Tennet-Chef: „Im Notfall müssen Betriebe vom Netz“

München - Die Energiewende bringt das Stromnetz an die Belastungsgrenze. Wir sprachen mit Martin Fuchs, Chef des Netzbetreibers Tennet, über drohende Stromausfälle, konkrete Notfallpläne und Versäumnisse der Politik.

Im Februar stand Deutschland kurz vor einem flächendeckenden Stromausfall. Wie groß ist die Gefahr in diesem Winter?

Die Situation hat sich seit Frühjahr nicht entspannt. Der Netzausbau ist nicht vorangekommen – es wurden keine neuen Leitungen errichtet. Es wurden auch keine zusätzlichen Kraftwerke gebaut. Die Gefahr eines Stromausfalls ist eher noch gestiegen, weil jetzt in Süddeutschland zwei Gaskraftwerke nicht mehr für den regelmäßigen Einsatz zur Verfügung stehen.

Wir müssen also mit dem Schlimmsten rechnen.

Ich will nicht dramatisieren. Wir sollten die Gefahr eines Stromausfalls allerdings nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir bereiten uns daher seit Monaten intensiv auf verschiedene Situationen vor.

Wie sieht Ihr Katastrophen-Szenario aus?

Wir haben zwei extreme Szenarien mit den Aufsichtsbehörden und den anderen Netzbetreibern in Deutschland durchgespielt. In beiden Fällen gehen wir von einer länger andauernden Kälteperiode mit einem hohen Stromverbrauch aus. Im ersten Szenario gibt es starken Wind im Norden. Viel Windenergie drückt von Nord- nach Süddeutschland. Die Nord-Süd-Leitungen stoßen an ihr Limit. Um das Netz zu stabilisieren, müssen Kraftwerke im Norden vom Netz gehen und im Süden zusätzlich hochgefahren werden. Das Problem: In Kälteperioden ist die Kraftwerkskapazität meist komplett ausgelastet. Im Süden müssten wir auf die Kaltreserve zurückgreifen – also Kraftwerke, die nur im Notfall hochgefahren werden können.

Und das zweite Szenario?

Die Rahmenbedingungen sind ähnlich. Diesmal gehen wir aber davon aus, dass an Nord- und Ostsee Windstille herrscht. Wir müssen dann alle Kraftwerkskapazitäten in Deutschland mobilisieren, um den Strombedarf zu decken. Gerade in den frühen Morgen- und Abendstunden, wenn Solarenergie nicht zur Verfügung steht, kann es eng werden.

Was passiert, wenn in einer solchen angespannten Situation ein Kraftwerk ausfällt?

Innerhalb weniger Minuten müssen unsere Schichtführer in den Schaltleitungen reagieren, sonst bricht das Stromnetz zusammen. Wenn wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, bleibt nichts anderes übrig, als den Bedarf zu reduzieren.

Das heißt: Industriebetriebe müssten vom Netz.

Das ist im Energiewirtschaftsgesetz als Ultima Ratio vorgesehen. Damit sollen noch größere Stromausfälle verhindert und das Gesamtsystem stabilisiert werden. Man muss aber sagen: So etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben und ich hoffe, es kommt auch nie so weit. Im Februar waren wir aber kurz davor. Damals waren die Kraftwerkskapazitäten komplett ausgeschöpft. Wäre ein Kraftwerk ausgefallen, hätten wir Verbraucher vom Netz nehmen müssen.

Welche Konsequenzen wurden aus der Beinahe-Katastrophe im letzten Winter gezogen?

Wir haben in die sogenannte Spannungshaltung investiert. Das heißt: Um am Ende von langen Leitungen noch die nötige Spannung zu haben, braucht es unterstützende Maßnahmen. Dies übernehmen in der Regel Kraftwerke. Da in Süddeutschland immer weniger Kraftwerke bereitstehen, haben wir in entsprechende Anlagen investiert. Hinzu kommt die Ausweitung der Kaltreserve auf 2,5 Gigawatt.

Wie schnell ist die Kalt–reserve notfalls verfügbar?

Die Vorlaufzeit liegt bei fast 24 Stunden. Bei einem spontanen Kraftwerksausfall hilft uns die Kaltreserve also nicht.

Im Frühjahr sorgten Engpässe in der Gasversorgung für massive Schwierigkeiten. Droht die Gefahr auch in diesem Winter?

Wir müssen damit rechnen, dass in Kälteperioden weniger Gas aus Osteuropa nach Deutschland fließt. Die Politik hat aber klar erklärt: Bei Engpässen haben systemrelevante Gaskraftwerke Vorrang. Manche Gaskraftwerke laufen auch mit Öl – und würden dann darauf umsteigen.

Der Ausbau der Stromleitungen dauert noch Jahre. Wie kann die Politik zur Netz-Stabilität beitragen?

Für den Netzausbau brauchen wir schlanke und zügige Genehmigungsverfahren. Die Regierung muss aber auch die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit auch in Süddeutschland wieder neue Kraftwerke entstehen. Besonders Bayern ist vom Ausstieg aus der Atomenergie betroffen. Um Windstrom von Nord nach Süd zu leiten, gibt es die Idee, eine 600 Kilometer lange Stromautobahn ohne Ausfahrt zu bauen. Das wäre ein echter Befreiungsschlag.

Was würde dies kosten?

Die Ausgaben für so eine Verbindung liegen zwischen zwei und drei Milliarden Euro. Ein flächendeckender Stromausfall kostet allerdings innerhalb weniger Stunden Milliarden. Die Versorgungssicherheit sollte uns eine solche Investition wert sein. Um das Stromnetz zu stabilisieren, haben wir inzwischen tausend Eingriffe im Jahr. Oftmals müssen günstige Kraftwerke im Norden vom Netz genommen werden und durch teurere im Süden ersetzt werden. Die Kosten dafür trägt der Stromkunde – immerhin rund 150 Millionen Euro im Jahr.

In weiten Teilen Münchens fiel am Donnerstagmorgen der Strom aus. Müssen wir uns auf solche Blackouts öfter einstellen?

Noch sind die Ursachen für den Stromausfall in München unklar. Es scheint sich um einen technischen Defekt zu handeln. Technische Defekte lassen sich leider nicht hundertprozentig ausschließen.

Interview: Steffen Habit

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