sorgen belasten Dax
Frankfurt/Main (dpa) - Brexit-Sorgen und Strafzoll-Drohungen von Donald Trump gegen deutsche Autobauer haben am Montag die Dax-Anleger verunsichert. An den Verlusten …
Schwache Autowerte und Brexit-Sorgen belasten Dax
Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet
Berlin/München - Kurz vor seinem Amtsantritt hat Donald Trump die deutschen Autobauer abgewatscht, namentlich BMW. Doch was bedeutet das für die Hersteller konkret?
Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet
Stillstand bei Tarifrunde für Geldboten
Hannover (dpa) - Bei den Tarifverhandlungen für die rund 11 000 Beschäftigten der Geld- und Werttransportbranche sind sich beide Seiten noch nicht näher gekommen.
Stillstand bei Tarifrunde für Geldboten

Kommentare