Normalbenzin bald über 1,50? Energiekrise hat auch Gewinner

- München - Trotz der teilweisen Freigabe staatlicher Ölreserven ist nach Ansicht von Experten kein Ende der Preisspirale beim Benzin in Sicht. Vielmehr erwarten Fachleute bald sogar einen Benzinpreis von 1,50 Euro pro Liter Normalbenzin. Die Energie-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, sagte der "Bild am Sonntag", es sei wahrscheinlich, dass die 1,50-Euro-Marke in den nächsten Wochen durchbrochen wird.

Auch die Mineralölkonzerne schließen einen weiteren Preisanstieg nicht aus. Die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes, Barbara Meyer-Bukow, sagte: "Die Reserven sind eigentlich für Versorgungskrisen gedacht. Sie sind nicht geeignet, eine Preiskrise zu beeinflussen. Dieser Effekt wird schnell verpuffen. Wenn es dann zu einer echten Versorgungsstörung kommt, würden diese Reserven fehlen. Dann könnte der Preis noch dramatischer steigen."

Die Energiepreis-Krise hat indes eine Reihe von Folgen und Trends herausgebildet.

Erdgasautos

Der Höhenflug der Benzinpreise sorgt für ein steigendes Interesse an Erdgasautos. "Nach einem für 2005 erwarteten Anstieg der Zulassungszahlen um 60 bis 70 Prozent rechnen wir für das kommende Jahr mit einem erheblich höheren Zuwachs", sagte der Geschäftsführer der von der deutschen Gaswirtschaft gegründeten Gesellschaft Erdgasmobil, Bernhard Jeken. Vor allem auch eine steigende Zahl von neuen Erdgas-betriebenen Auto-Modellen sorge für eine zunehmende Nachfrage. Auf Grund günstiger Steuern biete der Gasbetrieb trotz der Koppelung des Erdgases an den Rohölpreis erhebliche Kostenvorteile von bis zu 45 Prozent im Vergleich zu Benzin- oder Dieselfahrzeugen. "Diese Steuervorteile sind bis zum Jahr 2020 festgeschrieben", sagte Jeken. Der bei der Anschaffung eines Erdgasautos fällige Zuschlag zum Kaufpreis habe sich damit nach einer Fahrstrecke von 30 000 bis 40 000 Kilometern amortisiert. Hauptnachteil der Fahrzeuge sei eine noch relativ geringe Reichweite im Erdgasbetrieb von rund 400 Kilometern.

Biokraftstoff

Die Autoindustrie sieht sich für einen höheren Einsatz von Biokraftstoffen gerüstet. "Angesichts der Preisexplosion von Benzin und Diesel an den Zapfsäulen muss der Einsatz regenerativer Biokraftstoffe konsequent vorangetrieben werden", forderte der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk. "Die deutsche Automobilindustrie ist schon heute für einen höheren Einsatz biogener Kraftstoffe gerüstet - sowohl beim Diesel als auch beim Benziner." "Eine Verdoppelung der Beimischung von Biodiesel ist heute technisch machbar - allerdings muss die Qualität stimmen." Neben der konsequenten Einsparung des Verbrauchs sei dies der Schritt, um die Abhängigkeit von fossilen Energien zu verringern. "Auch beim Benzin können Biokraftstoffe stärkere Verwendung finden." Die Fahrzeuge seien bereits dafür ausgerüstet. Die Autoindustrie prüfe derzeit eine Beimischungsquote von zehn Prozent Bioethanol.

Gaspreise

Die explodierenden Sprit- und Heizölpreise werden nach Angaben von Industrieverbänden und Verteilern kurzfristig keine Auswirkungen auf die Gaspreise haben. Bei Eon oder RWE stünden neuerliche Anhebungen der Gaspreise nicht bevor. Verbraucherschützer befürchten dagegen, dass die Entwicklung auf den Rohölmärkten wegen der Preisbindung beim Gas eine neue Welle von Anpassungen auslösen wird. "Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche", sagte Holger Karwinkel vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Schub im Maschinenbau

Der Maschinenbau profitiert durch unerwartete Export-Erfolge. Wie "Die Welt" unter Berufung auf interne Zahlen berichtet, ist die Nachfrage aus den Opec-Staaten nach deutschen Investitionsgütern im ersten Halbjahr sprunghaft um 20,7 Prozent gestiegen.

Das Anzapfen der Ölreserven verpufft: Die Preise an den Tankstellen bleiben hoch.Foto: dpa

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