+
Frostige Zeiten: Schnee vor der NSN-Zentrale in München.

Nokia Siemens: Die Hiobspost kam per E-Mail

München - Die Hiobspost kam per E-Mail: Nokia Siemens Networks streicht jede dritte Stelle in Deutschland, der Standort München wird komplett dicht gemacht. Für die 3700 Mitarbeiter endet eine jahrelange Zitterpartie – mit dem denkbar schlechtesten Ausgang.

Es ist 12.01 Uhr, als die E-Mail in den Postfächern der rund 9100 Mitarbeiter bei Nokia Siemens Networks (NSN) in Deutschland eintrifft. Der Betreff verheißt nichts Gutes: „Restrukturierung von NSN – nächste Schritte in Deutschland.“ Was in der Nachricht steht, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen: Jeden dritten Job in Deutschland streicht der Netzwerkausrüster – insgesamt 2900. Den Standort an der Münchner St.-Martin-Straße in Giesing trifft es besonders hart. Er wird komplett dicht gemacht. 3700 Menschen arbeiten dort für NSN – 2200 werden vor die Tür gesetzt, der Rest soll umziehen. Nach Berlin, Bonn, Düsseldorf, Ulm oder Bruchsal. Nur diese fünf der bisher 35 deutschen Standorte will NSN erhalten. Schon Ende des Jahres soll auch in Giesing Schluss sein.

Doch nicht nur der Inhalt, auch die Form der Mitteilung stößt viele Mitarbeiter vor den Kopf. „Die Art und Weise, wie Nokia Siemens Networks seine Mitarbeiter informiert, ist für ein Kommunikationsunternehmen unter aller Sau“, schimpft Georg Nassauer, Chef des Gesamtbetriebsrates von NSN. „Das ist Kommunikation nach Gutsherrenart.“

Zwei Stunden nach dem Eintreffen der E-Mail herrscht gespenstische Stille auf dem größten deutschen NSN-Betriebsgelände an der St.-Martin-Straße. Wenige Mitarbeiter sitzen unschlüssig in der Kantine, vereinzelt schleichen Grüppchen über das Areal. Leise sprechen sie über das, was ihnen die Geschäftsführung zu Mittag serviert hat.

Auch wenn Betriebsrat Nassauer die Hoffnung für den Standort München noch nicht aufgeben will (siehe Interview), stehen die Chancen schlecht. Der angeschlagene Netzwerkausrüster beteuert, er habe keine andere Wahl: Ohne einen Kahlschlag bei den Beschäftigten gebe es keine Zukunft für das Unternehmen. Und dieser Kahlschlag trifft vor allem die Münchner.

Dass es zu einem schmerzhaften Aderlass kommen wird, war allen Angestellten bewusst. Schon vor Wochen hatte NSN bekanntgegeben, dass man weltweit 17 000 Stellen streichen wolle. Seit der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens von Nokia und Siemens im Jahr 2007 jagte eine Abbaurunde die nächste. Siemens hatte damals einen Teil seiner Kommunikationssparte in das neue Unternehmen eingebracht. Andere Teile wie die Mobilfunksparte, die an BenQ verkauft wurde, sind längst pleite. Auch NSN war stets nur ein Verlustbringer. Der nächste Kahlschlag war daher nur eine Frage der Zeit.

„Wir zittern seit Wochen“, sagt Jürgen K. (Name geändert) – und wirkt dabei seltsam gefasst. „Irgendwann zittert man nicht mehr.“ Aber dass es gleich den kompletten Standort trifft, „das ist schon hart“. K. streift zusammen mit ein paar Kollegen draußen durch die Kälte. „Wir wissen auch nur das, was in der Pressemitteilung steht“, sagt er frustriert. „Die Kommunikation klappt perfekt“, ätzt sein Kollege Gerhard F. sarkastisch. „Nichts dringt nach draußen.“

Wirklich überrascht ist keiner der Männer. Es scheint, als hätten sie resigniert. „Unser Konzernchef ist ein Inder“, sagt einer. „Was kümmert den das Schicksal von ein paar tausend Münchner Mitarbeitern und deren Familien?“ Die Entscheidung, sagt F., mache aus unternehmerischer Sicht ja Sinn. In München würden viele ältere, gutbezahlte Angestellte arbeiten – mit solidem Kündigungsschutz. „Die wird man nur los, wenn man gleich alles plattmacht.“ Die beiden Männer fürchten, dass die Schließung in München nur der erste Schritt ist. „Die machen scheibchenweise jeden Standort in Deutschland dicht.“ Deutschland sei einfach zu teuer.

Die offizielle Begründung lautet anders. Mehrere NSN-Pressesprecher eilen über das Gelände und werfen argwöhnische Blicke auf die Journalisten. Eine blonde Frau schreitet hektisch zum Empfang. Währenddessen telefoniert sie per Handy mit dem „Head of Communications“, der keine zehn Meter hinter ihr steht. Dann teilt sie die Journalisten fein säuberlich auf. Jeder für sich wird in einen kleinen Raum geführt. Dort warten weitere Pressesprecher – es scheint Dutzende zu geben.

In einem kahlen Zimmer sitzt Jozefa Terloo, sie ist eine aus dieser Schar. Ausgesucht höflich versucht sie zu vermitteln, warum ihr Konzern tausende Menschen vor die Tür setzen will. „Die Firma muss sich neu ausrichten, um aus den roten Zahlen zu kommen“, sagt sie. Bis Ende 2013 wolle man eine Milliarde Euro einsparen. „Das geht nur über Personalabbau.“ Betriebsbedingte Kündigungen könne man leider nicht ausschließen. Zu Sozialplänen und Abfindungen könne sie nichts sagen, das werde man noch mit dem Betriebsrat verhandeln. „Wir sind uns bewusst, dass das ein harter Schritt ist. Aber es ist der einzige Weg, um zu überleben.“

Das hatte auch Deutschland-Chef Hermann Rodler mitgeteilt. Man werde die Zahl der Beschäftigten „mit Respekt und unter Einhaltung aller rechtlicher Rahmenbedingungen“ reduzieren. Für die Mitarbeiter muss das zynisch klingen.

