Zu zweit zum Bankgespräch – so haben Verbraucher einen Zeugen an der Seite und können eine fehlerhafte Beratung leichter beweisen. Foto: Fotolia

Neuer Wirbel um Bankberatung

München - „Falschberatung hat bei der Postbank System“ – mit diesem vernichtenden Urteil sorgt das Verbrauchermagazin Finanztest für gehörigen Wirbel. Die Postbank weist die Vorwürfe zurück.

Die Finanzkrise macht sensibel. Bankberater stehen daher verstärkt im Visier von Verbraucherschützern und bekommen meist keine guten Noten. Erst im Dezember titelte Finanztest mit „Die große Blamage – Banken im Test“ (wir berichteten). Dabei stellten sie den Kreditinstituten insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus. Mit „mangelhaft“ bewertete das Verbrauchermagazin unter anderem die Lösung des Anlageproblems der Testkunden bei der Postbank. Jetzt gehen die Vorwürfe sehr viel weiter: Finanztest schreibt in der aktuellen Ausgabe von einer systematischen Falschberatung.

-Was genau wirft Finanztest der Postbank vor?

Die zentrale These ist: „Falschberatung hat bei der Postbank System.“ Finanzberater müssten fragwürdige Erfolgspläne erfüllen, damit sie und ihre Vorgesetzten gut verdienen, schreibt das Magazin. Dabei geht es in erster Linie um die Postbank-Tochter Postbank Finanzberatung. Die etwa 4000 Vermittler dieses Unternehmens seien als selbstständige Handelsvertreter beschäftigt und würden als solche kein festes Gehalt beziehen. Daher müssten sie ausschließlich von Provisionen und Prämien für Vertragsabschlüsse leben. Das gehe aber nur, wenn man ganz viel verkaufe. Viele Berater würden mit diesem Druck nicht mehr fertig werden, sodass mehrere Hundert in den vergangenen Monaten gekündigt hätten.

-Wie kommt es zu diesen Vorwürfen?

Das ergibt sich aus einem Leseraufruf, den das Magazin im November 2009 startete. „Die Auswertung der Zuschriften wirft ein verheerendes Bild auf die Verkaufsmethoden der Postbank Finanzberatung.“ Zur Überraschung von Finanztest schrieben nicht nur Kunden, sondern auch zahlreiche Mitarbeiter der Postbank über die Mängel in der Finanzberatung. „Bei uns musste alles verkloppt werden, was möglichst viel Provision bringt“, schreibt ein Exberater des Postbankvertriebs. „In meinem Vertriebsgebiet wurde vor allem Jagd auf ‚Leos‘ gemacht.“ Leos seien „leicht erreichbare Opfer“ wie Alleinstehende oder alte Menschen.

Einem 80-jährigen Rentner wurde eine über 17 Jahre laufende riskante Schiffsbeteiligung aufgeschwatzt. „Bis heute weiß der Kunde nicht, was ich ihm da verkauft habe“, erklärt ein Berater beim Postbankvertrieb gegenüber Finanztest. Sein Vertriebsdirektor habe ihm den Verkauf des Schiffsfonds an den Mann nahegelegt, da diesOffensichtlich ist die schweigende Mehrheit mit der Beratung zufrieden, denn diese Quote liegt damit im Promillebereich aller pro Jahr getätigten Abschlüsse. Dennoch will die Postbank Finanzberatung sich dieser und ggf. weiterer Beschwerden gerne annehmen, um den Sachverhalt zu klären und in berechtigten Fällen eine einvernehmliche Lösung mit den betroffenen Kunden zu findener das Ende der Beteiligung ohnehin nicht erleben werde. „Das gibt eine Superprovision“, habe sich der Vorgesetzte gefreut.

-Was sagt die Postbank zu diesem Bericht?

In Postbank-Kreisen spricht man von einer Negativ-Kampagne seitens Finanztest, wodurch dem Konzern völlig zu Unrecht mafiöse Arbeitsmethoden unterstellt werden. Offiziell aber bedaure man es sehr, wenn sich Kunden manchmal falsch beraten fühlen. Das sei aber bei zwei Millionen Beratungsgesprächen im Jahr „leider nicht komplett auszuschließen“, heißt es in einer Stellungnahme. Darin betont der Konzern, dass im Jahr 500 000 Geschäftsabschlüsse getätigt würden – „hunderte“ Kundenbeschwerden, wie sie Finanztest vorliegen, entsprechen demnach einer Quote im Promillebereich. Dennoch wolle man sich dieser und weiterer Beschwerden annehmen und in berechtigten Fällen eine einvernehmliche Lösung finden. Allerdings habe es Finanztest im Vorfeld der Veröffentlichung abgelehnt, die vorliegenden Kundenbeschwerden einzeln anzusehen – „zu unserem Unverständnis“, so die Postbank. Das habe man aus Informantenschutz nicht getan, erklärt Finanztest-Redakteurin Ariane Lauenburg. Sie habe der Bank alle Vorfälle vorgetragen mit allen relevanten Daten – außer dem Namen. Doch ohne diesen war der Konzern nicht bereit, eine Stellungnahme abzugeben.

-Aber was ist nun an den Vorwürfen dran?

Das System des mobilen Vertriebs mit insgesamt 4000 selbstständigen Beratern bestätigt Postbanksprecherin Iris Laduch gegenüber unserer Zeitung. Diese bekommen kein Gehalt, sondern leben von einer Provision – das sei allerdings branchenüblich. Auch habe man in letzter Zeit eine Fluktuation unter diesen Beratern verzeichnet. Mehrere Hundert, wie Finanztest schreibt, seien es aber definitiv nicht. Über den Weggang dieser Mitarbeiter sei man allerdings „nicht unglücklich“. Sie hätten nicht zu den Besten gehört.

-Stehen die Postbank-Berater aufgrund von Erfolgsplänen unter besonders hohem Druck?

Die von Finanztest genannten Erfolgspläne, nach denen nur unter bestimmten Bedingungen (u.a. 36 Neukunden fürs Bausparen im Jahr) Prämientöpfe ausgezahlt werden, seien eine zusätzliche Leistungsvereinbarung auf freiwilliger Basis, betont Postbank-Sprecherin Laduch. „Dazu wird niemand gedrängt.“ Dem widerspricht Lauenburg, schließlich könnten die Berater von den normalen Provisionen allein meist nicht leben. Zudem seien diese Pläne gängige Praxis. Wer dem nicht zustimme, dem werde mit Kündigung gedroht.

Dass sich Bankmitarbeiter durch teils desolate Vertriebsstrukturen und Zielvorgaben unter Druck gesetzt fühlen, sei unabhängig von einzelnen Instituten durchaus ein Problem, bestätigt ein Bankenexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.

-Fällt die Postbank im Vergleich zu anderen Banken negativ auf?

„Erstmalig haben sich an einem Leseraufruf auch dutzende Mitarbeiter beteiligt“, sagt Finanztest-Redakteurin Lauenburg. Das sei zumindest ein Indiz dafür, dass es bei der Postbank härter als üblich zugehe. Das kann der Bundesverband der Verbraucherzentralen nicht bestätigen. Allerdings gab es im vergangenen Jahr bereits einen Postbank-Skandal: Bis Ende Oktober 2009 stellte die Postbank Finanzmanagern sämtliche Girokontodaten ihrer Kunden zur Verfügung. Die Kunden ahnten davon nichts. Diese Praxis wurde nach einem Bericht von Finanztest von der Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen gestoppt.

Stefanie Backs

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