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EZB - Mario Dragh

Bank in Gmund hat den Anfang gemacht

Negativzins auf Einlagen: Müssen reiche Sparer bald überall zahlen?

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München/Frankfurt - Die Zinspolitik der EZB trifft zunehmend die Kunden deutscher Banken. Inzwischen geht es mancherorts auch an die Einlagen vermögender Sparer. Liebäugeln viele Banken mit Negativzins?

Wer früher sein Geld zur Bank trug, bekam dafür Zinsen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Kurs extremer Niedrigzinsen fährt, sind auch die Renditen auf Spargroschen zusammengeschnurrt – mittlerweile liegen sie nahe Null. Doch auch das kostet die Banken Geld. Im März hat die EZB den Strafzins für Banken von 0,3 auf 0,4 Prozent erhöht. Das heißt in der Praxis: Lagern Banken nicht benötigte Gelder über Nacht bei der Europäischen Zentralbank (EZB), müssen sie ihr 0,4 Prozent Zinsen dafür zahlen. 

Diese Gebühr verlangt nun auch die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee ab September von Privat- und Firmenkunden für Einlagen über 100 000 Euro auf Giro- oder Tagesgeldkonten.

Wir fragten bei anderen deutschen Instituten nach, wie sie es mit den Negativzinsen halten – und was ihre Pläne sind.

Volks- und Raiffeisenbanken

Der Genossenschaftsverband Bayern (GVB), dem die 299 Volks- und Raiffeisenbanken im Freistaat angehören, äußert Verständnis für sein Mitglied vom Tegernsee. „Der extreme geldpolitische Kurs der EZB verursacht bei allen Banken erhebliche Kosten.“ Sie allein zu tragen, sei „betriebswirtschaftlich dauerhaft nicht möglich“. Letzte Konsequenz können Negativzinsen ein. Dem Verband sind derzeit allerdings keine weiteren Banken bekannt, die einen Auslagenersatz für Einlagen von Privatkunden berechnen, sagt Sprecher Florian Ernst.

Stadtsparkasse München

Für die Zukunft ausschließen kann die Stadtsparkasse München Negativzinsen für Privatkunden nicht. „Wir haben ein außergewöhnliches Zinsumfeld: Geldeinlagen bei der EZB werden derzeit mit einem Zins von minus 0,4 Prozent belegt“, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse, Ralf Fleischer. Überschüssige Liquidität koste Banken derzeit Geld. 

Traditionell hätten Sparkassen mehr Einlagen als ausgereichte Kredite in der Bilanz. „Wir setzen alles daran, diese Ertragsbelastungen durch andere Maßnahmen zu kompensieren und nach Möglichkeit Verwahrentgelte bei Privatkunden zu vermeiden. Jede Bank muss sich jedoch wegen des geschilderten Marktumfelds auf weitere Zinssenkungen oder Aktionen von Wettbewerbern einstellen und in der Lage sein, schnell zu reagieren“, so Fleischer. 

Je nach Marktentwicklung könne daher eine mögliche Einführung von Verwahrentgelten für Privatkunden in Zukunft nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Man beobachte den Markt sehr genau. Falls nämlich andere Banken auf breiter Front für Einlagen Verwahrentgelte einführen, werde die Stadtsparkasse voraussichtlich gezwungen sein, nachzuziehen. „Ansonsten würden wir überschüssige Liquidität auf uns ziehen, die uns wiederum Kosten verursacht“, erklärt Fleischer. „Wir gehen von einer noch länger anhaltenden Niedrigzinsphase aus, die der ganzen Finanzbranche noch viel abverlangen wird.“

Auch der bayerische Sparkassenverband, der die 71 Institute im Freistaat vertritt, kann Negativzinsen für Privatkunden für die Zukunft nicht ausschließen. „Wir haben derzeit keine Kenntnis davon, dass eine bayerische Sparkasse Negativzinsen für Privatkunden einführen will“, sagt Sprecherin Eva Mang. Allerdings könne man nicht absehen, was die Zukunft bringe und wie lange die Niedrigzinsphase noch andauere. „Wir wollen Negativzinsen vermeiden, solange es geht“, so Mang.

Deutsche Bank

Ein wenig wortkarg gibt man sich bei der Deutschen Bank. „Die Deutsche Bank beobachtet sehr aufmerksam und fortlaufend die Auswirkungen der negativen Marktzinsen auf die Kunden und die Bank“, lässt ein Sprecher des größten deutschen Geldhauses in Frankfurt wissen. Und: „Die Deutsche Bank plant derzeit nicht, im breiten Kundengeschäft Kosten für Einlagen an die Kunden weiterzugeben.“ Für institutionelle Kunden mit zusätzlichem Bedarf an Einlageprodukten sei die Bank im engen Dialog, um passende Anlagealternativen oder Kompensationsmodelle zu vereinbaren.

Commerzbank

Kunden der Commerzbank müssen sich vorerst keine Sorgen machen. „Im Privatkundengeschäft sind Negativzinsen derzeit nicht geplant“, teilt ein Sprecher der Bank mit. Firmenkunden, große Konzerne, institutionelle Kunden und Kunden des öffentlichen Sektors, die hohe Guthaben als Einlagen bei Deutschlands zweitgrößtem Geldhaus parken, werden dagegen bereits seit einiger Zeit zur Kasse gebeten. Dabei gilt allerdings kein fester Zinssatz, vielmehr werde eine „individuelle Guthabengebühr“ vereinbart, heißt es bei der Bank. Ziel sei es dabei nicht, diese Gebühr zu erheben, sondern in Gesprächen mit den Kunden alternative Anlagekonzepte zu entwickeln.

HypoVereinsbank

Eine Sprecherin der HypoVereinsbank (HVB) teilt auf Anfrage mit, derzeit würden auf Sicht- und Spareinlagen von Privatkunden keine Negativzinsen erhoben. Zu künftigen Entwicklungen will sie sich nicht äußern. Im Februar hatte HVB-Chef Theodor Weimer aber ausgeschlossen, von Privatkunden Minuszinsen zu kassieren und gesagt: „Als Volkswirt hielte ich das für eine Katastrophe.“ Wenn man anfange, von Privatkunden Geld für die Einlagen zu nehmen, „dann muss man sich fragen, wofür ist die Bank gut?“

Bankenverband

„Es gibt noch keinen allgemeinen Trend in Richtung Verwahrgebühren für Privatkunden“, sagt Silke Wolf, die Geschäftsführerin des Bayerischen Bankenverbandes. Momentan schafften es die privaten Banken noch, die Kostenbelastung zu schultern, zum Teil zum Beispiel auch durch die Anhebung von Kontogebühren. Anders sei das heute schon bei institutionellen Kunden und anderen Großanlegern, mit denen jedoch individuelle Vereinbarungen über die Kostenverteilung getroffen würden.

GLS Bank

Keinen Strafzins, sondern einen Solidarbeitrag will die genossenschaftliche Alternativ-Bank GLS im Kampf gegen den Niedrigzins einführen. Die Idee sei, dass jeder Kunde und jedes Mitglied 60 Euro pro Jahr bezahle – unabhängig von der Höhe der jeweiligen Einlagen, erklärt ein Sprecher der Bank. Beschlossen ist die Einführung des „GLS-Beitrags“ aber noch nicht. Die rund 40 000 Mitglieder der Genossenschaftsbank entscheiden darüber im Dezember.

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