Warum es ausgerechnet München trifft? NSN will sich nach und nach von Sparten trennen, die als wenig zukunftsfähig gelten – das Festnetz zum Beispiel. Stattdessen will man sich auf moderne Kernbereiche konzentrieren, wie die Breitband-Übertragung im Internet. München habe leider das Pech, dass hier all jene Sparten sitzen, von denen der Konzern bald nichts mehr wissen will. Hinzu kommt ein riesiger Verwaltungsapparat und die Tatsache, dass hier nichts produziert wird. Außerdem säßen 80 Prozent der NSN-Kunden in Nordrhein-Westfalen. Terloo: „Wir wollen näher zu unseren Kunden.“

Auch deshalb ist die Entscheidung von NSN ein herber Rückschlag für die bayerische Politik. Die Staatsregierung brüstet sich gern mit all den Hightech-Firmen, die nach München ziehen. Jetzt wandert eine der prominentesten ab. Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) reagiert für seine Verhältnisse ungewohnt ruppig. „Eine Fehlentscheidung“, sagt er, als „trauriges Resultat einer missglückten Unternehmensstrategie und klarer Managementfehler“, auszubaden von „langjährigen Mitarbeitern“. Sein Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der gerade zu Besuch in München ist, gibt sich zurückhaltender: „Wir halten uns mit der Bewertung von unternehmerischen Entscheidungen zurück.“

Den Bayern missfällt vor allem das Vorgehen von NSN. Zeil und Regierungschef Horst Seehofer (CSU) standen mit dem Unternehmen seit Wochen in Kontakt. Dass die veraltete ISDN-Festnetztechnik kaum zu halten sein würde, zeichnete sich ab. Bayern wollte eine Aufspaltung des Unternehmens erreichen, um einzelne wettbewerbsfähige Teile in München zu halten. Der finnischen Nokia-Spitze seien solche regionalen Pläne eher egal, mutmaßte Zeil, hoffte aber offenbar auf Hilfe von Siemens. Das Verhältnis des Münchner Konzerns zur Staatsregierung gilt als eng. Statt einer Antwort erhielten der Wirtschaftsminister und sein grippekranker Chef aber am späten Montagabend die Nachricht von der Schließung. Zeil verlangt nun von Siemens, möglichst viele Jobs zu retten.

Doch der Konzern war von jeher zurückhaltend, wenn es um NSN ging. Nokia führe das Gemeinschaftsunternehmen, hieß es stets. Auch gestern äußert sich Siemens nicht zur Entscheidung von NSN. Man räume den betroffenen Mitarbeitern aber „bevorzugten Zugriff“ auf die offenen Stellen bei Siemens ein – immerhin mehr als 3000. „Vorbehaltlich ihrer Qualifikation natürlich“, betont ein Sprecher.

Auch der städtische Wirtschaftsreferent Dieter Reiter (SPD) will noch einmal mit Siemens sprechen. Es sei eine „insgesamt bedauerliche Entscheidung“, die NSN getroffen habe. Sie habe aber wohl nichts mit Standortfaktoren zu tun, die München beeinflussen könne. „Die Entscheidung beruht auf platter Kostensenkung“, sagt Reiter. Man müsse sich nun vor allem um die betroffenen Mitarbeiter kümmern.

Draußen in der Kälte auf dem Werksgelände in Giesing versammeln sich derweil hunderte Mitarbeiter vor der Kantine. Um 15.30 Uhr werden sie dort über ihr Schicksal informiert. Journalisten müssen draußen bleiben. „Auf keinen Fall“, herrscht eine resolute Dame an der Tür diejenigen an, die es trotzdem versuchen. Hunderte weitere Mitarbeiter werden von mehreren Bussen abgeholt und in Richtung Kunstpark Ost gefahren. Die Informations-Veranstaltung wird per Video dorthin übertragen. Die Kantine ist zu klein für all jene, die bald ihren Job verlieren.

Philipp Vetter, Thomas Schmidt und Christian Deutschländer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Einfach-Handy Nokia 3310 kommt zurück
Barcelona - Als hätte es die Smartphone-Revolution nicht gegeben: Das klassische Einfach-Handy Nokia 3310 wird neu aufgelegt. Die bunte Reinkarnation bekam beim Mobile …
Einfach-Handy Nokia 3310 kommt zurück
Google heizt Wettlauf um schlauere Smartphones der Zukunft an
Barcelona - Google Assistant gegen Alexa gegen Siri: Der Kampf digitaler Assistenten um die Gunst der Nutzer spitzt sich zu. Google will nun im Kielwasser der …
Google heizt Wettlauf um schlauere Smartphones der Zukunft an
LG präsentiert neue Geräte - G6 mit großem Bildschirm
Barcelona - Wird es erfolgreicher, als der Vorgänger? LG stellt auf dem Mobile World Congress mit dem G6 das aktuellste Modell seines Smartphone-Flagschiffs vor - und …
LG präsentiert neue Geräte - G6 mit großem Bildschirm
Starinvestor Buffett mit Gewinnsprung
Warren Buffetts Gespür für lukrative Geldgeschäfte hat seinen Aktionären einen weiteren Milliardengewinn beschert. In seinem Brief an die Investoren macht die …
Starinvestor Buffett mit Gewinnsprung

Kommentare