Neue Zeitrechnung: Beim Anwalt wird nun ums Honorar gefeilscht

- Vertrauen ist gut, Anwalt ist besser, wirbt der Deutsche Anwaltverein (DAV) für die Leistungen seiner Mitglieder. Ob sich auch die Stimmungslage deutscher Anwälte angesichts neuer Gebührenregeln bessert, bleibt abzuwarten. Denn ab 1. Juli müssen sie das tun, was sie in 120 Jahren gesetzlichen Gebührenrechts nicht gelernt haben: mit dem Mandanten feilschen. Das Honorar für die außergerichtliche Beratung ist dann mit dem Anwalt frei auszuhandeln.

Bislang haben sich auch die Gebühren für außergerichtliche Beratung nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz bestimmt. "Hier ist aber zu unterscheiden zwischen Beratung und Vertretung", sagt der Vorsitzende des DAV-Gebührenausschusses, der Duisburger Rechtsanwalt Herbert Schons. Sobald aus der Beratung eine Vertretung wird, also etwa ein Anwaltsschreiben an die Gegenseite geht, dann gilt wieder das Vergütungsgesetz. "Die bisherige Preistransparenz geht verloren", meint Schons, "und die Verbraucher werden eher verunsichert."

Preisbeispiele

Künftig wird am Anfang jedes Mandantengesprächs die Honorarfrage stehen, in der viele Anwälte voraussichtlich eine schriftliche Gebührenvereinbarung vorlegen werden. Denkbar sind bei kleineren Angelegenheiten Pauschalbeträge. Ist die Anfrage umfangreicher und mit Sichtung von Unterlagen verbunden, so wird es eine Gebührenvereinbarung nach Zeitaufwand geben. In der Regel liegen die Sätze zwischen 100 und 500 Euro pro Beratungsstunde je nach Kanzleistruktur und Rechtsgebiet.

Einige Anwälte werden auch mit Billigangeboten versuchen, Mandanten zu binden. Denn auch wenn derzeit Tausende Rechtsanwälte in Seminare für Preisverhandlungen pilgern - die neue Zeit hat bei einigen Rechtsberatern längst begonnen. Sie bieten bereits Erstberatungen zu Pauschalpreisen an, etwa im Familienrecht ab 20 Euro und im Arbeitsrecht ab 25 Euro. "Bei Gebühren muss darauf geachtet werden, dass ein angemessenes Verhältnis zu Leistung und Haftungsrisiko besteht", sagt Julia von Seltmann, Geschäftsführerin der Bundesrechtsanwaltskammer. Normalerweise können bis maximal 190 Euro plus Mehrwertsteuer verlangt werden, unabhängig davon, wie hoch der tatsächliche Bearbeitungsaufwand war. Kommt es zum Schriftverkehr oder gar zur Klage, werden diese Kosten aber angerechnet.

Anwalts-Ketten

Einer der Vorreiter für 20-Euro-Beratungen war die Juraxx-Kette. Sie betreibt in 29 deutschen Städten Ladengeschäfte, in denen bis zu sechs Rechtsanwälte auf Mandanten warten. Nur ein Sechstel der rund 120 Juraxx-Anwälte ist bei einem der Oberlandesgerichte zugelassen und lediglich ein halbes Dutzend verfügt über einen Fachanwaltstitel. Dass die dort genannten Billigtarife nur die halbe Wahrheit sind, ist schwer erkennbar. Denn sobald die Leistung über die Beratung hinausgeht, zahlt man auch bei diesem Anbieter ab 125 Euro die Stunde. Oder es wird ganz normal auf Basis des Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes abgerechnet, also wie bei jedem anderen Anwalt auch.

Telefon und Internet

Wer selbst bei den Discount-Anwälten Schwellenangst hat, findet Alternativen in der Telefon- und Onlinerechtsberatung, etwa von Anwalt.de, Anwaltsuchservice oder Deutsche Anwaltshotline. Hierüber ist die Anwaltschaft ebenso gespalten wie bei den Billiganbietern in der Fußgängerzone. Denn während ältere Vertreter des im Umbruch befindlichen Berufsstandes Fast-Food-Beratungen ablehnen, sehen viele in der für den Mandanten anonymen Online-Erstberatung die Zukunft.

Online- und Telefonberatungen bergen Risiken: Was ist, wenn der Mandant "Pacht" sagt, aber "Miete" meint, oder wesentliche Merkmale eines Sachverhalts aus Kostengründen verschweigt? Denn Telefonberatungen werden mit Minutenpreisen von bis zu 1,99 Euro abgerechnet, nach zehn Minuten sind knapp 20 Euro fällig. Falls auch für die Erstberatung umfangreicher Schriftverkehr zu sichten ist, dann bleibt wohl doch nur der Weg zur ganz normalen Kanzlei vor Ort oder zu Verbraucherzentrale und Mieterverein.

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