Interview zur Geldanlage

Null-Zins-Zeiten: So gibt es trotzdem noch Rendite

  • schließen

Geldanlegen in Null-Zins-Zeiten – das ist für Sparer eine echte Herausforderung. Wie man trotzdem noch Rendite erzielen kann, besprachen wir mit Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

München – Geldanlegen in Null-Zins-Zeiten – das ist für Sparer eine echte Herausforderung. Wie man trotzdem noch Rendite erzielen kann, besprachen wir mit Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank.

-Die Aktienmärkte laufen von einem Rekord zum anderen. Trotz Brexit, trotz Trump. Wie erklären Sie sich das?

Ulrich Stephan: Erstens sind Alternativen zum Aktienmarkt knapp, und zweitens überzeugen die Gewinne der Unternehmen. Das erste Quartal war enorm gut – in Europa über 20 Prozent Plus gegenüber dem Vorjahresquartal, in den USA waren es knapp 15 Prozent. Die Gewinne sind die Haupttreiber.

-Sie halten Aktien also noch nicht für zu teuer, keine Blasengefahr?

Ulrich Stephan: Die Risikoprämien für Aktien sind immer noch sehr hoch, das spricht für eine gesunde Entwicklung. Auch wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis betrachtet, sind Aktien immer noch fair bewertet, weil der Zins so tief ist. Unter dem Strich kann ich keine Blasengefahr erkennen.

-Wie geht es weiter?

Ulrich Stephan: Die Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern ist extrem gut, das zeigen die Umfragen. Und das spiegelt sich auch an den Börsen wider. Fundamentaldaten wie Industrieproduktion oder Einzelhandelsumsätze halten allerdings nicht ganz mit. Die Frage ist, aus welcher Richtung diese Lücke geschlossen wird. Wahrscheinlich wird man in den kommenden Monaten die eine oder andere Enttäuschung erleben. Die Stimmung dürfte sich nicht eins zu eins in volkswirtschaftliches Wachstum umsetzen. Auch sind die Erwartungen für die Unternehmensgewinne sehr hoch – der größte Teil dürfte allerdings schon im ersten Quartal vereinnahmt worden sein. Wahrscheinlich werden die Steigerungen im zweiten und dritten Quartal nicht mehr ganz so hoch sein. Mittelfristig bleiben wir optimistisch, kurzfristig kann es zu Schwankungen kommen.

-Was würden Sie einem Anleger raten, der sich angesichts der Rekordjagd am Aktienmarkt nun doch einen Einstieg überlegt?

Ulrich Stephan: Ich würde heute nicht mein ganzes Geld in den Aktienmarkt stecken. Denn ich glaube schon, dass es über den Sommer zu Korrekturen kommen könnte. Deshalb wäre ich im Moment nicht zu mutig. Andererseits gilt: Lieber immer investiert sein als überhaupt nicht. Ich würde über mehrere Monate beständig in den Markt hineingehen.

-Konkret: Wenn ich 50 000 Euro hätte, die ich anlegen kann, wie soll ich vorgehen?

Ulrich Stephan: Ich würde im Moment eher mit 10 000 Euro anfangen und dann schauen, wie ich im Monatstakt aufstocken kann.

-Und in was soll man investieren?

Ulrich Stephan: Da ich derzeit etwas vorsichtiger bin, würde ich zyklische Aktien meiden – also solche, die stark von der Konjunktur abhängen.

-Geben Sie doch ein Beispiel für zyklische Aktien.

Ulrich Stephan: Das sind die Aktien von Unternehmen, die Dinge produzieren, die man nicht unbedingt braucht. Zum Beispiel Autos oder Medien. Wenn es einem nicht so gut geht, muss man das nicht haben. Auf der anderen Seite gibt es die defensiven Aktien, die auch in wirtschaftlich schlechteren Zeiten laufen. Also zum Beispiel Versorgungs- oder Telekommunikationswerte. Solche Werte würde ich heute bevorzugen.

-Wenn ich in einen Aktienfonds investiere, was ja für den Neuling sicher ratsam ist, tut es ein günstiger Indexfonds, oder ist ein teurerer gemanagter Fonds besser?

Ulrich Stephan: Vieles kann man mit einem passiven Instrument nicht abbilden. Vor allem, weil man in einem doch recht hochgelaufenen Markt stärker innerhalb eines Indexes oder einer Branche differenzieren muss. Das kann nur ein gemanagter Fonds. In einem Index habe ich auch immer nur einen Durchschnitt. Wenn ein Fondsmanager gut ist, setzt er auf die richtigen Unternehmen und Branchen. Gerade im derzeitigen Markt, der stark von der Geldpolitik getrieben ist, sollte man sich Unternehmen genau ansehen, in die man investiert. Deshalb sind in einer solchen Phase aktive Fonds oft die bessere Wahl.

-Wie finde ich unter den vielen tausend Fonds, die in Deutschland zugelassen sind, den richtigen?

Ulrich Stephan: Ein erster Anhaltspunkt können Fonds-Ratings wie zum Beispiel die von „Morning-star“ sein. Man muss sich die Anlagephilosophie und die Strategie anschauen. Und man sollte überlegen, ob man dem Unternehmen vertraut, das den Fonds anbietet. Wichtig ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und nicht einfach nur Anteile von solchen Fonds zu kaufen, die in der Vergangenheit am besten gelaufen sind.

-Gibt es einen Schwerpunkt, den Sie bevorzugen würden, was Länder angeht?

Ulrich Stephan: Man sollte in jedem Fall streuen, also nicht alles auf eine Karte setzen. Im Moment würde ich Europa den Vorzug geben. Europa dürfte gegenüber den USA einen deutlichen Bewertungsabschlag haben, und das Wachstum in Europa ist erstaunlich robust. Wir sind auch in den USA investiert, haben aber den Schwerpunkt in Europa. Außerdem legen wir einen kleineren Teil auch in Schwellenländern an, besonders in Asien.

