Nach Müntefering: Kritik an Unternehmen auch von der Union

- Berlin - Aus Ärger über die Kapitalismuskritik von SPD-Chef Franz Müntefering hat Lufthansa-Aufsichtsrats-Chef Jürgen Weber gedroht, sein Amt als Regierungsbeauftragter für Auslandsinvestitionen aufzugeben. Doch aus dem Arbeitgeberlager und von der Union kamen auch andere Stimmen.

<P>BDI-Chef Jürgen Thumann bezeichnete Münteferings Kritik als "überflüssig". Er räumte aber ein "Glaubwürdigkeitsproblem" ein. "Ich meine, dass wir uns auch der sozialen Verantwortung stellen müssen, bevor wir hier Arbeitsplätze abbauen." Wenn jemand langfristig ausreichende Gewinne erwirtschafte und trotzdem Produktion verlagere, "kann ich das nicht nachvollziehen".<BR><BR>Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hat die Politik weltweit operierender Unternehmen als "Anarcho-Kapitalismus" verurteilt. In einem Interview mit dem österreichischen Magazin "Trend" sagte er, diese Unternehmen könnten "genauso frei agieren wie die Mafia, die Drogendealer, die Terroristen". Geißler sagte weiter: "Ein Wirtschaftssystem, das sich so definiert, dass der Börsenwert eines Unternehmens umso höher steigt, je mehr Menschen entlassen werden, ist zutiefst unsittlich. Und auch ökonomisch falsch.".<BR><BR>Auch der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm stellte sich hinter die Aussagen von Franz Müntefering: Neoliberale Yuppies degradierten die Arbeitnehmer zu Spielmaterial, sagte er.<BR><BR>Die Kritik des SPD-Chefs hat nach Einschätzung des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) einen tieferen Kern. In Industrieländern haben sich die Machtverteilung auf den Märkten von den Arbeitnehmern hin zu den Kapitalströmen verlagert, sagte der Leiter des IMK, Gustav Horn. "Das hat zu einer Umverteilung geführt von den Arbeitseinkommen hin zu den Kapitaleinkommen." Horn bezeichnete die Thesen von Müntefering als provokativ, aber aus ökonomischer Sicht als richtig.<BR><BR>Der Ex-Lufthansa-Chef Jürgen Weber sieht das anders: "Wenn sich herausstellt, dass die Kapitalismuskritik grundsätzlicher Natur ist und die wirkliche Einstellung der politischen Elite in Deutschland reflektiert, dann braucht man keine Organisation ,Invest in Germany mehr", sagte Weber laut "Welt am Sonntag".<BR><BR>Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) beteuerte, Münteferings Kritik werde keine Auswirkungen auf die Reformpolitik haben. "Es ändert sich nichts an dem Weg, den wir eingeschlagen haben", versicherte er und erteilte damit Forderungen der Gewerkschaften eine Absage.<BR><BR>Bayer-Chef Werner Wenning wandte sich scharf gegen Münteferings Kritik. Ein mit "überkommenen Klassenkampfparolen" gespickter Streit sei nicht hilfreich, sagte der Wirtschaftsminister der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Wenn ein Unternehmen sich im globalen Wettbewerb behaupten wolle, müsse es eine attraktive Rendite bieten.</P>

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