Neue Strategie: Wie München bei Siemens an Gewicht verliert

- München - Die Flucht aus der Ungewissheit trieb Siemens nach dem Zweiten Weltkrieg von Berlin nach München. Hier wurde der Elektro-Konzern zum größten privaten Arbeitgeber und Mitgestalter des Stadtbilds. Heute verliert der Hauptsitz für den Weltkonzern an Bedeutung. Der Siemens-Standort München leidet unter der Zerschlagung des Kommunikationsgeschäfts.

Als Siemens vor neun Jahren sein 150-jähriges Bestehen feierte, jubilierte Münchens Wirtschaftsreferent Reinhard Wieczorek: "Die Verlagerung des Firmensitzes der Siemens AG nach München war der alles entscheidende Auslöser für die heutige Stellung Münchens als Hightech-Zentrum." Siemens war zu dieser Zeit mit 37 000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber in der Stadt. Doch schon damals hatte der Standort München seinen Zenit im Siemens-Imperium überschritten.

Aufgrund der unsicheren politischen Lage Berlins war 1949 die Umsiedlung der Firmensitze von Siemens & Halske nach München und von den Siemens-Schuckertwerken nach Erlangen beschlossen worden. Die beiden Städte verfügen heute noch über die meisten Mitarbeiter hierzulande (siehe Grafik). Während Erlangen im Sog der Konzern-Strategie an Bedeutung gewinnt, droht München jedoch der Abstieg.

Bevölkerungswachstum und Verstädterung werden die Erde in den nächsten Jahrzehnten prägen. Davon ist Konzernchef Klaus Kleinfeld überzeugt. Kraftwerke, Wasseraufbereitungsanlagen, Medizingeräte - das sind Produkte, auf die Kleinfeld setzt. Handys und Telefonanlagen gehören nicht dazu. Das Kommunikationsgeschäft - Keimzelle des Konzerns und bislang wichtigster Umsatzträger - hat schlechte Perspektiven. "Diese Bereiche haben in der Vergangenheit gelitten und sie leiden weiter", sagt Michael Leppek von der IG Metall in München. Das gilt auch für den Standort. Denn die Kommmunikation bildet den Schwerpunkt der hiesigen Siemens-Aktivitäten.

Vor 20 Jahren arbeiteten 50 000 Menschen in München für den Siemens-Konzern. Heute ist es die Hälfte. Nicht alle verschwundenen Stellen wurden abgebaut oder an andere Standorte verlagert. Viele blieben unter dem Dach anderer Firmen erhalten, etwa dem Chipkonzern Infineon, der aus der Siemens-Halbleitersparte entstand, oder dem taiwanischen BenQ-Konzern, der das Handy-Geschäft übernommen hat. Doch wurden allein seit 2001 etwa 3000 Siemens-Jobs in München vernichtet, schätzen Arbeitnehmerkreise.

Auch manche Stelle unter neuer Führung wurde abgebaut oder wackelt. So schließt Infineon derzeit sein Werk in München-Perlach mit 800 Beschäftigten, BenQ will knapp 300 Stellen streichen. Zudem ist ein Stück Unternehmenskultur bei Siemens verloren gegangen.

"Früher war Siemens ein Arbeitgeber, bei dem man sein Leben lang bleiben konnte", sagt Inken Wanzek, die etwa 20 Jahre in dem Konzern gearbeitet hat und das Mitarbeiternetzwerk NCI leitet. "Die Atmosphäre hat sich völlig verändert", hat sie festgestellt. Am Standort Hofmannstraße seien zu ihrer Anfangszeit 25 000 Menschen beschäftigt gewesen, heute seien es weniger als 3800. "Damals war es richtig voll. Heute wirkt es wie ausgestorben." Und der nächste Schnitt steht bevor.

Das Netzwerkgeschäft geht in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia. Dort werden 6000 Münchner Siemensianer landen. Zwar bleiben sie in der Stadt, doch mit unsicherer Perspektive. Bis zu 15 Prozent der Stellen sollen wegfallen. Branchenkenner glauben, dass sich Siemens in einigen Jahren ganz von dem Geschäft trennen wird. Weitere 5000 Stellen in München hängen am Geschäft mit Telefonanlagen, für das der Konzern wohl eine ähnliche Lösung sucht wie bei den Netzwerken. Auch die 4300 Mitarbeiter der Dienstleistungs-Tochter SBS haben einen schweren Stand. Die Sparte verursacht Verlust und baut Stellen ab.

Aufbau findet in anderen Bereichen statt: Der Getriebespezialist Flender, VA-Tech oder der jüngst angekündigte Kauf des Dampfturbinen-Spezialisten Kühle, Kopp & Kausch sind Siemens Milliarden wert. Doch die jeweiligen Sparten sind in München kaum vertreten. Neben der Konzernzentrale mit etwa 1300 Mitarbeitern und der Vertriebs-Niederlassung mit etwa 3000 Beschäftigten ist hier nur die Automatisierungssparte mit einer größeren Mitarbeiterzahl - etwa 1000 - aktiv.

Von der Konzernstrategie profitieren andere Standorte, etwa Erlangen. Hier sitzt die Medizintechnik-Sparte, die seit dem Jahr 2000 über fünf Milliarden Euro in Übernahmen gesteckt hat. Künftig spiele die Musik bei Siemens in Erlangen, soll ein Mitglied der dortigen Stadtspitze schon triumphiert haben. Manfred Meiler vom Verein der Belegschaftsaktionäre hält das für übertrieben. München sei immer noch der größte Siemens-Standort. "Aber die Abmagerung ist schon problematisch."

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