Niedergang eines High-Tech-Standorts

- München - Ein Zusammenschluss der Rüstungsgiganten EADS und Thales rückt näher. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat Bundeskanzlerin Angela Merkel wohl den Verzicht auf ein deutsches Veto abgerungen. Die Folgen für die Region München wären fatal.

Denn das deutsch-französische Gleichgewicht, das bisher die EADS prägte, wäre dahin. Daimler-Chrysler hätte statt bisher 30 nur noch knapp 20 Prozent. Nahezu ebenso viel hätte allein der französische Staat (bisher 15 %).

Der Anteil des Lagardè`re-Konzerns wäre zwar von 15 auf gut zehn Prozent abgewertet.

Früher arbeiteten in Ottobrunn 16 000 Menschen

Doch dafür wären die französischen Thales-Großaktionäre Alcatel und Dassault mit etwa fünf Prozent an Bord. Da Alcatel seinen Anteil an Thales vorher kräftig aufstocken will, und sich beim Streubesitz das französische Übergewicht verstärken würde, ergäbe sich eine klare Mehrheit.

In Verbindung mit den immer offensichtlicher werdenden Bestrebungen zur Konzentration wichtiger Aktivitäten in Frankreich dürfte eine Folge sein, dass Ottobrunn, bisher eine der beiden operativen Konzernzentralen, zu einer Filiale abgewertet wird.

Dabei ist der Standort im Südosten Münchens bereits heute nur noch ein Schatten einstiger Bedeutung: 16 000 hochqualifizierte Beschäftigte waren dort tätig, als das Unternehmen Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) hieß. Bereits wenn bestehende Pläne umgesetzt werden, bleiben davon gerade 2300 übrig.

Die Hubschrauber-Aktivitäten werden in Donauwörth konzentriert. 

Militärflugzeuge haben ihr Zentrum künftig in Manching.

Das sind immerhin auch künftig noch bayerische Arbeitsplätze. Doch Anderes verschwand lautlos: 

Die Abteilung Raumfahrt wurde drastisch zusammengestrichen.

Die Triebwerksprüfstände in Ottobrunn wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Der Antennenmessplatz, eine von zwei Einrichtungen in Europa, bei denen die hochkomplizierten Antennen von Satelliten entwickelt und getestet werden können, wurde sang- und klanglos geschlossen.

Der fortschreitende Verlust an technologischer Kompetenz könnte auch in einer Liste verschlafener deutscher Zukunftschancen aufgeführt werden.

Der Transrapid wurde bei MBB entwickelt. Gebaut wird er wohl in China.

Bei der zukunftsträchtigen Hyperschall-Technologie war Ottobrunn weltweit führend. Nachdem sie aufgegeben wurde, brauchte Boeing noch 15 Jahre, um den damaligen Entwicklungsstand von MBB zu erreichen.

Das amerikanische Space-Shuttle wäre ohne Lizenzen für die Triebwerkspatente von Ludwig Bölkow nie geflogen.

Während die Politik unter dem Mode-Fremdwort "Cluster" die Verzahnung von Forschung, (industrieller) Entwicklung und Produktion als Zukunftshoffnung entdeckt hat, zerbröselt, was einmal die Blaupause dafür war.

Mit dem Ende des Kalten Kriegs begann der Abstieg

Der Abstieg begann jedoch ohne französische Hilfestellung: Mit dem Ende des Kalten Krieges strich der Bund Forschungsvorhaben mit Rüstungsnutzen dramatisch zusammen. Das löste den Niedergang aus. Gleichzeitig wurde in Neubiberg der Flugplatz geschlossen. Seither war die damalige Dasa weltweit der einzige Luftfahrtkonzern, dessen Hauptquartier aus der Luft nicht mehr zu erreichen war. Dieser Mangel wurde mit ein Grund für die Konzentration der Kampfflugzeugaktivitäten in Manching.

Die traurige Geschichte könnte sich wiederholen - in Oberpfaffenhofen, wo rund um den Sonderflughafen auch hoffnungsvolle Neuansiedlungen stattfinden: Weil der reine Werksflugverkehr einen wirtschaftlichen Flugbetrieb nicht trägt, soll "Obi" in beschränktem Umfang auch Geschäftsfliegern offen stehen. Bürgerinitiativen und umliegende Gemeinden laufen dagegen bereits Sturm.

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