Neustart oder Ausverkauf? Zukunft von Babelsberg ungewisser denn je

- München - Wer ist Christoph Fisser? Das war gestern die meistgestellte Frage in den Babelsberger Filmstudios. Kurz zuvor war die Nachricht bekannt geworden, dass die altehrwürdigen Potsdamer Traditionsstudios nach München verkauft wurden - für nur einen Euro und an einen Mann, der in der Filmbranche zwar ein unbeschriebenes Blatt ist und von Kino, so ein Münchner Bekannter Fissers auf Anfrage, "so viel Ahnung hat, wie ein Hund vom Autofahren".

<P>Umso mehr versteht Fisser dagegen von Veranstaltungen und Immobilien. 1992 gehörte er, ein guter Freund des Journalisten und designierten Chefredakteurs der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", Giovanni di Lorenzo, zu den Organisatoren der "Lichterkette" gegen Ausländerfeindlichkeit; damals demonstrierten 400 000 Münchner. Sein Geld verdiente er im München der 90er-Jahre vor allem mit dem geschickten Kauf und Verkauf von Gebäuden und mit der Vermietung ungewöhnlicher Liegenschaften. Besonders in der Vermietung ausrangierter Bundeswehrkasernen im Norden der Stadt war Fisser aktiv. <BR><BR>Toben bald Techno-Jünger durch ehrwürdige Hallen?<BR><BR>Steht Ähnliches jetzt auch Babelsberg bevor? Toben am Ende bald wilde Technojünger in den ehrwürdigen Studiokomplexen? Nichts Genaues weiß man nicht. "Wir wissen denkbar wenig", meint auch Felix Neunzerling vom Studio Babelsberg, "nur, dass die Entscheidung in Paris offenbar gefallen ist. Nächste Woche treffen wir uns mit den neuen Investoren." Längerfristig vereinbarte Projekte seien von dem Verkauf nicht betroffen.<BR><BR>Zwölf Jahre lang gehörten die Traditionsstudios zum französischen Unterhaltungskonzern Vivendi-Universal. Zuletzt war jedoch auch Vivendi in die Krise geraten. Bereits vergangene Woche wurde gemeldet, dass der Konzern das Studio loswerden will. Damals hatte man in Branchenkreisen noch mit einer Übernahme durch das Studio Hamburg gerechnet. Doch der knallharte Konsolidierungskurs gab jetzt offenbar den Ausschlag für den Bieter, der am wenigsten Geld kostet.<BR><BR>Manche Kenner der Szene vermuteten, dass die jetzigen Käufer - neben Fisser, der unter anderem in München ein Produktionsstudio für Kinderfilme leitet, ist auch Carl Woebcken, Geschäftsführer beim Berlin Animation Fonds und ehemaliger Finanzvorstand der Münchner Rechtefirma TV-Loonland AG namentlich bekannt - nur als Zwischenhändler auftreten und die Studios bald mit Gewinn weiterverkaufen.<BR><BR>Der Betriebsrat der 220 Angestellten fühlt sich vor allem von Paris im Stich gelassen: "Wir freuen uns über jeden Investor. Aber wir wären gern besser informiert worden", erklärte der Betriebsratsvorsitzende Jan-Peter Smarje auf Anfrage: "Wo bleibt das moralische Gewissen der Konzernführung? Jetzt geht es uns genau wie vor 12 Jahren, als uns die Treuhand über Nacht verkaufte." Am Donnerstag tritt die Babelsberger Belegschaft zusammen. Fisser will über seine Pläne zunächst Management und Belegschaft informieren. "Wir wollen Babelsberg als Filmstandort erhalten", war von ihm gestern lediglich zu erfahren.<BR></P>

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