Obazda, Senf und Spargel: Bayern sagt Raubkopierern den Kampf an

- München - Gegen Produktpiraterie und Etikettenschwindel kämpfen nicht mehr nur Mode-Designer und Edel-Uhrenhersteller. Auch Landwirte, Lebensmittelhersteller und Bierbrauer aus Bayern lassen nicht mehr zu, dass Firmen außerhalb der Grenzen des Freistaats mit dem guten Ruf der "Qualität aus Bayern" Werbung und Geschäfte machen. Sie schützen ihre traditionellen bayerischen Produkte mittels EU-Recht vor Nachahmung. Beim "Münchner Bier", der "Nürnberger Bratwurst" und dem "Allgäuer Emmentaler" ist dies bereits geschehen.

Den weiß-blauen Etikettenschwindel findet man beispielsweise in englischen Supermarktregalen. Neben vielen anderen Konserven stehen dort Gläser mit Sauerkraut. Auf dem mit weiß-blauen Rauten hinterlegten Etikett liest der Käufer in englischer Schrift als Rezepturangabe: "nach bayerischer Art". Doch wo bayerisch draufsteht, muss nicht zwangsläufig auch bayerisches Kraut drin sein. Der Hersteller produziert in Baden-Württemberg.

Adriano Profeta sieht darin eine Irreführung der Verbraucher. Profeta arbeitet an der TU München im Fachgebiet für Marktlehre der Agrar- und Ernährungswirtschaft und begleitet bayerische Lebensmittel auf dem Weg zum EU-Schutz. Wie er erzählt, war dieses Sauerkraut nach der Markteinführung in England ein Ladenhüter. Damals hatten die Gläser ein neutrales Etikett. Nach dem weiß-blauen Imagewechsel stieg der Verkauf sprunghaft an.

Anträge beim Deutschen Patent- und Markenamt

Die EU-Verordnung 2081/92 soll den weltweit guten Ruf bayerischer Spezialitäten vor solchem Missbrauch bewahren. Durch sie werden Herkunftsbezeichnungen bei Lebensmitteln (Nürnberger Lebkuchen, Kulmbacher Bier, Allgäuer Bergkäse) unter Schutz gestellt, erklärt Richard Balling vom Bayerischen Ministerium für Landwirtschaft und Forsten. Das gilt auch für alle ähnlich lautenden Bezeichnungen, wie "Lebkuchen aus Nürnberg".

Einen solchen Antrag bekommt als Erstes das Deutsche Patent- und Markenamt auf den Tisch. Antragsteller sind meist Schutzgemeinschaften, in denen sich mehrere Erzeuger einer kulinarischen Spezialität zusammenschließen. In einem langwierigen und komplizierten Verfahren, das bis zu fünf Jahre dauern kann und rund 900 Euro kostet, folgen als weitere Instanzen das Bundesjustizministerium und die EU-Kommission.

Der Allgäuer Bergkäse hat das EU-Zertifikat "geschützte Ursprungsbezeichnung" (gU). Wird ein Allgäuer Bergkäse verkauft, muss dieser somit komplett im Allgäu produziert werden, auch die Rohstoffe müssen aus dem Allgäu stammen. "Bayerisches Bier" trägt das Zertifikat "geschützte geographische Angabe" (ggA). Als Zutat darf es auch österreichischen Hopfen enthalten, muss aber in Bayern gebraut werden. Zu erkennen sind solche Produkte jeweils an einem runden, gelb-blauen Logo auf dem Etikett.

Aktuell sind 15 bayerische Produkte geschützt, darunter die bereits erwähnten. Auf der Liste der laufenden Verfahren stehen unter anderem die Bayerische Gewürzgurke, die Bayerische Kartoffel, der Bayerische Obazde, der Bayerische süße Senf und der Schrobenhausener Spargel. Natürlich haben sich auch andere EU-Länder traditionelle Speisen schützen lassen, beispielsweise "Camembert de Normandie" und "Prosciutto di Parma".Ein Vorteil für die Verbraucher: Mit der Zertifizierung werden bestimmte Herstellungskriterien festgelegt. Diese werden von der Lebensmittelüberwachung kontrolliert. "Das garantiert eine hohe Qualität", sagt Balling.

Momentan verhandelt die EU mit der Welthandelsorganisation (WTO) darüber, dass gU- bzw. ggA-Produkte auch weltweit geschützt werden. Denn außerhalb der EU gilt der Schutz nicht. Hauptgegner eines globalen Markenschutzes sind die USA, Kanada, Kolumbien und Brasilien.

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