Wer nicht abhebt, der kassiert

- München - Für die Fluglinien ist es ein Geschäft: mehr Tickets verkaufen, als es Plätze an Bord gibt. Meist geht das gut, weil einige Passagiere die Maschine sausen lassen. Manchmal geht die Rechnung aber nicht auf - und gebuchte Gäste müssen am Flughafen zurückbleiben. Die Fluggesellschaften zahlen dann Entschädigungen: Bargeld oder Fluggutscheine. Wer Zeit hat und es geschickt anstellt, kann kräftig Kasse machen.

<P>Bombay, 22.30 Uhr. Die indischen Mitarbeiter am Check-in-Schalter der Air France müssen kapitulieren: Der Nachtflug AF 135 nach Paris ist hoffnungslos überbucht. Es werden Freiwillige gesucht, die von ihrem gebuchten Platz zurücktreten. Zehn Kandidaten sind kurzentschlossen: vier deutsche Touristen, ein holländischer Beamter, eine fünfköpfige indische Familie. Die Prämie: 380 Euro oder ein Air-France-Fluggutschein über 725 Euro pro Person, dazu Unterkunft im Hotel mit Verpflegung, bis der nächste Flieger geht. </P><P>Das soll morgen sein - aber über Delhi. Erst um Mitternacht steht fest, wie viele Freiwillige definitiv gebraucht werden. Bis dahin warten die Sitzenbleiber im Airport-Café, gut versorgt mit Snack-Gutscheinen. "Das war hier letztes Jahr genauso", erzählt Rentner Wolfgang H. aus Bremen. "Da bin ich acht Tage länger geblieben - und hatte nachher sechs Fluggutscheine." 23 Uhr. Ein Air-France-Mitarbeiter bringt die ersten Bons - allein fürs Bereithalten: wahlweise 75 Euro bar oder einen Flug im Wert von 110 Euro pro Kopf. Gegen Mitternacht ist klar: Alle zehn müssen ins Hotel.</P><P>Ein Bus fährt die Freiwilligen um zwei Uhr nachts zurück in die Stadt. Am nächsten Morgen liegen die restlichen Gutscheine an der Rezeption. Mittags holt ein Bus die Gruppe ab. Von Bombay geht es mit Air India nach Delhi, von dort startet abends eine Air France-Maschine nach Paris. Aber auch die wird überbucht sein. Die zehn Meilensammler opfern sich noch mal, und noch mal, und noch mal - alles in allem vier Tage lang. Am fünften Tag werden sie en bloc nach Paris abgeschoben, obwohl noch immer Freiwillige gesucht werden. Wer wie die Kölner Grafikerin Kerstin Koller die Fluggutscheine wählt, kann jetzt für fast 2900 Euro mit Air France um die Welt düsen. Die indische Familie aus Paris streicht mit der Warterei rund 7500 Euro ein. </P><P>Alle Fluglinien versuchen ihre Maschinen optimal auszulasten und verhökern auf Linienflügen mehr Tickets, als die Maschine Plätze hat. Wie viele, das ermitteln Computer-Prognosen, in die Jahreszeit, Ferien, Messen oder Vorjahresstatistiken einfließen. Anders als bei Lotsenstreiks oder Schneesturm sind die Airlines an den Überbuchungen selbst schuld und müssen Passagiere entschädigen. Das gilt auch für Charterflüge. Sinn machen die Überbuchungen trotzdem: Viele Geschäftsleute buchen ihre Flüge vorsichtshalber mehrfach, andere Passagiere erscheinen nicht, verpassen zum Beispiel den Flieger.</P><P>Bei der Lufthansa treten jährlich rund zwölf Prozent aller gebuchten Gäste nicht an - immerhin 5,6 Millionen. Damit kann man die Sitze von 14 400 Boeing 747-400 füllen. Die Lufthansa verkauft damit pro Jahr rund eine Million Tickets mehr. Szenen wie in Bombay sind den Fluggesellschaften aber peinlich, vor allem wenn sich nicht genug Freiwillige finden. Dann gilt das Prinzip: Den letzten Eincheckenden beißen die Hunde. Für einen Arzt oder Anwalt, der ein paar Tage seine Praxis dichtmachen muss, weil er am Airport festsitzt, ist das schnell eine kleine Katastrophe, die Kompensationen dann nur lächerlich. Allerdings kann er Schadensersatz einklagen.</P><P>In den USA ist das Spekulieren auf überbuchte Flüge fast Volkssport. Profis, so genannte Bumpees, erfragen bei Reisebüros überbuchte Flüge, buchen die am Tag vor dem Abflug und lassen sich gegen Cash oder Gratisflüge am Flughafen wieder von der Passagierliste streichen. Um den Wert des Fluggutscheins wird dann am Gate noch munter gefeilscht. Die freiwillig über Bord gegangenen Passagiere des AF-Fluges 135 von Bombay nach Paris haben ein gutes Geschäft gemacht. Die Gutscheinjäger schwören auf Indien und die Air France. Ihre Gleichung: Ein Indien-Ticket kaufen und dafür vier Übersee-Tickets geschenkt bekommen.<BR></P>

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