Aigner über Dispozins: "Kann so nicht weitergehen"

München - Der Leitzins der EZB steht auf dem historischen Tiefstand von 0,75 Prozent. Doch bei den Zinsen für Dispokredite langen die Banken weiter kräftig zu. Jetzt fordern viele Bundesländer gesetzliche Obergrenzen.

Es kann schnell passieren: Die Waschmaschine ist kaputt und dazu das Auto, zwei unerwartete Ausgaben auf einmal und schon ist man im Dispo. Jeder vierte Erwachsene in Deutschland hat heuer schon mal sein Konto überzogen, ergab jüngst eine Forsa-Umfrage. Aber so verlockend der kleine Kredit ist, er schlägt kräftig zu Buche – teils mit über 14 Prozent.

Hohe Dispozinsen in Niedrigzinsphase

Für Banken und Sparkassen ist es zur Zeit sehr günstig, sich Geld zu beschaffen. Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins seit 2008 von damals 4,25 Prozent stark abgesenkt, seit Juli steht er auf dem historischen Tiefstand von 0,75 Prozent. Das hat an hohen Dispozinsen kaum etwas geändert. Trotz teilweiser vorsichtiger Absenkungen zu Jahresbeginn liegen sie laut Stiftung Warentest bei durchschnittlich zehn bis elf Prozent. Unter den Spitzenreitern sind Deutsche Bank und Postbank mit über zwölf Prozent. Dagegen verlangen die Deutsche Skatbank 5,25 Prozent, die DAB-Bank 6,95 Prozent.

Regierung sieht Banken in der Pflicht

Die vielfach hohen Dispozinsen sorgen auch unter Politikern für Stirnrunzeln. „Überhöhte Dispozinsen sind bei einem historisch niedrigen Leitzins wenig vermittelbar“, sagte gestern ein Sprecher des Ministeriums von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zu unserer Zeitung. Es bestehe Diskussionsbedarf. Auch den Banken müsse inzwischen klar sein, „dass es so nicht weitergehen kann“.

Streit um Deckelung der Zinshöhe

Eine gesetzliche Obergrenze für Dispozinsen ist nach Ansicht von sechs rot-grün geführten Bundesländern das beste Mittel, die Verbraucher vor überhöhten Dispozinsen zu schützen. Sie wollen die Bundesverbraucherministerin auf der derzeit stattfindenden Konferenz der Verbraucherminister der Länder zum Einschreiten auffordern. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Johannes Remmel fordert, die Bundesregierung solle eine Obergrenze für Dispozinsen auf Basis eines Drei-Monats-Euribor-Zinsatzes plus einem noch zu bestimmenden Prozentsatz festlegen. Baden-Württemberg hat zudem eine entsprechende Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht. Am Freitag ist der Vorstoß der Länder voraussichtlich Thema der Ministerkonferenz

„Wir sehen die Gefahr, dass wir den Verbrauchern mit der Deckelung der Dispozinsen einen Bärendienst erweisen würden“, sagte gestern ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums. Es bestehe die Gefahr, dass eine Obergrenze faktisch zu einem staatlich verordneten Mindestzins führen könnte: „Derzeit gibt es neben vielen Banken mit überhöhten Dispozinsen auch einige Institute, die faire Zinsen anbieten“, so der Sprecher. Die könnten auf das Niveau einer gesetzlichen Deckelung angehoben werden. Deshalb warte das Verbraucherministerium auf Angebote der Banken. Und fordert Transparenz. „Ein Unding, dass einige Banken ein Geheimnis um die Höhe ihrer Dispozinsen machen“, so der Sprecher. Auch sollten einige Banken ihre Kunden schlicht besser betreuen und zur Umschuldung raten. Entsprechende dies verordnende Gesetze plane man in Aigers Ministeruim aber nicht.

Ratenkredit günstiger

„Wir können das Thema nicht dem Markt überlassen, weil sich gezeigt hat, dass er in Sachen Dispozinsen nicht funktioniert“, stellt dagegen Frank-Christian Pauli, Bankenexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, fest. Die Verbraucherzentralen fordern deshalb eine Deckelung auf sieben Prozent über dem Leitzins. „Für die Banken ist das Ausfallrisiko bei Dispokrediten wesentlich geringer als bei normalen Krediten“, sagt er. Verbrauchern, die häufig Dispokredite beanspruchen, empfiehlt er, zu günstigeren Ratenkrediten zu wechseln. Ein Bankenwechsel allein wegen hoher Dispozinsen sei selten ratsam. „Oft verlangen die Banken mit niedrigen Dispozinsen dann hohe Kontoführungsgebühren.“

Susanne Sasse

Rubriklistenbild: © dpa

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