-Welche Branchen sollte man sich anschauen?

Ulrich Stephan: Energie zum Beispiel, vor allem Öl und Gas, und da wiederum auch europäische Werte, die integriert sind. Das sind Unternehmen, die Rohstoffe nicht nur fördern, sondern auch verarbeiten. Die Aktien dieser Unternehmen haben sich in der Vergangenheit relativ zu anderen Industrien und Branchen nicht gut entwickelt. Die Baubranche dürfte weiterhin gut laufen, Baustoffe etwa. Auch wenn die Bundesbank für den Immobilienmarkt vor Blasen warnt – solange wir einen Nachfrageüberhang bei Wohnraum haben, wird der Boom weitergehen.

-Eine Branche, die für Bayern besonders wichtig ist, ist die Autoindustrie mit ihren Zulieferern. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ulrich Stephan: Die Branche leidet unter den Drohungen aus den USA, Strafzölle einzuführen, und sie steht vor großen Herausforderungen durch Digitalisierung und Elektromobilität. Deshalb sind die Bewertungen auch so niedrig. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Automobilsektor liegen teilweise unter zehn. Ich hoffe, dass Trump noch irgendwann verstehen wird, dass es alle ärmer machen würde, wenn man den Welthandel beschneidet. Es muss auch noch einmal deutlich gesagt werden, dass beispielsweise BMW mehr Autos in den USA produziert und von dort aus exportiert, als BMWs in die USA eingeführt werden. Die digitale Herausforderung trifft alle Branchen. Die Autohersteller hätten vielleicht früher anfangen müssen, aber heute sind sie ja mit Macht dabei, hier zu investieren und zu forschen. Ich glaube übrigens, dass die Zukunft intelligente Zusammenschlüsse sein werden. Also nicht, dass ein amerikanischer Technologiekonzern aus dem Silicon Valley das nächste Auto baut, sondern dass es Kooperationen zwischen solchen Konzernen und den Autobauern geben wird.

-Wenn ich dem Aktienmarkt nicht traue, was kann ich tun, um dem Null-Zins-Dilemma zu entgehen?

Ulrich Stephan: Schauen wir uns doch die Anlagenklassen an: Nicht gut liegt man derzeit mit Staatsanleihen. Vor allem wenn man davon ausgehen muss, dass die Zinsen doch allmählich steigen und die Kurse von Staatsanleihen damit unter Druck kommen. Bei Unternehmensanleihen liegt die Rendite in Europa bei bester Bonität momentan zwischen 0,6 und 0,7 Prozent. Das ist nicht viel. Europäische Unternehmen mit weniger guter Bonität liegen bei etwa drei Prozent, das waren früher mal bis zu 20 Prozent. Derzeit sind die Ausfallquoten zwar sehr niedrig, aber das liegt allein an der expansiven Geldpolitik. Wenn die sich ändert, kann sich das ganz schnell drehen. Dann könnte man in die USA schauen, dort gibt es bei guter Bonität drei Prozent, bei schlechterer Bonität durchaus sechs Prozent. Als Privatanleger sollte man das aber nur über Fonds machen.

-Was ist mit Immobilien oder Immobilienfonds?

Ulrich Stephan: Man muss auch bedenken, dass Immobilien in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch sehr billig sind. Es gibt eine Studie, der zufolge München die teuerste Stadt Deutschlands ist, aber international gesehen lediglich auf Rang 71 liegt. Die anderen deutschen Städte rangieren auf dreistelligen Plätzen.

-Was raten Sie Sparern?

Ulrich Stephan: Es kommt drauf an, wie alt man ist und wie viel Zeit man noch zum Sparen hat. Grundsätzlich muss man immer vom risikolosen Zins ausgehen – und der liegt nun mal derzeit bei null Prozent oder ist sogar negativ. Wenn man mehr haben will, muss man in irgendeiner Form ein Risiko eingehen. Viele Menschen sind stolz auf ,Made in Germany‘. Die Aktien deutscher Unternehmen würden sie aber nicht kaufen. Ich würde mir ein bisschen mehr Mut wünschen. Rein statistisch: Wenn man Aktien über einen Zeitraum von 13 Jahren hält, hat man in der Vergangenheit noch nie einen Verlust gehabt. Also: Man sollte etwas Zeit, Gelassenheit und etwas Mut aufbringen.

Interview: Corinna Maier

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Edeka räumt Regale leer - um ein klares Zeichen zu setzen
Große Verwunderung gab es am Samstag in der Hamburger Hafencity. Dort war ein Edeka-Supermarkt wie leer gefegt - und das mit Absicht. 
Edeka räumt Regale leer - um ein klares Zeichen zu setzen
Starinvestor Buffett unterliegt im Wettbieten um Oncor
Dallas/San Diego (dpa) - Der US-amerikanische Starinvestor Warren Buffett hat beim Bieterwettkampf um den texanischen Stromanbieter Oncor den Kürzeren gezogen.
Starinvestor Buffett unterliegt im Wettbieten um Oncor
Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Was nach der Insolvenz genau mit Air Berlin passieren soll, ist unklar. Doch der erste Ausverkauf der Fluggesellschaft hat schon begonnen.  
Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Post startet Bau eines Paketzentrums auf Ex-Opelgelände
Bochum (dpa) - Zweieinhalb Jahre nach der Schließung des Opel-Werkes in Bochum gibt es für den Ruhrgebietsstandort neue Hoffnung: Die Post baut auf Teilen des ehemaligen …
Post startet Bau eines Paketzentrums auf Ex-Opelgelände

Kommentare