"Natürlich ist das ein Skandal"

München - Die weltweite Finanzkrise hat einen vorläufigen Höhepunkt in der spektakulären Rettungsaktion durch die amerikanische Regierung gefunden. Sie will den taumelnden Banken ihre faulen Kredite abkaufen und den Instituten die Rückkehr zum normalen Geschäft ermöglichen. Über diese Auffanglösung, die Folgen für Deutschland und die Aktienmärkte sprachen wir mit Jürgen Pfister, dem Chefvolkswirt der BayernLB.

-In höchster Not hat die US-Regierung ein Hilfspaket für faule Bankenkredite geschnürt. Ist das der Wendepunkt der Finanzkrise?

Vieles spricht dafür, schon allein die riesige Dimension von 700 Milliarden Dollar gibt die begründete Hoffnung, dass das jetzt die Wende war. Die Finanzkrise hat ja einen guten Punkt, und das ist, dass man sie gleichsam mit einem Fingerschnippen beenden kann. Es muss nur der Staat aufstehen und sagen, ich stelle die Stabilität der Banken wieder her, indem ich die schlechten Risiken übernehme. Dass ein Staat so etwas nur im Notfall macht, ist auch klar, weil das bedeutet, dass andere für die Fehler der Banken und der Aufsicht bezahlen müssen.

-Ist das nicht ein Skandal? Schließlich haben wir jahrelange Hausse gehabt, an der die Banken viel verdient haben. . .

Das ist natürlich ein Skandal. Man muss aber nüchtern nach den Alternativen fragen. Gibt es eine andere Möglichkeit, das Problem zu lösen? Und die gibt es meines Erachtens nicht, weil niemand so große Taschen hat wie der Steuerzahler. Wenn wir sagen, wir machen das nicht, weil das eben ein Skandal wäre, dann müssen wir in Kauf nehmen, dass es eine Kernschmelze gibt. Kernschmelze heißt in dem Fall, dass wir in der Realwirtschaft eine ausgeprägte Wirtschaftskrise, eine Depression bekommen. Wenn man nur die Wahl zwischen diesen beiden Übeln hat, dann glaube ich, dass der US-Staat das kleinere gewählt hat.

-Kann man diese Krise historisch einordnen, haben Sie so etwas schon erlebt?

Wenn wir diese Krise einordnen wollen, müssen wir zur Weltwirtschaftskrise 1929 zurückgehen. Ich habe zwar auch schon viele Krisen miterlebt, aber die aktuelle hat ganz andere Dimensionen und sie ist die internationalste.

-Deshalb fordert die US-Regierung, dass sich auch andere Länder an der Auffanglösung beteiligen sollen. Muss auch Deutschland mitzahlen?

Ich glaube, dass das im Wesentlichen eine Aufforderung an Großbritannien und die Schweiz ist, weil deren Banken auch massiv betroffen sind.

-Trotz allem ist die Krise ja nicht vorbei. Alle Akteure in den USA, vom Staat über die Konsumenten, sind ja verschuldet bis über die Halskrause.

Wenn das Programm des US-Finanzministers Paulson im Lauf dieser Woche durch den Kongress kommt, dann dürfte es am Markt zu einer psychologischen Beruhigung kommen. Das heißt aber nicht, dass nicht noch die eine oder andere US-Bank ins Wanken geraten könnte. Wir müssen uns wünschen, dass die Schieflage, die sich ja über Jahre aufgebaut hat, nicht schlagartig, sondern ebenso nach und nach begradigt wird. Und das wird auch noch dauern. Nehmen Sie die Sparquote in den USA: Seit eineinhalb, zwei Jahren ist die im Keller, die Leute konsumieren trotz massiver Vermögensverluste fröhlich weiter. Das ist irritierend. Die europäischen Verbraucher verhalten sich da ganz anders.

-Die Eskalation der Finanzkrise, war das der Bankrott des amerikanischen Casino-Kapitalismus?

