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Eine elektronische Gesundheitskarte steckt in einer Geldbörse.

Was die neue Gesundheitskarte bringt

München - Millionen gesetzlich Versicherte bekommen in den nächsten Monaten die neue elektronische Gesundheitskarte. Konkrete Verbesserungen bietet die neue Karte vorerst aber nicht.

Bereits im Herbst haben hunderttausende Versicherte in Bayern Post von ihrer Krankenkasse im Briefkasten gefunden. In den Schreiben fordern die Kassen ihre Mitglieder auf, ein Passbild von sich einzusenden – und zwar entweder über ein Internet-Portal oder klassisch per Post. Über das genaue Verfahren informiert die jeweilige Krankenkasse. Das Bild des Versicherten auf der Chipkarte ist die auffälligste Neuerung.

Mit dem Start der Gesundheitskarte kommt endlich Bewegung in eines der größten IT-Projekte der Welt. 2006 werde jeder Versicherte die neue Chipkarte in den Händen halten, verkündete 2004 die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Seitdem ist wenig passiert. Jahrelang stritten Krankenkassen, Ärzte, Apotheker und Kliniken über Kosten und Datenschutz. Um das Mammutprojekt zu retten, beschloss Schwarz-Gelb mit einer Mini-Variante zu starten.

Kritiker fürchten gläsernen Patienten

Nach zehn Jahren Debatte sei es vernünftig, zumindest mit Basisfunktionen zu starten, sagt Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU). „Betrug und Missbrauch werden durch das Versichertenfoto erschwert.“ Singhammer spricht sich auch für eine rasche Ausweitung der Funktionen aus. Die Befürchtung, Daten könnten in falsche Hände geraten, sei unbegründet, so der CSU-Politiker.

Von einem Wundermittel im Gesundheitswesen war einst die Rede. Mit der neuen Chipkarte sollten teure Doppeluntersuchungen vermieden werden. In der Theorie klingt es ganz einfach: Wird etwa ein Patient vom Hausarzt zum Orthopäden überwiesen, kann sich der Facharzt mit Hilfe der neuen Karte die bisherigen Röntgenaufnahmen anschauen. Dazu müssten jedoch rund 200 000 Ärzte, 22 000 Apotheken, 2200 Kliniken und rund 150 Krankenkassen miteinander verbunden werden. Gegen diese Verknüpfung wehren sich Kritiker. Sie fürchten den gläsernen Patienten.

Die elektronische Gesundheitskarte startet daher als äußerst abgespeckte Variante. Auf der Karte sind zunächst nur Name, Geburtsdatum, Geschlecht, Anschrift und Angaben zur Krankenversicherung gespeichert. Schrittweise sollen in den nächsten Jahren weitere Funktionen wie das elektronische Rezept oder die virtuelle Patientenakte eingeführt werden. Einen genauen Zeitplan gibt es allerdings noch nicht.

Das Bundesgesundheitsministerium ist mit der ersten Ausgabewelle zufrieden. Bis auf wenige Ausnahmen hätten die Krankenkassen wie vorgeschrieben bis Ende 2011 zehn Prozent der Versicherten mit neuen Karten ausgestattet, heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums, die unserer Zeitung vorliegt. Bis Ende des Jahres müssen 70 Prozent der Versicherten die elektronische Gesundheitskarte im Portemonnaie haben.

Alte Karte gilt vorerst weiter

„Die Umstellung hat bisher gut funktioniert“, sagt Michael Leonhart, Sprecher der AOK Bayern. Rund 440 000 Chipkarten hat Bayerns größte Kasse bereits verschickt. In diesem Jahr kommen weitere 2,6 Millionen Karten hinzu. Die Techniker Krankenkasse hat sich bisher auf die Region Nordrhein konzentriert. In Bayern soll ab dem vierten Quartal auf die elektronische Gesundheitskarte umgestellt werden, so eine Sprecherin.

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Die neuen Karten nützen allerdings wenig, wenn nicht auch die Ärzte entsprechende Lesegeräte angeschafft haben. Die Ausstattungsquote liege inzwischen bei 90 Prozent, schreibt das Gesundheitsministerium. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns nennt eine Quote von 80 Prozent. Falls es mit der neuen Karte nicht klappt, hilft derzeit noch die alte Karte – sie bleibt vorerst gültig. Es empfiehlt sich daher, die alte Karte nicht sofort zu entsorgen.

Scharfe Kritik an der Umstellung kommt von Bayerns Zahnärzten: „Die vollmundigen Versprechungen, die man gemacht hat, werden durch dieses milliardenteure Projekt nicht erfüllt“, kritisiert der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB), Janusz Rat. Die neue Karte diene weniger dem Patienten als der Industrie. „Sie ist ein Konjunkturprogramm für die IT-Unternehmen.“

Von Steffen Habit

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