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Das Drehkreuz München: Hier steigen viele Passagiere von Zubringerflügen auf Langstreckenflüge um. Ihr Direktfluggeschäft will die Lufthansa davon trennen und in einer neuen Gesellschaft mit Sitz in Köln führen.

München wird nicht angeflogen

Die wichtigsten Fragen zur neuen Lufthansa-Airline

München - Die Lufthansa gliedert einen Großteil ihrer Verbindungen in eine neue Gesellschaft aus. Sie soll es leichter haben, mit Billig-Fliegern zu konkurrieren. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Billigfluggesellschaften setzen der Lufthansa seit Jahren zu. Zum 1. Januar 2013 will sie einen großen Teil ihrer eigenen Direktflüge mit denen der Tochter Germanwings zusammenlegen. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo fürchtet, dass rund 1200 Lufthanseaten zu einem Wechsel in die neue Gesellschaft gezwungen werden. Ufo und die Lufthansa befinden sich in einem Tarifkampf, währenddessen es zur Ferienzeit zu umfangreichen Streiks gekommen war.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Was genau ist geplant?

Die Lufthansa-Tochter Germanwings soll ab dem Jahreswechsel die europäischen und deutschen Direktverbindungen der Mutter übernehmen. Auch die Maschinen der Tochter Eurowings sollen ab Januar für die neue Gesellschaft mit Sitz in Köln fliegen. Macht zusammen 90 Flugzeuge, rund 2000 Flugbegleiter sowie 900 Piloten und Co-Piloten, die bereits im ersten Jahr rund 18 Millionen Passagiere an ihre Ziele bringen sollen. Zum Vergleich: Air Berlin verfügt über 152 Flieger und hat im vergangenen Jahr 35 Millionen Gäste durch Europa geflogen.

Der Großteil der 3000 Lufthansa-Flugzeuge bleibt bei der Muttergesellschaft. Die Bündelung der Lufthansa-Konzerntöchter spart vor allem Verwaltungskosten.

Ist München vom Umbau betroffen?

Nicht direkt. München und Frankfurt sind die zwei Drehkreuze der Lufthansa. Die Kurzstreckenflüge von und zu diesen beiden Flugplätzen haben vor allem die Aufgabe, Zubringerdienste für Langstreckenflüge zu leisten. Diese Variante (Hub and Spoke) des Luftverkehrs heißt weiter Lufthansa, wird aber organisatorisch von dem Teil getrennt, bei dem es nur um Direktverbindungen von einem Flughafen zum anderen geht (Point to Point), etwa von Stuttgart nach Hannover.

Gibt es für München keine Billigflüge?

Auch wenn Lufthansa mit der Neuerung die Herausforderung durch Ryanair & Co. aufnimmt, spricht niemand derzeit von einer Billig-Fluggesellschaft. Die Lufthansa will mit ihrem neuen Projekt vor allem Kosten sparen – aber keinen Preiskampf um die Kunden beginnen. Konzernchef Christoph Franz sprach von einem der Lufthansa „entsprechenden Qualitätsanspruch“. Damit setzt er sich von einem Billigflugkonzept ab. Möglicherweise verabschiedet sich auch die bisherige Germanwings mittelfristig vom Billig-Konzept. Umgekehrt gibt es bereits heute Kampfpreis-Angebote bei der Lufthansa. Daran wird sich wohl nichts ändern. Auch die Lockangebote erklärter Billig-Fluglinien beschränken sich auf wenige Plätze. Wer später kommt, zahlt mehr. Enge Beschränkungen, etwa beim Gepäck, wird es bei der neuen Lufthansa-Linie voraussichtlich nicht geben.

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Was ändert sich für die Kunden?

Für die Passagiere wird sich zunächst nichts ändern. Sie können nach wie vor bei Germanwings oder Lufthansa buchen. Es werden auch keine neuen Verbindungen eingerichtet oder alte gestrichen. Ein Name für die neue Gesellschaft steht noch nicht fest.

Wird auch am Personal gespart?

Die Lufthansa bestreitet dies. Doch nach Ansicht der Kabinengewerkschaft Ufo belasten die Pläne die noch nicht richtig begonnene Schlichtung für die rund 18 000 Flugbegleiter. „Die Kollegen sind völlig verunsichert. In unseren Foren ist die Hölle los“, sagte Gewerkschaftschef Nicoley Baublies gestern. Viele Beschäftigte hätten Angst vor Versetzungen oder Kündigungen. Die Flugbegleiter der Germanwings haben nach Ufo-Angaben um bis zu 40 Prozent niedrigere Gehälter als ihre Kollegen bei der Lufthansa. Ufo fürchtet, dass rund 1200 Lufthanseaten zu einem Wechsel gezwungen werden könnten.

Die Gewerkschaft sei nicht bereit, einen Billigtarif für Flugbegleiter im Konzern zu dulden, sagte Baublies, der in den vergangenen Wochen den ersten Flugbegleiterstreik in der Geschichte der Lufthansa angeführt hatte. Man biete Zugeständnisse der gesamten Belegschaft an, um den Betrieb günstiger zu machen. Er sei überrascht, dass der Lufthansa-Vorstand noch vor Beginn der Schlichtung die Pläne beschlossen und dem Aufsichtsrat vorgelegt habe. Bislang habe er mit dem Schlichter Bert Rürup erste Vorgespräche geführt.

Warum muss die Lufthansa sparen?

Die Lufthansa leidet unter Billig-Fluglinien, deren Schwerpunkt Direktverbindungen sind. Diese sind günstiger zu organisieren als ein aufeinander abgestimmtes Netz, wie es die herkömmlichen Fluggesellschaften unterhalten. Die Lufthansa will durch die neue Gesellschaft auf diesem Weg im innereuropäischen Verkehr wieder profitabel werden.

Warum gibt es Drehkreuze?

Im Kurzstreckenverkehr sind Direktverbindungen günstiger. Für Interkontinentalflüge bringt man mit den Zubringerflügen Fluggäste zusammen, um sie dann in großen Maschinen von Kontinent zu Kontinent zu bringen. Das ist auf der Langstrecke immer noch hochprofitabel. Doch Fluglinien müssen gewährleisten, dass das Umsteigen nicht durch lange Wartezeiten zur Tortur für die Fluggäste wird. Der notwendige Service kostet Geld.

Auf solche Dinge nehmen Billig-Fluglinien keine Rücksicht. Wer beispielsweise mit Ryanair von Memmingen nach Knock in Westirland fliegen will, muss in London-Stansted umsteigen. Er kann dies nur auf eigene Faust tun und darf nicht damit rechnen, irgendwie betreut zu werden. Er kann auch nicht darauf hoffen, dass der Anschlussflieger bei einer Verspätung wartet. Das ist wie bei Discountern: Man kann nehmen, was im Regal liegt, bekommt aber weder Beratung noch Kundendienst.

Bringt das Drehkreuz München Vorteile?

Münchner Passagiere können zahlreiche Fernverbindungen ohne vorherigen Zubringerflug nutzen. Das ist ein klarer Vorteil. Außerdem gibt es Verbindungen in viele Städte, die erst durch die Zubringerfunktion von und nach München hinreichend ausgelastet sind. Viele Verbindungen in kleinere Städte – etwa nach Münster – würde es ohne das Drehkreuz wahrscheinlich nicht geben. Umgekehrt sorgen die vielen Passagiere, die den Münchner Flughafen nur fürs Umsteigen nutzen, für eine höhere Belastung mit Emissionen und Lärm, worunter vor allem Anwohner leiden.

Martin Prem (mit Material von dpa)

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