Auslöser des Ganzen war menschliche Gier. Menschliche Gier ist freilich kein Phänomen, das sich auf Investmentbanker beschränken würde. Eine IG-Metall-Forderung nach acht Prozent mehr Lohn ist auch Gier. So sind die Menschen. Deswegen muss der Staat Regeln schaffen, damit diese Gier nicht zu gesamtgesellschaftlichen Schäden führt. Und da hat die amerikanische Finanzaufsicht versagt. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Fehlentwicklungen solchen Ausmaßes toleriert wurden. Die Aufsicht hat Freiräume gelassen, die in einer katastrophalen Weise ausgenutzt worden sind. Daraus wird man Lehren ziehen müssen. Aus Erfahrung wissen wir, dass das Pendel dabei gern vom einen ins andere Extrem ausschlägt.

-Was sollte man am Finanzmarkt verbieten?

Weder Kreditverbriefungen noch Derivate oder Leerverkäufe sollte man grundsätzlich unter Verbot stellen. Was man verlangen wird, ist eine höhere Eigenkapitalunterlegung für bestimmte Geschäfte. Klar ist, dass das auf Kosten der Rendite in der Branche gehen wird. Renditen von 25 Prozent sind in Zukunft wohl nicht mehr drin.

Zweites Thema ist die Transparenz: größere Aktivitäten außerhalb der Bilanzen wird es wohl nicht mehr geben. Es werden auch weniger Kunden bereit sein, hochkomplexe Produkte zu kaufen, die sie selbst nicht verstehen, von denen nur die Ratingagenturen sagen, das ist schon in Ordnung. Dann haben wir ein anderes Finanzsystem, das aber hoffentlich immer noch in der Lage ist, das Wachstum der Weltwirtschaft zu finanzieren. Es ist allerdings eine Illusion zu glauben, dass es in Zukunft keine Finanzkrisen mehr geben wird. Da sind wir wieder bei der menschlichen Gier, die wird sich neue Wege suchen. In zehn Jahren werden wir vielleicht wieder staunen, was für seltsame Blüten sie getrieben hat.

-Wie wirkt sich die Finanzkrise auf Ihre Wachstumsprognose aus?

Wir haben es mit mehreren Schocks zu tun: Dem Rohstoff-Schock, dem Aufwertungs-Schock des Euro, dem Finanzkrisen-Schock und dem Ende des Booms in der US-Wirtschaft. Mit jedem einzelnen davon könnten wir halbwegs umgehen, alle zusammen bereiten uns Probleme. Wir haben unsere Prognose in mehreren Schritten nach unten korrigiert und erwarten jetzt für heuer ein Wachstum von 1,6 Prozent und im kommenden Jahr nur noch 0,6 Prozent. Damit sind wir am Rande einer Rezession. An der könnten wir noch vorbeischrammen, wenn sich Anfang 2009 die Stimmung aufhellt. Wenn das erste Halbjahr aber schwach verläuft, müssen wir das böse R-Wort doch wieder auspacken.

- Wie sehen Sie die Entwicklung an den Aktienmärkten?

Immer vorausgesetzt, es gibt keine Verschärfung der Finanzkrise, dürfte der Aktienmarkt um die Jahreswende herum wieder nach oben drehen.

-Sollte man also schon wieder einsteigen?

Mein Rat an Privatanleger: Lassen Sie die ersten fünf oder zehn Prozent Kursanstieg ruhig an sich vorbeiziehen. Wenn dann auch technisch fundiert ist, dass wir die Tiefpunkte hinter uns haben, hat man vielleicht am Ende nur 25 Prozent statt 35 Prozent Rendite, aber was solls. Wer schon drin ist, sollte die Nerven bewahren und nicht ausgerechnet jetzt verkaufen.

-Sie hören sich insgesamt ganz optimistisch an.

Aktien außerhalb des Finanzsektors sind massiv mit nach unten geprügelt worden. Wir haben Kurs-Gewinn-Verhältnisse, die zum Teil niedriger liegen als im Jahr 2003, als der Dax um die 2300 Punkte stand. Das ist nach normalen Maßstäben nicht zu rechtfertigen. Das industrielle Deutschland ist meines Erachtens sehr gesund. Das liegt im Übrigen auch an den Strukturreformen, die wir zum Teil hinter uns haben. Die Weltkonjunktur wird sich zwar deutlich abschwächen, aber es wird keine globale Rezession geben.

Zusammengefasst von Corinna Maier

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