Nach Streik-Debakel Streit um Konsequenzen bei IG Metall

- Berlin - Nach dem Streik-Debakel der IG Metall reißt die Debatte um tief greifende Konsequenzen bei der größten Industriegewerkschaft nicht ab. Führende Funktionäre und Teile der Basis machen den stellvertretenden IG-Metall-Chef Jürgen Peters sowie den Streikleiter Hasso Düvel persönlich für den gescheiterten Arbeitskampf verantwortlich. Diese lehnen bisher jedoch einen Rücktritt strikt ab.

<P>In den Betrieben, die von den vierwöchigen Streiks in Berlin, Brandenburg und Sachsen betroffen waren, ist unterdessen die Produktion wieder angelaufen. Auch westdeutsche Unternehmen, die auf Grund ausgebliebener Zulieferungen Produktionsausfälle beklagten, gehen langsam wieder zur Normalität über.</P><P>Die IG Metall hat nach den gescheiterten Verhandlungen über die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland die Streiks beendet und die Niederlage eingeräumt. Die Gewerkschaft will nun mit den Betrieben einzeln über eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden verhandeln. Bisher wurde mit neun Betrieben die Einführung der 35-Stunden-Woche per Haustarifvertrag vereinbart. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Martin Kannegiesser, warnte angesichts der nun anstehenden Einzelverhandlungen vor einem "Häuserkampf".</P><P>IG-Metall-Vertreter räumten erneut Fehler ein. Die Lage sei teils falsch eingeschätzt worden. In der Schlussphase des Konflikts habe es keine Unterstützung mehr gegeben, weshalb die Streiks nicht mehr hätten verstärkt werden können, hieß es. Der scheidende Vorsitzende Klaus Zwickel erklärte nach einer Krisensitzung des Vorstandes in Berlin, die IG Metall sei jetzt dabei, "eine Aufarbeitung zu beginnen". Die Gewerkschaft sei aber noch nicht so weit, die nötigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies solle bei der nächsten Vorstandsitzung vom 8. bis 11. Juli geschehen. Ziel müsse sein, eine Spaltung der Gewerkschaft zu verhindern.</P><P>Die Gegner des designierten Gewerkschaftschefs Peters verlangen dessen Verzicht auf die Zwickel-Nachfolge. Der bisherige Zweite Vorsitzende soll auf einem Gewerkschaftstag im Oktober neuer Chef der IG Metall werden. Nach der Vorstandssitzung verlautete aus Teilnehmerkreisen, als für die Tarifpolitik verantwortlicher Zweiter Vorsitzender und als Streikleiter komme Peters und Düvel eine "besondere Verantwortung" zu. Nach Zwickels Angaben gab es auf der Vorstandssitzung jedoch keine direkten Rücktrittsforderungen.</P><P>Der IG-Metall-Bezirk Hannover, wo auch Peters und Düvel bereits arbeiteten, stärkte dem Bundes-Vize den Rücken. "Personaldebatten sind jetzt überflüssig. Die IG Metall muss geschlossen zu dem Vorstandsbeschluss zur Nachfolge von Klaus Zwickel stehen", sagte Bezirksleiter Hartmut Meine. Nicht der Kurs der Gewerkschaft, sondern die Arbeitgeber hätten die Verhandlungen platzen lassen.</P><P>Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer erklärte, nach dieser bitteren Niederlage seien die Konsequenzen noch nicht absehbar. Der größte Fehler in der Streiktaktik sei die Einbeziehung von Autozulieferern gewesen. "Dadurch ist die Stimmung im Westen gekippt und man konnte nicht mehr nachlegen", sagte er.</P><P>Der Vorsitzende des Opel-Gesamtbetriebsrates, Klaus Franz, wies Vorwürfe von Düvel zurück, der Streik sei auch wegen mangelnder Solidarität im Westen gescheitert. Die Behauptung, westdeutsche Betriebsräte trügen die Schuld am Scheitern des Metaller-Streiks, sei Legendenbildung des untersten Niveaus, sagte Franz.</P><P>Bei Ford in Köln haben sich Mitglieder offen gegen Peters ausgesprochen. "Wir fordern nicht den Rücktritt, aber es gibt keine andere Möglichkeit, als dass er bei der Wahl nicht antritt", sagte IG-Metall-Vertrauensmann Thomas Freels. Der BMW-Konzern will nach mehr als einer Woche Produktionsausfall am Dienstag wieder die Fertigung der 3er-Reihe aufnehmen. Insgesamt mussten mehr als 10 000 Mitarbeiter wegen des Streiks zu Hause bleiben.</P>

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