Nordeuropa wirbt Fachkräfte aus Deutschland und Polen ab

- München - Auswanderer zieht es wegen besserer Lebensbedingungen in die Ferne, gleichzeitig drückt sie etwas in der Heimat. In Deutschland ist es immer öfters lange Arbeitslosigkeit und die fehlende Perspektive, einen Job zu bekommen, die Deutsche ins Ausland treibt. Zum Beispiel der 50-jährige Baggerfahrer, der nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit nach der ersten Anfrage gleich eine Anstellung in der Schweiz erhielt. Gerade Handwerker, Kfz-Mechaniker, Elektriker und Zimmerleute werden in den Nachbarländern gesucht.

In Deutschland haben es vor allem ältere Langzeitarbeitslose schwer, eine neue Stelle zu finden. Dennoch wird auch hier über Fachkräftemangel geklagt. Und obwohl hierzulande immer noch über vier Millionen Menschen offiziell arbeitslos gemeldet sind, gibt es Branchen, die kein passendes Personal finden: Stichwort Erntehelfer. Ohne meist osteuropäische Arbeiter würden viele Bauern ihre Ernte nicht rechtzeitig einbringen können.

Die Zahl der ausländischen Erntehelfer auf bayerischen Feldern hat sich nach Angaben der Agentur für Arbeit in diesem Jahr um gut zehn Prozent verringert. Die Bauern hätten bisher 32 500 Einstellungszusagen für Saisonkräfte vor allem aus Polen und Rumänien erhalten, teilte die Regionaldirektion Bayern in Nürnberg mit. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 36 900 Zusagen. Der verbleibende Bedarf an Arbeitskräften soll aus dem Inland gedeckt werden. "Dennoch zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass eine Besetzung der Stellen für Erntehelfer nicht immer einfach ist", teilte die Regionaldirektion mit. Am ehesten gelinge dies noch, wenn alle Beteiligten -Landwirte, Arbeitslose und Arbeitsvermittler -ein hohes Maß an Flexibilität zeigten. In diesem Jahr gebe es bei der Weinlese in Franken nochmals einen größeren Bedarf an Erntehelfern.

Aber auch die polnischen Nachbarn, die zu Hunderttausenden im Ausland arbeiten, kennen das Phänomen hohe Arbeitslosigkeit und Mangel an Fachkräften. Trotz einer Arbeitslosenquote von mehr als 16 Prozent fehlen in Polen vor allem in der Baubranche und im Transportwesen zunehmend Arbeitskräfte. Die mittlerweile dringend benötigten Mitarbeiter suchen auf dem europäischen Arbeitsmarkt nach besseren Verdienstmöglichkeiten, berichtete die polnische Zeitung "Rzeczpospolita". Ende Juni hätten die polnischen Arbeitsämter 57 000 offene Stellen angeboten, für die sich keine Bewerber fanden. Vor allem im Bauwesen und in der Werftindustrie, die nach langen Krisenjahren wieder Aufträge hat, gibt es derzeit viele freie Arbeitsplätze. So klagen dem Bericht zufolge fast 40 Prozent der polnischen Betriebe im Bauwesen darüber, dass sie wegen des Mangels an qualifizierten Fachkräften Aufträge nicht erfüllen können.

Die Leitung der Werft Stocznia Szczecinska in Stettin (Szczecin) schätzt, dass seit dem EU-Beitritt Polens 2000 Werftarbeiter gekündigt haben. Das seien 40 Prozent der Belegschaft. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte droht sich jedoch noch zu verschärfen. Angesichts des Baubooms in Irland, wo bereits mehr als 300 000 Polen Arbeit gefunden haben, wollen irische Bauunternehmer in Polen Fachkräfte anwerben. Und auch Polen zieht Arbeitskräfte aus weniger wohlhabenden Ländern an. So wie bei dem polnischen Bauern, der das halbe Jahr einem bayerischen Waldbesitzer den Betrieb führt, ein Ukrainer den Hof während seiner Abwesenheit bewirtschaftet.

Deutschland ist für Polen schon längst nicht mehr die erste Wahl, um Arbeit zu finden. Irland und die skandinavischen Länder locken nicht nur mit besseren Verdienstmöglichkeiten, sondern haben ihre Arbeitsmärkte vollständig freigegeben -zum beiderseitigen Nutzen. Deutschland, das die Arbeitsaufnahme von Ausländern begrenzt, ist dagegen nicht in der Lage, die hohe Arbeitslosigkeit zu senken.

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